LUNA

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Re: LUNA - 11

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:40

„Der Film sagt eigentlich, wie man es gerade nicht tun sollte. Der Hintergrund mit dieser Organhandels-Organisation, für die Menschen nur Ersatzteillager sind und keine fühlenden Lebewesen, gefällt mir absolut nicht! Auch dass der Mann denkt, mit ausreichend Dollars könne er sich alles leisten – und später ihren Wert in Dollars ermittelt, finde ich höchst verwerflich…“

„Richtig,“ pflichte ich Maik bei. „Von ihrer Seite sieht das Dogplay ganz anders aus! Sie ist vom Leben gebeutelt worden, ihr Freund hat sich als Grobian erwiesen, für den Tiere auch nur Gegenstände sind. Nun hat sie da jemand kennen gelernt, bei dem sich ihre Alltagssorgen in Luft auflösen. Sie fasst so viel Vertrauen und Zuneigung, dass sie die Verantwortung für sich in seine Hände legt. Das bedeutet außerordentliche Verantwortung in seinen Händen, der er jedoch nicht gerecht wird, weil er als reicher Mann alles durch die Dollarbrille zu betrachten scheint.“

„Da hast du bei mir Glück,“ versetzt er lächelnd. „Ich bin nicht reich, und kenne die Bedeutung der Gefühle. Was die Frau im Film sagte, dass sie sich in ihrer Situation als sein Doggie wirklich frei fühlt, dass sie sich sicher, geliebt, beschützt fühlen kann, dass sie ihm voll vertrauen kann – dass trifft schon eher auf uns zu. Ich werde dich niemals weitergeben und ich werde stets deine Gefühle achten!“

„Dir macht es wirklich nichts aus, wenn ich mal zicke?“ frage ich ihn. Ich habe mich etwas gedreht und schaue augenzwinkernd zu ihm auf.

Er schüttelt den Kopf.

„Wirklich nicht! Du bist schließlich kein Roboter, der prompt auf Anweisungen reagiert, sondern ein fühlendes Lebewesen, eine eigenständige Persönlichkeit.“

Ich recke mich ein wenig und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. Er nimmt mich daraufhin in die Arme und nähert sich meinem Mund mit dem seinen.

Nach einem langen Kuss, der mich ganz entspannen lässt, redet er weiter:

„Weißt du, wie ich das sehe?“

Ich schüttele den Kopf und schaue gespannt zu ihm auf.

„Als Owner kümmere ich mich um mein Doggie. Ich achte und schätze mein Doggie. Ich führe dich verantwortungsbewusst so, dass stets alles Überschaubare in Ordnung bleibt. Gegen Unvorhergesehenes gehe ich an, um es wieder in Ordnung zu bringen! Genauso wie ein Vater um das Wohl seiner Familie kämpft. Hier orientiere ich mich also ganz klar am Verhalten meines Vaters.
Eine menschliche Doggie ist wie ein geliebtes Haustier. Hier kannst du Parallelen zu Beauty ziehen. Ein echter Hund liegt gerne zu deinen Füßen, ist hingebungsvoll, treu. Eine Doggie wird meistens –nicht immer- ohne Frage folgen, aus Vertrauen zum Owner. Eine Doggie wird auch an der Leine gehen, ohne zu fragen, wohin…“

Ich schaue gebannt zu Maik auf und lasse die Worte wirken. Er redet nach einer kurzen Atempause weiter:
„Ein Tier, sagt man, ist ein Gefühlsmensch. Ein Tier handelt nach den momentanen Gefühlen. Es lebt in der Gegenwart. Aus der Vergangenheit zieht es Erfahrungen. Die Zukunft existiert noch nicht, warum also planen…
Wenn nun eine Doggie sich ganz auf ihre Gefühle konzentriert, dürfte sie bei intensiven Berührungen fühlen können, was der Andere fühlt. Zum Beispiel beim Kuss: Du fühlst, was in dem Anderen vorgeht, sei es nun Leidenschaft, bloß Freundlichkeit, oder gar Falschheit. Bei einer engen Umarmung kannst du Gleiches spüren.“

Als er das sagt, horche ich in mich hinein und muss ihm Recht geben. Er ist aber noch nicht fertig mit seinen Ausführungen. Also höre ich stumm weiter zu, eng an ihn gekuschelt.

„Ich habe in der letzten Zeit einiges im Internet gelesen und denke, wir sollten im Laufe der Zeit darüber gemeinsam reden,“ beginnt er weiterzusprechen.

„Nur sehr wenige verstehen wirklich, wie tief eine Beziehung mit Machtgefälle ist. Erklärt man es ihnen, schrecken sie zurück, denn Verantwortung fürchten die Meisten, wie der Teufel das Weihwasser!“

„Halt,“ werfe ich dazwischen, „was ist eine ‚Beziehung mit Machtgefälle‘?“

„Grob gesagt: Einer führt und der Andere lässt sich führen. Die meisten Menschen, die unterwürfig sein wollen, können nicht verstehen wie jemand freiwillig so viel geben und dabei glücklich sein kann.
Der Teil des Films eben, als der Owner mit seiner Doggie apportieren spielte, und auch später die Szene am Strand, erregte mich sehr. Das ist grenzenloses Vertrauen! Das wäre mir gleichzeitig unbedingte Verpflichtung und Verantwortung. Da bin ich in keinster Weise egoistisch auf meinen persönlichen Spaß bedacht! Mir geht es ausschließlich um DEIN Wohl. Dem ordne ich alles unter!“

Ich reibe meine Wange sanft an seiner Brust.

„Der Gedanke,“ redet Maik weiter, „dass jemand die volle Kontrolle über einen hat, ist vielen Menschen ziemlich beängstigend. Wenn sie den richtigen Owner finden würden, sehen sie aber sicher, es ist gar nicht so schwer.“

„Moment,“ begehre ich auf. „Die volle Kontrolle an jemand abgeben, den man nicht wirklich kennt…“

„Richtig, Liebes,“ antwortet er mir. „Das ist der Knackpunkt: ‚den man nicht wirklich kennt‘. Welchen Menschen kennt man durch und durch? Aber die Menschen warten auch nicht, bis sie ihr Gegenüber ausreichend gut kennen. Sie stürzen sich lieber in Abenteuer…
Nein, du sollst deine Selbstverantwortung nie ganz aufgeben und nur schrittweise in dem Maße, indem das Vertrauen wächst. Merke dir: Vertrauen ist eine steile Leiter mit sehr vielen Stufen. Es dauert lange, sie zu erklimmen, und man kann unterwegs auch schonmal abrutschen, je nachdem wie der Gegenüber sich verhält!
Als ich mir den Film –allein in meinem Zimmer- zum ersten Mal angesehen habe, musste ich lange darüber nachdenken, denn ich sah dich vor meinem inneren Auge. Wie lebt es sich mit einem menschlichen Hund an meiner Seite? Ein echter Hund –wie zum Beispiel Beauty- hat keine Wünsche an das Leben, außer den elementaren, wie zufrieden zu leben und Zuwendung zu erhalten. Er braucht sich um nichts kümmern. Doggie wie der echte Hund ist gehorsam und sehr gelehrig. Doggie wie der echte Hund will nicht bestimmen. Doggie wie der echte Hund hat manchmal Fragen im Kopf, macht sich über etwas Sorgen, aber der Owner kümmert sich darum und zerstreut die Sorgen.“

„Machst du dich damit nicht zum Übermenschen?“ muss ich jetzt aber doch dazwischen werfen.

„Warum?“ fragt er zurück.

Er wirkt einen Moment lang etwas konsterniert und rückt von mir ab. Dann sagt er:

„Die Menschen heute sind sehr Ich-fixiert. Sie streben nach dem eigenen Erfolg, eigenen Reichtum, eigenen Glück. Dafür können manche sogar ‚über Leichen‘ gehen. Mein Lebenslauf hat mir gezeigt, wie man sich dabei fühlt, wenn man von solchen Leuten an den Rand gedrückt wird. Das hat mich geprägt. Ich finde mein Glück, wenn ich in die glücklichen Augen meines Gegenübers blicken kann!“

„Entschuldige,“ sage ich leise.

Maik zieht mich wieder näher an sich heran. Ich schaue ihm verliebt in die Augen.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Maik beginnt die blickdichten Gardinen zuzuziehen. Ich knie mich hin und helfe ihm. Dann breitet er das Bettzeug auf der Liegefläche aus. Erst eine Seite, dann wechseln wir darauf und machen die andere Seite der Liegefläche fertig zum Schlafen. Schließlich schlafe ich, eng an ihn gekuschelt selig ein.

Am nächsten Morgen wache ich durch den Duft frischer Brötchen auf. Maik steht schon in der Kombüse und hat Tiefkühl-Brötchen in den Backofen geschoben. Wenig später schon kommt er mit einem Tablett in den Salon und wir frühstücken im Bett. Ist das himmlisch!

Nachdem wir gefrühstückt haben, bringt er das Tablett wieder in die Kombüse und ich verschwinde in der Nasszelle. Als ich daraus hervor komme, hat er den Salon auch soweit aufgeräumt, dass nur noch die gepolsterte Liegefläche ausgebreitet ist, damit ich einfach auf allen Vieren zwischen Achterdeck und Sonnendeck hin und her wechseln kann.

Dann holt er beide Anker hoch und wir radeln das Boot langsam rückwärts aus dem Nebenarm heraus. Dabei fallen mir die vielen Vogelstimmen auf und plötzlich sehe ich seitlich einen größeren Vogel flügelschlagend in der Luft stehen. Ich mache Maik darauf aufmerksam.

„Wir haben hier das Glück, eine Artenvielfalt ähnlich der am Amazonas vielleicht zu sehen – wenn wir darauf achten. Wir sehen also ganze Nahrungsketten von Insekten über Fische und Nagetiere bis zu Vögeln. Pflanzen- und Fleischfresser, Sammler und Jäger,“ erklärt er mir, „Das dort ist ein Raubvogel.“

Während er das sagt, legt der Vogel die Flügel an und stürzt aus der Luft auf etwas am Boden hinter dem Schilf herab. Da setzt sich eine handtellergroße Libelle mit metallischblauen Flügeln und grünlich schimmerndem Leib auf das Kabinendach vor uns. Nach wenigen Sekunden hebt er aber wieder ab, umschwirrt mich und verschwindet wieder seitlich im Schilf.

Kurz darauf treten die Ufer wieder weiter auseinander. Wir fahren weiter rückwärts, bis wir die von Bojen gekennzeichnete Fahrrinne im See erreicht haben. Hier dreht Maik die Escargot in Fahrtrichtung und wir fahren etwas schneller weiter in das Naturschutzgebiet hinein.

Nach einiger Zeit erkenne ich ein Dach über dem Schilf. Als der Uferbewuchs zurückgeht sehe ich, dass das Dach zu einem Haus gehört mit Terrasse, auf der mehrere Tische und Stühle stehen und einem Bootsanleger.

„Das ist das ‚Haus am See‘,“ sagt Maik. „Warst du schon einmal da?“

Ich schüttele den Kopf. Alles, was ich während der Bootsfahrt mit Maik gesehen habe, ist interessant und neu für mich. Papa ist mit uns oft in Freizeitparks gefahren, aber das hier ist nicht so laut und jahrmarktähnlich.

Maik lässt die Escargot antriebslos auf den Steg zu treiben. Er steuert nur, damit unser Boot in einem guten Winkel eine freie Anlegestelle trifft. Kurz vorher tritt er rückwärts in die Pedale. Wir werden langsamer. Dann nimmt er das Tau in die Hand, das die ganze Zeit neben dem Boot gehangen hat und läuft nach vorne. Er hängt es ein, zieht das Boot an den Steg und macht das Tau enger fest. Dann hält er das Boot am Handlauf fest und zieht es an den Steg heran.

Hinten bei mir angekommen sagt er zu mir:

„Gib mir bitte das Tau, das da zwischen den Sitzen liegt – am Auge bitte!“

Ich habe inzwischen erfahren, dass er damit die Schlaufe an einem Ende meint. Er hängt sie an einem Poller ein und steigt an Bord. Das andere Ende des Taus macht er an Bord fest. Danach geht er über das Gangbord nach vorne und löst meinen Rolli vom Kabinendach. Er klappt ihn auf und arretiert ihn. Nun schiebt er ihn neben das Achterdeck auf dem Steg und fordert mich auf:

„Komm, setz dich!“

Dabei nickt er mir beruhigend zu. Ich setze einen Fuß auf das Gangbord neben dem Achterdeck und er hält mich fest. Mit zwei Schritten bin ich auf dem Steg und setze mich in meinen Rolli. Maik beginnt nun, ihn Richtung des Restaurants zu schieben. Dort nimmt er einen freien Tisch in Beschlag. Er schiebt die Stühle zusammen, so dass ich mit dem Rolli an den Tisch komme, dann setzt er sich neben mich. Die Leute von den Nachbartischen schauen kurz herüber. Maik nimmt die Speisekarte und überfliegt sie. Dann reicht er sie mir.

„Magst du eine Pizza? Oder vielleicht eine Gyrosvariation? Oder was schmeckt dir?“ fragt er mich.

„Pizza Tonno Speziale lese ich hier,“ antworte ich und zeige auf die Karte. „Das ist eine mit Thunfisch auf Spinat.“

„Oh,“ lacht er mich an. „Du hattest mir mal erzählt, dass du als Baby eine Krankenschwester bespuckt hast, weil sie dich mit Spinat gefüttert hatte.“

Ich muss jetzt auch lachen.

„Ja… Das ist aber schon lange her…“

Inzwischen hat sich ein Kellner genähert und wartet ein Schritt hinter uns mit Block und Bleistift in den Händen. Maik wendet sich zu ihm um und sagt:

„Zwei Cola, bitte! Und eine Pizza Tonno Speziale, sowie einmal Gyros komplett für mich.“

Der Kellner notiert sich die Bestellung und wendet sich dem Nachbartisch zu. Nachdem er an allen Tischen mit Neuankömmlingen die Bestellungen aufgenommen hat, betritt er das Restaurant. Wenig später bringt er uns die Getränke.

Maik tastet sich mit der Hand zu meiner vor und umschließt sie. Ich wende meinen Blick vom See ab und schaue ihn an.

„Magst du in den Herbstferien mit mir nach Süddeutschland fahren?“ fragt er mich nun, „ein wenig in der Hundeschule meines Onkels zuschauen und die Herbstkirmes besuchen?“

Oh, er plant schon die nächste Freizeit, obwohl noch zweieinhalb Monate vergehen, bis dahin!

„Gerne,“ bestätige ich lächelnd.

Wir essen und Maik schiebt meinen Rolli mit mir zur Escargot zurück. Als er mich auf einen der Sitze auf dem Achterdeck gehoben hat und gerade den Rolli auf dem Kabinendach festzuschnallen, sage ich zu ihm:

„Hilfst du mir gleich hinunter in die Kabine? Ich bin so pappsatt! Ich würde mich gerne etwas hinlegen wollen…“

„Okayyy,“ gibt er zurück.

Schnell hat er den Rolli befestigt und kommt über das Gangbord zu mir auf das Achterdeck. Er schiebt den Niedergang auf, öffnet die niedrige Tür und geht die drei Stufen nach unten in die Kombüse. Dort dreht er sich um und sagt:

„Kannst du kommen? Ich sichere dich!“

Ihm zunickend drücke ich mich aus dem Sitz hoch und mache einen Schritt auf ihn zu. Da neigt sich das Deck etwas, wegen der Welle eines benachbarten Bootes, das gerade ablegt. Dadurch komme ich aus dem Gleichgewicht und strauchele. Fast theatralisch klappe ich zusammen und falle auf die Seite.

Mit einem Sprung ist Maik wieder oben auf dem Achterdeck und bei mir.

„Geht’s?“ fragt er mich. „Hat du dir irgendwo weh getan?“

Er hockt sich neben mich hin und nimmt mich auf die Arme. Ich schüttele den Kopf.

„Ist alles nochmal gut gegangen!“ sage ich.

„Das ist so eine Situation bei der du auch über Bord hättest gehen können, wenn du woanders gestanden hättest. Du musst an Bord IMMER die Schwimmweste tragen!“ sagt er betont.

Dann zieht er mich vor den Niedergang, geht erst selbst hinunter in die Kombüse und hebt mich dann in die Kabine hinein. Drinnen setzt er mich auf die Sitzbank der Essgruppe, aber ich rutsche herunter und laufe auf allen Vieren nach vorne in den Salon, wo ich mich auf die Liegefläche lege und nach ihm schaue. Er hat den Deckel des Niedergangs in der Zwischenzeit zugezogen und die Tür geschlossen.

Nun dreht er sich um, sieht mich und lacht kurz auf.

„Liebes, entspanne dich ruhig nach dem Schrecken!“ sagt er.

„Kommst du?“ frage ich und rutsche mehr zur Wand.

„Gern,“ antwortet Maik und kommt zu mir, um nun seinerseits auf die Liegefläche zu krabbeln.

Er nähert sich mir und legt seinen Arm auf meine Schultern. Ich kuschele mich an ihn und lege meinen Kopf an seine Achsel. Ein wunderschönes Gefühl von Geborgenheit lässt mich genießerisch die Augen schließen.

*


In der vierten Ferienwoche hole ich Andrea zuhause ab und führe sie aus unserer Kleinstadt heraus zum Randkanal.

Heute Morgen habe ich Papa geholfen unsere Escargot zu Wasser zu lassen. Dann haben wir sie unter der Brücke, über die die Straße weiter zum ‚Busch‘ führt, hindurch gezogen und an der Kaimauer festgemacht.

Ich lasse Andrea lange darüber im Unklaren, was sie erwartet, weil ich gerne die Überraschung in
ihrem Gesicht sehen möchte.

Papa steht noch mit unserem Auto und dem leeren Bootsanhänger neben der Escargot und erwartet uns. Er will bei der Abfahrt dabei sein, um ruhig schlafen zu können, während wir die paar Tage allein unterwegs sind.

Als Andrea das Boot erkennt, kommt es zu einem überraschten Ausruf. Ich lächele stolz.

Mein Vater begrüßt Andrea herzlich und wünscht uns ein paar schöne Tage im nahen Naturschutzgebiet. Er hilft mir, Andrea und das Gepäck an Bord zu bringen und verabschiedet sich dann.

Ich mache die Penichette los und starte die Elektromotoren. Dann erkläre ich Andrea die Funktionsweise der Schwimmkragen und rate ihr, an Bord immer einen zu tragen zu ihrer Sicherheit.

Dann will sie alles über den Pedalantrieb der Escargot wissen. Ich erkläre ihr alles mit viel Geduld. Auch die Aufteilung der Kabine interessiert Andrea. Dazu stoppe ich nach ungefähr einer Stunde wieder und mache das Boot an der Kaimauer fest. Ich helfe Andrea am Niedergang und zeige ihr die drei Räume der Kabine.

Zuerst befinden wir uns in der Kombüse, die auch als Aufenthaltsraum dient. Neben dem Durchgang zum Salon, der auch als Schlafraum dient, zeige ich ihr die Nasszelle mit Toilette und Dusche. Dann gehen wir weiter in den Salon vorne. Sie empfindet die Ausstattung als sehr spartanisch. Ich nehme an, sie ist noch nie zelten oder mit einem Caravan unterwegs gewesen.

„Du wirst sehen, das reicht völlig für einen Trip von ein paar Tagen. Du wirst dich schnell daran gewöhnt haben. Platz ist eben Geld und eine Luxusyacht ist die Escargot nicht!“ sage ich also zu ihr.

Weil wir inzwischen Mittag haben, bereite ich uns ein Mittagessen aus den mitgenommenen Lebensmitteln.

‚Für die nächsten Mahlzeiten kann mir Andrea bei den Vorbereitungen helfen,‘ denke ich mir, und stelle Hackfleisch, Paniermehl, gehackte Zwiebeln und Eier vor sie auf den Tisch.

„Würdest du bitte Frikadellenmasse herstellen?“ frage ich sie.

„Gerne,“ antwortet sie mir lächelnd. „Das wären meine ersten eigenen Frikadellen!“

Ich muss schmunzeln. Alles macht man irgendwann zum ersten Mal. Kurz darauf bittet sie mich schon um Hilfe:

„Maik…“

Sie hat zuviel Eier genommen. Jetzt ist die Masse ziemlich flüssig. Ich schmunzele und sage:

„Nicht schlimm, Liebes. Nimm mehr Paniermehl, dann wird die Masse wieder knetbar.“

„Wenn ich den Karton jetzt anfasse…“ meint sie gedehnt und zeigt mir ihre Hände.

Also beuge ich mich zu ihr herunter und schütte etwas Paniermehl dazu. Nun kann sie weiter kneten. Das wiederhole ich mehrfach, bis ihr die Masse nicht mehr so an den Fingern klebt.

„Das werden jetzt Fleischbrötchen…“ kommentiere ich ihr Werk lächelnd.
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Re: LUNA - 12

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:42

„Bist du mir böse?“ fragt sie mich daraufhin unsicher.

„Aber nein!“ sage ich und schüttele den Kopf.

Dann räume ich den Tisch vor ihr frei und stelle eine Waschschüssel vor sie hin, damit sie sich die Hände säubern kann. Bald danach essen wir. Anschließend meine ich:

„Wir sollten weiterfahren, sonst kommen wir nie auf den Seen an.“

Wir fahren kurz danach weiter. Gegen 18 Uhr meldet sie sich wieder:

„Maik…, ich habe Hunger.“

Dabei schaut sie mich mit so einer Art Dackelblick unnachahmlich an, dass ich lachen muss. Ich sage zu ihr:

„Ich wollte noch ein oder zwei Stunden weiterfahren bis es zu dämmern beginnt und dann die Escargot für die Nacht fertigmachen. – Aber natürlich, du hast Recht: Wenn ich in mich hinein höre, regt sich da auch der Hunger.
Denkst du, du kannst die Escargot ein paar Minuten in der Kanalmitte halten, so wie jetzt? Dann gehe ich nach unten und mache schnell zwei Hamburger fertig. Rufe mich sofort, wenn uns ein anderes Boot entgegen kommt!“

Ich stehe also auf und helfe ihr, sich auf meinen Sitz zu setzen, damit sie an das Steuerrad kommt. Danach gehe ich nach unten und mache aus zweien der Frikadellen, Salat, Gurkenscheiben und Tomatenketchup zwei Hamburger fertig. Da ruft sie nach mir:

„Maik, vorne kommt ein Ruderboot…“

Schnell bin ich bei ihr auf dem Achterdeck und steuere unsere Penichette an die Kaimauer heran. Im Abstand von etwa einem halben Meter steuere ich wieder geradeaus und gebe ihr das Steuerrad wieder in die Hand. Dann bin ich wieder unten und wickele die Hamburger in Küchenpapier ein. Als ich mit den Hamburgern zu Andrea hoch komme, treibt gerade das Ruderboot an uns vorbei. Ich winke den Männern zu und übergebe ihr einen der Hamburger. Da die Begegnung ohne Komplikationen verlaufen ist, lobe ich Andrea, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken.

Als es zu dämmern beginnt, mache ich das Boot am Ufer fest. Wir gehen in die Kabine, wobei ich ihr am Niedergang helfe. Der ist nun wirklich nicht für eine Person wie Andrea gemacht. Ich frage sie, wie sie sich den Tagesausklang vorstellt und sie wünscht sich einen Abendspaziergang. Ich orientiere mich also anhand der Karte, wo wir sind. Dann baue ich die Couches vorne zu Betten um und helfe ihr an Land.

Weit und breit ist keine menschliche Ansiedlung. Also meint sie:

„Keine Menschen in der Nähe und kein anderes Boot – da könnte ich doch mal die LUNA sein…“

Bevor wir losgehen, hole ich noch Knieschoner aus der Kabine und helfe ihr, sie anzuziehen. Dann klettert sie im Vierfüßler-Gang auf die Kaimauer und von dort auf den Kiesweg, der beidseitig des Kanals seinem Lauf folgt. Ich verschließe vorsorglich die Kabine und folge ihr auf den Weg, den wir ein paar Meter entlang gehen, dann biege ich auf die Grasfläche ab, damit sie über weicheren Untergrund gehen kann. Bald ist es so dunkel, dass ich uns mit der Taschenlampe leuchte. Wir gehen in Richtung vereinzelt wachsender Büsche und Bäume.

Da erfasst der Lichtkegel ein Tier, das zwischen zwei Büschen steht und aufmerksam zu uns herüber schaut. Ich richte die Taschenlampe voll auf das Tier und erkenne einen Fuchs, neben dem unter einem Busch eine Bewegung erkennbar wird.

„Wir gehen langsam an dem Tier vorbei,“ sage ich zu Andrea. „Wir halten aber Abstand!“

Dann revidiere ich aber meine Entscheidung, weil mir der Begriff ‚Tollwut‘ eingefallen ist. Ich erkläre Andrea, dass ich umkehren möchte, um sie zu schützen. Es könnte sein, dass die Fähe angreift, um ihren Welpen zu schützen.

Beim Boot angekommen, klettert Andrea auf allen Vieren an Bord, setzt sich in einen der Sitze und zieht die Knieschoner aus. Ich habe in der Zwischenzeit den Niedergang geöffnet und helfe ihr wie immer. Während sie noch auf die Toilette geht, lege ich mich schon einmal auf die Liegen. Wenig später kommt Andrea dazu und wir kuscheln noch eine Zeitlang bis wir einschlafen.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt sie immer noch eng an mich gekuschelt neben mir. Spontan streiche ich über in ihrem Brust- und Bauchbereich über die Bettdecke. Da dreht sie sich auf den Bauch, wendet mir ihren Blick zu und lächelt mich an.

„Guten Morgen, Luna. Hast du gut geschlafen?“ frage ich lächelnd.

„An deiner Seite – immer!“ gibt sie zurück und küsst mich auf die Wange.

„Wenn du willst, kannst du weiterhin in deiner Rolle bleiben. Dann bist du halt der Bordhund LUNA,“ schlage ich ihr vor.

Sie schaut mich neugierig an.

„Geh ruhig schonmal ins Bad und mach dich frisch!“ meine ich.

Während sie vorsichtig ins Bad geht, lege ich das Bettzeug zusammen und verstaue es im Bettkasten. Den Inhalt unserer Reisetaschen hole ich aus dem anderen Bettkasten und lege sie in die Regale, die sonst von den Rückenlehnen verdeckt sind. Dann gehe ich in die Kombüse und beginne das Frühstück vorzubereiten. Zu Andrea, die hinzu kommt, sage ich:

„Du solltest dann aber auch auf allen Vieren bleiben.“

Sie nickt und nähert sich mir langsam auf allen Vieren, um den Kopf in die kombüse zu strecken und mir zuzuschauen. Als alles auf dem Tisch steht und ich mich hinsetze, kommt sie näher und schaut zu mir auf. Also füttere ich sie mit belegten Brotstreifen von der Hand in den Mund. Ihren geliebten Kakao gebe ich ihr aus einer kleinen Thermosflasche zu trinken, die ich ihr hinhalte. Schließlich räume ich alles wieder weg und verschwinde selbst kurz im Bad.

Während ich danach nach oben gehe und unsere Escargot an Land losmache, schaut sie mir vom Niedergang aus zu. Nachdem ich abgefahren bin, verlässt sie ihren Platz. Eine gute Stunde lang sehe ich sie dann nicht mehr. Dann bewegt sich die Luke zum vorderen Sonnendeck hin und Andrea krabbelt hervor. Sie dreht sich um und winkt mir zu.

„Klettere nicht auf das Kabinendach,“ sage ich schnell. „Und balanciere auch nicht über das ‚Gangbord‘ nach hinten. Gehe lieber immer durch die Kabine von vorn nach hinten und umgekehrt.“

Sie nickt mir zu und verschwindet aus meinem Blickfeld. Sicher hat sie sich hingelegt, um sich zu sonnen.

Als wir den Randkanal verlassen und in den ersten See hinein fahren wird es lebendiger um uns herum. Frösche quaken im Schilf, Vögel jagen mit waghalsigen Flugmanövern Insekten, und plötzlich stürzt sich ein Eisvogel ins Wasser. Wenig später kommt er mit einem Fisch im Schnabel wieder hoch und fliegt davon. Man kann sehr gut sehen, warum diese Vögel ‚fliegende Diamanten‘ genannt werden. Er leuchtet regelrecht mit dem abperlenden Wasser in den Sonnenstrahlen.

Vom Auslauf des Kanals in den See wird mir der Fahrweg mit roten und grünen Bojen angezeigt, zwischen denen ich unser Boot halten soll. Gegen Mittag steuere ich die Penichette außerhalb der Fahrrinne, um anderen Booten Platz zu machen. Dann lasse ich den Bug- und den Heckanker fallen und gehe in die Kombüse, um das Mittagessen zu bereiten.

Vorher übe ich mit LUNA noch einige Kommandos.

Dann mache ich Pommes mit Frikadelle und Salat für uns beide. Ihre Portion schneide ich in mundgerechte Stücke und stelle ihren Teller auf den Boden neben mich. Nachdem sie ihren Teller ohne Zuhilfenahme der Hände geleert hat, säubere ich ihr die Mund-Kinn-Partie mit einem Küchentuch.

Nachdem ich gespült habe, zeige ich ihr auf der Karte, was ich als nächstes vorhabe:

„Das Naturschutzgebiet hat einen hohen Freizeitwert für die Bevölkerung. Natürlich müssen viele Bestimmungen eingehalten werden, aber ein unberührtes Naturschutzgebiet sähe anders aus. Vielleicht hast du ja schon davon gehört…
Neben dem ‚Haus am See‘ gibt es noch zwei Camping- und Caravanplätze. An einem davon fahren wir gleich vorbei. Dann biegen wir in einen Nebenarm ein, wo ich deine Hilfe brauche. Dort bleiben wir über Nacht. Morgen fahren wir bis zum ‚Haus am See‘, essen da und machen uns dann langsam auf den Rückweg.“

„Und wie kann ich dir helfen?“ fragt sie mich.

„Wenn wir gleich losfahren bist du wieder Andrea und sitzt neben mir. Wir radeln ohne Motor am Campingplatz vorbei. Damit erregen wir bestimmt Aufmerksamkeit - und niemand kann sagen, er hätte eine Motoryacht gesehen. So fahren wir dann auch in den Seitenarm hinein. Dort gehe ich aber mit einer Stange nach vorne und lote die Wassertiefe aus. Du radelst dann alleine und steuerst, wie ich es dir sage,“ erkläre ich ihr.

Danach helfe ich ihr den Niedergang zum Achterdeck hoch und komme hinterher. Ich hole die Anker wieder ein und steuere in die Fahrrinne zurück. Ab jetzt fahren wir mit Pedalantrieb und auch Andrea bewegt die Pedale vor ihrem Sitz. Wir fahren an einem Campingplatz mit Badestrand vorbei. Kinder stehen am Ufer und winken uns zu. Andere machen durch Rufe auf uns aufmerksam. Dann sind wir auch schon vorbei.

Gegen Abend steuere ich aus der Fahrrinne hinaus in eine Bucht hinein. Hier bin ich vor ein paar Wochen mit Mama und Papa schon gewesen. Damit wir nicht auf Grund laufen und feststecken, müssen wir uns nur ganz langsam vorwärts bewegen und ich muss mit einer Stange die Wassertiefe ausloten. Die Stange dafür steckt in Klammern auf dem Kabinendach.

Ich gehe also nach vorne und lasse die Stange mit den schwarz-weißen Markierungen ins Wasser gleiten. Je nachdem was ich an der Stange ablese, gebe ich Andrea Steueranweisungen. Schließlich sage ich ihr, dass sie die Anker herab lassen soll.

Ich gehe zu ihr und bedanke mich für ihre Hilfe. Dann meine ich:

„Es ist ja noch etwas früh, um schon schlafen zu gehen. Was hältst du von einem Filmabend heute?“

„Oh ja, gern,“ antwortet Andrea begeistert.

„Aber zuerst gibt es etwas zu essen!“ sage ich und stehe auf, um in die Kombüse zu gehen.

Sie kommt hinter mir her und setzt sich unten auf die Sitzbank. Von dort schaut sie mir zu. Sie fragt, was ich für morgen zum Essen vorgesehen habe.

Ich zucke mit den Schultern und antworte ihr:

„Morgen kannst du dir gerne im ‚Haus am See‘ etwas aus der Karte aussuchen. Wir essen dort oder nehmen es mit und essen danach hier an Bord. Morgen früh essen wir, was vom Früchtequark übrig bleibt. Übermorgen Mittag – wieder auf freier Strecke – vielleicht wieder Wraps mit Füllung?“

„Das hört sich gut an,“ sagt sie und meint: „Ich brauche bei dir ja kaum etwas tun…“

Ich schaue sie offen an und lächele.

„Eure Beauty braucht ja auch im Haushalt nichts tun. Sie lässt es sich gut gehen und folgt nur euren Anweisungen oder ihren Gefühlen. – Und du willst ja gerne meine LUNA sein.“

„Ja, schoooon…“ antwortet sie gedehnt.

„Hab kein schlechtes Gewissen dabei,“ sage ich deshalb. „Wenn ich deine Hilfe als menschliches Wesen brauche, sage ich es dir schon! Sieh mal, alleine hätte ich es nicht hier hinein geschafft.“

Sie nickt und schaue mich verliebt an.

Dann essen wir und ich räume wie üblich auf und spüle ab. Danach gehe ich nach vorne in den Salon und krabbele auf die Liegefläche. Ich schalte das TV ein und schalte auf Video um. Eine DVD aus dem Regal stecke ich in den seitlichen Schlitz am TV-Gerät und warte bis der Vorspann durchgelaufen ist. Andrea ist inzwischen neben mich gekommen und kuschelt sich bei mir an.

Dann drücke ich auf Filmstart und der Film beginnt zu laufen. Da sie über das Manga INUMIMI zum Petplay gekommen ist und es einen Film übers Petplay gibt, habe ich diesen ausgewählt, um nachher mit ihr darüber zu reden.

Als der Film zu Ende ist, bleibt sie eine Zeitlang still sitzen. Ich lasse sie ein paar Minuten die Eindrücke verdauen. Dann spreche ich sie darauf an:

„Der Film zeigt uns eigentlich, wie man es gerade nicht tun sollte. Der Hintergrund mit dieser Organhandels-Organisation, für die Menschen nur Ersatzteillager sind und keine fühlende Lebewesen, gefällt mir absolut nicht! Auch dass der Mann denkt, mit ausreichend Dollars könne er sich alles leisten – und später ihren Wert in Dollars ermittelt, finde ich höchst verwerflich…“

„Richtig,“ antwortet sie mir. „Von ihrer Seite sieht das Dogplay ganz anders aus! Sie ist vom Leben gebeutelt worden, ihr Freund hat sich als Grobian erwiesen, für den Tiere auch nur Gegenstände sind. Nun hat sie da jemand kennen gelernt, bei dem sich ihre Alltagssorgen in Luft auflösen. Sie fasst so viel Vertrauen und Zuneigung, dass sie die Verantwortung für sich in seine Hände legt. Das bedeutet außerordentliche Verantwortung in seinen Händen, der er jedoch nicht gerecht wird, weil er als reicher Mann alles durch die Dollarbrille zu betrachten scheint.“

„Da hast du bei mir Glück,“ versetze ich lächelnd. „Ich bin nicht reich, und kenne die Bedeutung der Gefühle. Was die Frau im Film sagte, dass sie sich in ihrer Situation als sein Doggie wirklich frei fühlt, dass sie sich sicher, geliebt, beschützt fühlen kann, dass sie ihm voll vertrauen kann – dass trifft schon eher auf mich zu. Ich werde dich niemals weitergeben und ich werde stets deine Gefühle achten!“

„Dir macht es wirklich nichts aus, wenn ich mal zicke?“ fragt sie mich und schaut augenzwinkernd zu mir auf.

Ich schüttele bekräftigend den Kopf.

„Wirklich nicht!“ sage ich bestimmt. „Du bist schließlich kein Roboter, der prompt auf Anweisungen reagiert, sondern ein fühlendes Lebewesen, eine eigenständige Persönlichkeit, die du gerne ausleben darfst.“

Sie reckt sich als Antwort mir zu und küsst mich auf die Wange. Spontan nehme ich sie daraufhin in die Arme und küsse sie intensiv auf den Mund. Dann erkläre ich ihr:

„Als Owner kümmere ich mich um mein Doggie. Ich achte und schätze mein Doggie. Ich führe dich verantwortungsbewusst so, dass stets alles Überschaubare in Ordnung bleibt. Gegen Unvorhergesehenes gehe ich an, um es wieder in Ordnung zu bringen! Genauso wie ein Vater um das Wohl seiner Familie kämpft. Hier orientiere ich mich also ganz klar am Verhalten meines Vaters.
Eine menschliche Doggie ist wie ein geliebtes Haustier. Hier kannst du Parallelen zu Beauty ziehen. Ein echter Hund liegt gerne zu deinen Füßen, ist hingebungsvoll, treu. Eine Doggie wird meistens –nicht immer- ohne Frage folgen, aus Vertrauen zum Owner. Eine Doggie wird auch an der Leine gehen, ohne zu fragen, wohin…“

Sie antwortet eine Weile nicht, schaut mich nur gebannt an. Also rede ich nach einer kurzen Atempause weiter:

„Ein Tier, sagt man, ist ein Gefühlsmensch. Ein Tier handelt nach den momentanen Gefühlen. Es lebt in der Gegenwart. Aus der Vergangenheit zieht es Erfahrungen. Die Zukunft existiert noch nicht, warum also planen…
Wenn nun eine Doggie sich ganz auf ihre Gefühle konzentriert, dürfte sie bei intensiven Berührungen fühlen können, was der Andere fühlt. Zum Beispiel beim Kuss: Du fühlst, was in dem Anderen vorgeht, sei es nun Leidenschaft, bloß Freundlichkeit, oder gar Falschheit. Bei einer engen Umarmung kannst du Gleiches spüren.“

Immer noch höre ich keine Antwort zu meinen Ausführungen. Sie hat die Augen niedergeschlagen und es scheint, als horche sie in sich hinein.

„Ich habe in der letzten Zeit einiges im Internet gelesen und denke, wir sollten im Laufe der Zeit darüber gemeinsam reden,“ meine ich abschließend. „Nur sehr wenige verstehen wirklich, wie tief eine Beziehung mit Machtgefälle ist. Erklärt man es ihnen, schrecken sie zurück, denn Verantwortung fürchten die Meisten, wie der Teufel das Weihwasser!“

„Halt,“ sagt sie da plötzlich und will wissen: „Was ist eine ‚Beziehung mit Machtgefälle‘?“

„Grob gesagt: Einer führt und der Andere lässt sich führen,“ erkläre ich ihr nun. „Die meisten Menschen, die unterwürfig sein wollen, können nicht verstehen wie jemand freiwillig so viel geben und dabei glücklich sein kann.
Der Teil des Films eben, als der Owner mit seiner Doggie apportieren spielte, und auch später die Szene am Strand, erregte mich sehr. Das ist grenzenloses Vertrauen! Das wäre mir gleichzeitig unbedingte Verpflichtung und Verantwortung. Da bin ich in keinster Weise egoistisch auf meinen persönlichen Spaß bedacht! Mir geht es ausschließlich um DEIN Wohl. Dem ordne ich alles unter!“

Sie reibt ihre Wange sanft an meiner Brust.

„Der Gedanke,“ rede ich weiter, „dass jemand die volle Kontrolle über einen hat, ist vielen Menschen ziemlich beängstigend. Wenn sie den richtigen Owner finden würden, sehen sie aber sicher, es ist gar nicht so schwer.“

„Moment,“ stoppt sie mich. Sie hat sich aufgesetzt. „Die volle Kontrolle an jemand abgeben, den man nicht wirklich kennt…“

„Richtig, Liebes,“ sage ich. „Das ist der Knackpunkt: ‚den man nicht wirklich kennt‘. Welchen Menschen kennt man durch und durch? Aber die Menschen warten auch nicht, bis sie ihr Gegenüber ausreichend gut kennen. Sie stürzen sich lieber in Abenteuer…
Nein, du sollst deine Selbstverantwortung nie ganz aufgeben und nur schrittweise in dem Maße, indem das Vertrauen wächst. Merke dir: Vertrauen ist eine steile Leiter mit sehr vielen Stufen. Es dauert lange, sie zu erklimmen, und man kann unterwegs auch schonmal abrutschen, je nachdem wie der Gegenüber sich verhält!
Als ich mir den Film –allein in meinem Zimmer- zum ersten Mal angesehen habe, musste ich lange darüber nachdenken, denn ich sah dich vor meinem inneren Auge. Wie lebt es sich mit einem menschlichen Hund an meiner Seite? Ein echter Hund –wie zum Beispiel Beauty- hat keine Wünsche an das Leben, außer den elementaren, wie zufrieden zu leben und Zuwendung zu erhalten. Er braucht sich um nichts kümmern. Doggie wie der echte Hund ist gehorsam und sehr gelehrig. Doggie wie der echte Hund will nicht bestimmen. Doggie wie der echte Hund hat manchmal Fragen im Kopf, macht sich über etwas Sorgen, aber der Owner kümmert sich darum und zerstreut die Sorgen.“

„Machst du dich damit nicht zum Übermenschen?“ fragt sie nun zweifelnd.

„Warum?“ frage ich. Einen Moment verstehe ich nicht ihren Gedankengang. Dann sage ich:

„Die Menschen heute sind sehr Ich-fixiert. Sie streben nach dem eigenen Erfolg, eigenen Reichtum, eigenen Glück. Dafür können manche sogar ‚über Leichen‘ gehen. Mein Lebenslauf hat mir gezeigt, wie man sich dabei fühlt, wenn man von solchen Leuten an den Rand gedrückt wird. Das hat mich geprägt. Ich finde mein Glück, wenn ich in die glücklichen Augen meines Gegenübers blicken kann!“

„Entschuldige,“ sagt sie nun leise und lehnt sich wieder bei mir an.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Ich ziehe die blickdichten Gardinen zu. Danach breite ich das Bettzeug auf der Liegefläche aus. Schließlich schlafen wir eng aneinander gekuschelt ein.

Am nächsten Morgen wache ich auf und schaue nach Andrea. Sie liegt zusammengerollt neben mir. Gleichmäßige Atemzüge verraten mir, dass sie noch fest schläft. Vorsichtig rutsche ich von der Liegefläche und gehe in die Kombüse. Ich hole Tiefkühl-Brötchen aus der Truhe und schiebe sie in den Ofen, um sie aufzubacken. In der Zwischenzeit arrangiere ich das Frühstück auf einem Tablett, lege dann die Brötchen dazu und bringe es in den Salon. Es ist wunderschön, mit Andrea im Bett zu frühstücken!

Dann machen wir uns frisch und ich verstaue das Bettzeug. Anschließend hole ich die Anker wieder hoch und wir radeln das Boot langsam rückwärts aus dem Nebenarm heraus. Dabei macht sie mich mit leuchtenden Augen auf das Morgenkonzert der Natur aufmerksam.

Kurz darauf treten die Ufer wieder weiter auseinander. Wir fahren weiter rückwärts, bis wir die von Bojen gekennzeichnete Fahrrinne im See erreicht haben. Nach einiger Zeit kann man das Dach des ‚Hauses am See‘ über dem Schilf erkennen. Als der Uferbewuchs zurückgeht kann man das Haus als Ganzes erkennen, mit der Terrasse, auf der mehrere Tische und Stühle stehen und einem Bootsanleger. Auf den lasse ich die Escargot langsam zu treiben. Kurz bevor wir gegen den Steg prallen trete ich rückwärts in die Pedale, um unser Boot vollends abzubremsen. Dann gehe ich nach vorne und mache am Steg fest.
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Re: LUNA - 13

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:46

Schließlich löse ich Andreas Rolli vom Kabinendach und klappe ihn auf dem Steg auf. Neben dem Achterdeck drehe ich ihn in eine günstige Position und sage mit sanfter Stimme zu Andrea:

„Komm, setz dich!“

Sie verlässt vorsichtig, sich überall festhaltend, das Boot. Ich halte sie unter den Achseln fest und helfe ihr, sich in den Rolli zu setzen. Dann schiebe ich sie zum Restaurant und nehme den erstbesten Tisch auf der Terrasse in Beschlag. Ich schiebe die Stühle auseinander, um Platz für den Rolli zu schaffen und setze mich neben sie. Dann nehme ich die Speisekarte auf und überfliege sie kurz. Danach reiche ich sie an Andrea weiter.

Als der Kellner kommt, bestellen wir. Der Mann nimmt erst von allen Neuankömmlingen die Bestellungen an, dann betritt er das Restaurant, um die Bestellungen weiterzugeben. Andrea schaut mit verträumtem Blick über den See. Spontan fasse ich mir ein Herz und frage sie, während ich ihre Hand umschließe:

„Magst du in den Herbstferien mit mir nach Süddeutschland fahren? …ein wenig in der Hundeschule meines Onkels zuschauen und die Herbstkirmes besuchen?“

Sie schaut überrascht zu mir auf und bestätigt mir die Frage lächelnd. Ich bin im Moment glücklich. Dann kommt das Essen. Nach dem Essen schiebe ich Andrea zur Escargot zurück und hebe sie in einen der Sitze auf dem Achterdeck. Anschließend klappe ich den Rolli zusammen und befestige ihn an seinem Platz auf dem Kabinendach.

„Hilfst du mir gleich hinunter in die Kabine? Ich bin so pappsatt! Ich würde mich gerne etwas hinlegen wollen…“ meint Andrea nun zu mir.

„Okayyy,“ antworte ich ihr.

Ich gehe nach unten und drehe mich ihr zu.

„Kannst du kommen? Ich sichere dich!“ sage ich zu ihr.

Sie nickt und drückt sich aus dem Sitz hoch. Als sie einen Schritt auf den Niedergang zu macht, wo ich stehe, neigt sich das Deck etwas, weil ein benachbartes Boot gerade ablegt. Sie strauchelt und fällt auf die Seite. Mit einem Sprung bin ich wieder oben bei mir und nehme sie in meine Arme.

„Geht’s?“ frage ich sie. „Hat du dir irgendwo weh getan?“

„Ist alles nochmal gut gegangen!“ antwortet sie mir und schüttelt den Kopf.

„Das ist so eine Situation bei der du auch über Bord hättest gehen können, wenn du woanders gestanden hättest. Du musst an Bord IMMER die Schwimmweste tragen!“ sage ich und runzele die Stirn.

Ich bringe sie nun vorsichtig nach unten in die Kombüse und setze sie auf die Sitzbank, um den Niedergang zu schließen. Sie rutscht aber herunter und läuft auf allen Vieren nach vorne in den Salon, wo sie sich auf die Liegefläche legt und mich von dort beobachtet. Als ich mich zu ihr umdrehe, muss ich kurz lachen. Sie sage, dass sie sich jetzt dort ruhig entspannen kann.

„Kommst du?“ fragt mich aber und rutscht mehr zur Wand.

Also gehe ich auch nach vorn und krabbele ebenfalls auf die Liegefläche. Dort lege ich meinen Arm auf ihre Schultern und wir kuscheln eine Weile eng aneinander.

*


Als etwa zwei Stunden vergangen sind, meine ich:

„Wir sollten losfahren! Wir haben den Liegeplatz schon viel zu lange belegt.“

Ich gebe Andrea einen Kuss und löse mich von ihr, um durch den Niedergang nach vorne aufs Sonnendeck zu kriechen. Dort löse ich unsere Penichette vom Steg und gehe schnell nach hinten, um auch dort das Tau loszumachen. Dann drücke ich die Escargot quer vom Steg weg und setze mich dann an die Pedale. Während ich mich mit Andrea auf unserem Boot auf den Rückweg mache, sehe ich an der Bewegung vorne, dass sie es sich wieder auf dem Sonnendeck gemütlich macht.

Wir fahren als erstes zurück bis wir den Seitenarm außerhalb der Fahrrinne erreichen, wo wir wieder übernachten. Am nächsten Tag erreichen wir schon wieder die Mündung des Randkanals. Mit der Strömung im Rücken lässt sich das Boot gut radelnd fortbewegen. Auch jetzt brauchen wir keine Geschwindigkeitsrekorde zu brechen, also treibe ich unsere Penichette alleine an.

Wie auf der Herfahrt sehen wir auch auf der Rückfahrt Eisvögel, Fischreiher und Kormorane in den Seen des Naturschutzgebietes fischen. Neuntöter fangen Insekten während des Fluges. Große metallisch glänzende Libellen und Schmetterlinge umschwirren uns und Frösche hört man im Schilf der Uferzone quaken. Aus den Baumkronen erschallt ein vielstimmiges Konzert von Vogelstimmen.

Wir übernachten ein zweites Mal am Ufer des Randkanals und machen am nächsten Tag neben der Slipanlage des Sportvereins unserer Heimatstadt fest. Papa steht schon da. Er hat den Bootsanhänger rückwärts ins Wasser gefahren. Zusammen ziehen wir die Escargot auf den Anhänger und machen sie dort fest, nachdem ich Andrea von Bord geholfen und in ihren Rolli gesetzt habe. Sie hat das Privileg, uns bei der Arbeit zuschauen zu dürfen. Darum gebe ich mir besondere Mühe, alles richtig zu machen.

Dann zieht Papa die Penichette mit unserem Auto nachhause, während ich Andrea zu ihren Eltern nachhause begleite. Ich lasse es mir nicht nehmen, ihre Reisetasche zu tragen, da sie ihren Rolli selbst vorwärts bewegt. Meine Reisetasche habe ich vorher auf dem Rücksitz unseres Wagens deponiert.

*


Als ich vor Wochen mit Maik von der Bootstour zurück gekommen bin, haben mich Mama und Papa mit Fragen bestürmt. Ich habe ihnen also in groben Zügen erzählt, was ich mit Maik auf der Escargot erlebt habe, ohne etwas von meiner Rolle als LUNA zu erwähnen.

Nach den Sommerferien hat Maik einen Ausbildungsplatz als Tierpfleger mit der Option einer Weiterbildung zum Tiertrainer im Tierheim, etwa zwanzig Kilometer von unserer Kleinstadt entfernt, angetreten. Sein Vater hätte ihn lieber in einem technischen Beruf gesehen, mit der Option eines anschließenden Ingenieurstudiums. Aber er hat sich dann doch damit abgefunden.

Da die Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dorthin nicht so gut ist, hat ihm sein Vater ein Moped vorfinanziert, das er ihm in monatlichen Raten zurückzahlen muss. Bei unseren Treffen erzählt er mir, dass es eigentlich nicht üblich ist, gleich nach Ende der Probezeit Urlaub zu bekommen, aber sein Chef hätte ihm zur Auflage gemacht einen Bericht über die Arbeit auf dem Hof seines Onkels zu schreiben, in dem möglichst viele Aspekte seines Ausbildungsberufes berücksichtigt werden müssen. Damit könne er die zwei Wochen in Süddeutschland als Praktikum werten.

Nun ist also der Tag der Abreise gekommen und ich darf Maik begleiten! Mama und Papa bringen mich zum Hauptbahnhof der Stadt, in der wir früher gewohnt haben. Beauty ist auch dabei. Papa lässt es sich nicht nehmen, mich durch die Halle hin zu den Bahnsteigen zu schieben. Mein Gepäck füllt meine Reisetasche bis zum letzten Winkel. Sie liegt vor mir auf meinen Oberschenkeln.

Dann haben wir den richtigen Bahnsteig erreicht. Papa fährt mit mir die Rollbahn hinauf, die man anstelle der Rolltreppe vor Jahren an deren Stelle eingebaut hat. Mama führt Beauty daneben die Treppe hinauf. Oben schaue ich den Bahnsteig hinauf und hinab, und entdecke Maik mit seinen Eltern am anderen Treppenaufgang. Wir wenden uns dorthin und begrüßen die Familie Haller herzlich. Zehn Minuten später fährt unser Zug ein.

Nachdem die Fahrgäste ausgestiegen sind schiebt Papa mich zum Zugbegleiter. Der Mann steigt ein und betätigt den Behindertenaufzug. Das ist eine Plattform, die innen senkrecht an der Wand lehnt. Sie fährt nach draußen und dreht sich waagerecht. Dann kommt sie herunter auf das Niveau des Bahnsteigs. Ich fahre meinen Rolli auf die Plattform, arretiere die Bremsen und halte mich am Haltebügel fest. Dann betätigt der Zugbegleiter die Fernbedienung und die Plattform fährt hoch auf das Niveau des Waggons. Als ich die Plattform verlassen habe, fährt der Mann den Behinderten-Aufzug wieder in seine Ruheposition und Maik steigt ein. In der Hand einen großen Koffer.

Wir suchen das Abteil mit den reservierten Sitzplätzen. Dann hilft mir Maik auf die Sitzbank im Abteil und klappt den Rolli zusammen. Nachdem er seinen Koffer und meine Reisetasche über unseren Köpfen verstaut hat, öffnet er das Fenster und winkt unseren Eltern. Bald darauf stehen sie draußen neben dem Waggon und verabschieden sich von uns, nicht ohne uns eine Menge gutgemeinter Ratschläge mit auf den Weg zu geben.

Nachdem der Zug abgefahren ist dauert es eine Weile bis der Zugbegleiter unsere Fahrscheine kontrolliert. Bei der Gelegenheit fragt ihn Maik:

„Wo können wir den Rolli während der Fahrt unterbringen? Er stört die anderen Fahrgäste im Abteil ein wenig!“

Der Mann schaut sich oben im Gepäckbereich und meint dann:

„Kommen Sie mal mit…“

Maik nimmt den zusammengeschobenen Rolli und folgt dem Zugbegleiter. Bald kommt er zurück und erklärt mir:

„Etwas weiter hinten können Fahrräder deponiert werden. Da habe ich den Rolli festgemacht. Kurz vor dem Ziel hole ich ihn dir wieder her.“

Ich lächele ihn dankbar an.

Drei Stunden später auf halber Strecke bekomme ich Hunger.

„Maik? Der Zug hat doch sicher ein Restaurant…“

„Natürlich!“ gibt er zurück. „Dies ist ein ICE!“

„Unsere Brote können wir sicher später noch essen, wenn du dann Kaffee besorgst. Schaust du mal, was es dort Warmes gibt, das man auch im Abteil essen kann? Bitte.“

Ich recke mich etwas und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. Maik steht lächelnd auf und nickt. Wenig später bringt er zwei Portionen Bratwurst mit Pommes Frites, die ich sehr genieße. Danach lehne ich mich bei ihm an und das monotone Geräusch in der Bahn lässt mich schnell einschlummern.

Schließlich werde ich von Maik sanft geweckt.

„Wir sind gleich da,“ meint er.

„Was? Wie?“ antworte ich ihm, noch etwas verschlafen. „Wieviel Uhr haben wir denn?“

„Zehn vor Vier!“ sagt er. „In einer Viertelstunde erreichen wir Stuttgart.“

„Oh,“ sage ich erstaunt und richte mich in meinem Sitz auf.

„Ich gehe jetzt den Rolli holen!“ entscheidet Maik und verlässt das Abteil.

Kurz darauf ist er mit dem Rolli zurück. Wir lassen ihn noch zusammen geklappt, um die anderen Fahrgäste nicht zu sehr zu stören. Als der Zugbegleiter auf dem Gang vorbei geht, fragt Maik ihn, ob er auch beim Aussteigen beim Behinderten-Aufzug helfen kann, was dieser bejaht.

Als wir auf dem Bahnsteig stehen und zuerst nicht wissen, welchen Aufgang zu den Gleisen wir hinunter gehen sollen, entdeckt Maik seinen Onkel und Tante. Sie kommen uns entgegen und begrüßen uns herzlich. Der Onkel sieht Maiks Vater sehr ähnlich, nur dass er ein paar Jahre älter sein muss.

Sie begleiten uns zu einem Geländewagen auf dem Bahnhofs-Vorplatz. Dann dauert es noch anderthalb Stunden, bis wir zu einem Bauernhof kommen, etwa einen Kilometer außerhalb eines Ortes. Onkel Hans zeigt uns unsere Zimmer im Giebel des Wohnhauses. Es sind zwei kleine Mansarde-Zimmer, zu denen hinzukommen mit einem Rollstuhl ziemlich beschwerlich ist. Aber zumindest haben wir auf dieser Etage ein eigenes Bad – und Maik hilft mir auf den Treppen. Trotzdem, es dauert jedesmal bestimmt zehn Minuten bis wir im Parterre sind oder von dort auf unserer Etage.

Nach einem gemeinsamen Essen mit der ganzen Familie bitte ich Maik, mich nach oben zu bringen. Ich möchte mich erst einmal ausruhen von der langen Fahrt. Maik sagt lächelnd zu. Oben sage ich mit unsicherer Stimme und scheuem Blick:

„Es tut mir leid, dass ich dir solche Unannehmlichkeiten mache…“

„Ach, Quatsch!“ unterbricht er mich. „Es geht nun einmal nicht anders – und ich tue das gerne für dich! Du bist mir keine Last!“

Spontan umarme ich Maik und lege mich auf das Bett nachdem Maik die Tagesdecke zurück geschlagen hat. Ich frage ihn:

„Was machst du heute noch?“

„Nicht mehr viel,“ antwortet er mir. „Ich gehe runter zu Onkel Hans und lasse mir erklären, welche Arbeiten in den nächsten Tagen anstehen. Wenn ich mir einen groben Überblick verschafft habe, komme ich auch hoch.“

„Hier ist eine Wand zwischen dir und mir…“

Maik lächelt mich fröhlich an.

„Sei nicht traurig, Liebes! Die Leute hier sind halt noch sehr religiös. Sonn- und Feiertage werden eingehalten. Sie strukturieren damit das Leben auf dem Land ähnlich wie wir es mit den Wochenenden tun, in der Stadt. Und dazu gehört auch, dass man getrennt schläft, solange man noch nicht verheiratet ist. Das heißt aber nicht, dass ich dein Zimmer nicht betreten darf oder du meins. Auch darfst du mich ruhig in der Öffentlichkeit küssen, wenn dir danach ist!“

Ich bin etwas ruhiger, nachdem er das gesagt hat, und verabschiede mich von ihm mit einer Umarmung und einem Kuss.

Neben meinem Bett steht ein Radiowecker. Ich höre mir an, welche Sender es hier gibt und welche Musik sie bringen. Schließlich entscheide ich mich für einen Sender und lasse ihn laufen. Ich lege mich auf den Rücken und schaue zur Decke, ohne dort etwas wahrzunehmen. Meine Gedanken sind bei Maik. Allmählich falle ich in einen unruhigen Schlaf.

*


Als ich am nächsten Morgen aufwache ist es draußen schon hell. Maik hat den schweren blickdichten Vorhang vor dem kleinen Dachfensterchen weggezogen und sich neben mich auf das Bett gesetzt.

„Einen wunderschönen, sonnigen Ferienmorgen wünsche ich dir,“ begrüßt er mich.

Dann beugt er sich über mich, um mir einen Guten-Morgen-Kuss zu geben. Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und ziehe mich etwas aus den Kissen hoch, um seinen zarten Kuss zu erwidern.

Danach steht er auf und schiebt den Rolli direkt neben das Bett. Ich habe mich in der Zwischenzeit aufgesetzt und die Beine aus dem Bett geschwungen. Dann stemme ich mich hoch und stütze mich an der Armlehne des Rollis ab, während ich mich drehe und in den Sitz sinke. Nun fährt Maik mich hinaus auf den Gang und in das kleine Bad auf dieser Etage.

„Bist du schon fertig?“ frage ich ihn.

„Ja, ich war vorhin zuerst hier drin, bevor ich dich geweckt habe,“ bestätigt er mir. „Das Handtuch hier und der Waschlappen sind deine. Auch dieses Badetuch.“

Er zeigt mir die Tücher. Ich schaue ihn fragend an.

„Was soll ich gleich anziehen?“

Er schüttelt lächelnd mit dem Kopf.

„Mach dir keine Umstände!“ meint er. „Jeans und Pulli reichen völlig. Auch wenn wir heute schon vor die Tür gehen, um uns alles in Ruhe anzusehen.“

„Bringst du mir die Sachen?“ frage ich lächelnd zurück.

Er nickt und verlässt das Bad. Ich streife den Pyjama ab und stehe aus dem Rolli auf. Dann gehe ich kurz unter die Dusche. Maik kommt gerade wieder zur Tür herein, als ich aus der Dusche komme und mir schnell das Badetuch um die Schultern binde. Als nächstes rubbele ich mir die Haare mit dem Handtuch und binde es zu einer Art Turban. Maik legt die Oberbekleidung aus meiner Reisetasche über die Rückenlehne des Rollis und schaut mich dann fragend an.

„Socken, Slip und BH fehlen noch,“ meine ich lächelnd und küsse ihn flüchtig auf die Wange.

Er grinst und meint: „Deine Schuhe natürlich auch.“

„Bitte sei so lieb,“ sage ich und zwinkere ihm zu.

Maik verlässt das Bad noch einmal, währenddessen ich mich abtrockne. Dann ist er wieder zurück. Ich föne mir die Haare, putze die Zähne und lasse mir von Maik beim Ankleiden helfen, obwohl ich zuhause keine Hilfe mehr brauche. Aber es ist schön, jemanden bei mir zu wissen, der auf mich achtet. Dabei frage ich ihn:

„Gibt es bei deinem Onkel eigentlich feste Frühstückszeiten?“

„Ja-ein,“ antwortet Maik ausweichend. „Wir haben Ferien. – Klar, wenn ich alleine hier wäre, gäbe es feste Zeiten. Aber mit dir zusammen kann ich mir schon erlauben, die Essenszeiten nicht so streng einzuhalten.“

„Maaaik!“ ziehe ich den Namen lang und schaue mit gerunzelter Stirn zu ihm auf. „Ich will keine Extrawurst!“

„Das Haus ist nicht behindertengerecht,“ stellt Maik fest. „Wir müssten uns früher als der Rest der Familie fertigmachen. Das wissen die Anderen und nehmen Rücksicht!“

Wie zur Bestätigung hören wir in diesem Moment draußen an der Treppe Maiks Onkel rufen:

„Maik? Seid ihr soweit?“

Maik öffnet die Badtür einen Spalt und ruft zurück:

„Sofort, Onkel Hans!“

Ich bin inzwischen fertig und setze mich in den Rolli. Maik schiebt mich in den Gang. Ich wende mich halb zu ihm um und gebe ihm meinen Pyjama.

„Wir sind alleine hier,“ sagt er und hängt den Pyjama an den Haken innen an der Badtür.

Dann fährt er mich rückwärts die verwinkelte Treppe hinunter in die Halle. Nur noch sein Onkel und die Tante sitzen am Frühstückstisch. Ich werde sofort herzlich begrüßt und Katharina, Maiks Tante, fragt mich, ob ich gut geschlafen habe.

Ich bestätige ihr das mit einem fröhlichen Lächeln.

Maik schiebt mich an ein Gedeck, vor dem kein Stuhl steht und setzt sich daneben.

„Dann langt mal zu,“ sagt Onkel Hans. „Die frische Luft draußen wird hungrig machen!“

Nach dem Frühstück führt Maik mich über den Hof. Hundegebell erschallt von beinahe überall her. Wir betreten ein Nebengebäude, in dem Hundemütter mit tapsigen Fellknäueln in Boxen untergebracht sind. Ich darf die Futternäpfe für die Muttertiere auffüllen, während Maik sich mit den Hündinnen beschäftigt, ihnen Zuwendung gibt. Einmal legt er mir einen Welpen in den Schoß, der sich sofort auf die Hinterbeine stellt und zu lecken beginnt. Nur wenige Sekunden, dann gibt Maik ihn seiner Mutter zurück.

So vergeht über eine Stunde bis wir ein anderes Nebengebäude betreten, getrennt durch den Hof vor dem Hauptgebäude. Maiks Onkel und zwei Mitarbeiter sind dort mit dem Training junger Hunde beschäftigt. Er ruft mir zu, dass ich dort stehenbleiben soll, wo wir uns gerade befinden und Maik soll sich ebenfalls einen jungen Hund nehmen und zeigen, was er bisher bei ihm gelernt hat. So schaue ich dem Grundtraining für junge Hunde zu bis ein Glockenton aus einem Lautsprecher an der Decke kommt.

Die Männer führen die Hunde in ihre Käfige, geben ihnen Futter und Wasser und dann gehen wir zusammen zum Mittagessen. Danach ist zwei Stunden Mittagsruhe, erklärt mir Maik, als er mich mit dem Rolli die Treppe hinauf zu unseren Zimmern bugsiert.

„Legst du dich hin?“ frage ich ihn.

Er schüttelt den Kopf.

„Kurz vielleicht. Ich schreibe über den heutigen Tag etwas in mein Berichtsheft, damit ich in meinem Ausbildungsbetrieb etwas vorweisen kann.“

„Ah – das Seminar, der Lehrgang…“ mache ich, und frage:

„Darf ich mich etwas auf dein Bett legen?“

„Gern,“ antwortet Maik, während er sein Berichtsheft hervor kramt und sich an den Tisch setzt.

Ich rolle an das Bett und stehe auf. Nach einer kleinen Drehung lasse ich mich in die Polster plumpsen und ziehe die Beine nach. Aus dieser Position beobachte ich eine Zeitlang wie Maik seinen Bericht verfasst. Schließlich klappt er die Kladde zu. Er zieht sich Schuhe und Strümpfe aus und verlässt das Zimmer auf Badelatschen. Einige Minuten später kommt er zu mir an das Bett. Er setzt sich und schwingt die Füße auf das Bett, dann dreht er sich zu mir und legt sich lächelnd hin. Ich nähere mich ihm und kuschele mich an. Er nimmt mich in die Arme und schaut zur Decke hinauf, dass ich das Gefühl gewinne, er träumt sich mit mir in eine andere Welt.

*


Etwa ein halbes Jahr vor dem Abschluss beginne ich, Maik, damit Bewerbungen zu versenden, unterstützt vom Direktor, der bei uns das Fach Deutsch unterrichtet. Zuhause hat es einige Diskussionen gegeben. Papa hätte mich lieber in einem technischen Beruf gesehen, vielleicht mit anschließendem Ingenieurstudium. Ich möchte aber lieber mit Tieren arbeiten, sicher beeinflusst durch meine Urlaube bei Onkel Hans in Süddeutschland, der Opas Hof weiter bewirtschaftet. Ihm fehlt der Nachfolger, da meine Cousins und Cousinen alle in den umliegenden Städten wohnen und arbeiten. Irgendwann würde der Hof unter Wert verkauft und die Cousins und Cousinen teilen das Geld unter sich auf. Wenn ich den Hof übernehme, würden sie mit einem Vertrag am Gewinn des Hofes beteiligt.
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Re: LUNA - 14

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:50

Um den Hof übernehmen zu können, möchte ich nicht ohne Fachwissen nach Süddeutschland fahren. Klar, ich könnte genauso gut bei Onkel Hans in die Ausbildung gehen. Dann müsste ich aber Andrea für drei Jahre hier zurücklassen. Wir würden uns nur im Urlaub sehen können. Außerdem ist es besser, wenn ich mit eigenen persönlichen Erfahrungen nach Süddeutschland gehe, denke ich mir.

Nach den Sommerferien habe ich tatsächlich einen Ausbildungsplatz als Tierpfleger mit der Option einer Weiterbildung zum Tiertrainer in einem Tierheim, etwa zwanzig Kilometer von unserer Kleinstadt entfernt, angetreten. Mein Vater hat sich schließlich damit abfinden können und mir ein Moped gekauft, damit ich nicht auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen bin, die hier zwischen den Orten selten fahren. Ich muss ihm das Geld dafür in monatlichen Raten von der Ausbildungsvergütung zurückzahlen.

Ich habe meinem Ausbilder von meinem Onkel erzählt, und dass ich vorhabe nach der Ausbildung nach Süddeutschland zu gehen und auf dem Hof zu arbeiten bis mein Onkel sich auf das Altenteil zurückzieht. Dann wäre ich der Herr auf dem Hof.

Bei diesen Gesprächen konnte ich meinen Ausbilder davon überzeugen, dass er mir in den schulischen Herbstferien Zeit gibt für ein zweiwöchiges Seminar – wie er das nennt. Als Auflage muss ich tägliche Arbeitsberichte schreiben, gern auch mit Zeichnungen und Fotos zur Veranschaulichung unterlegt. Ich freue mich darauf, denn es ist durchaus nicht üblich nach zwei Monaten schon außerhalb des Ausbildungsbetriebes zu arbeiten. Auch möchte ich Andrea damit einen Ferienausflug bieten.

Inzwischen ist der Zwillingsbaum auf halbem Weg zum Randkanal auch Andreas Lieblingsplatz geworden. Ich nehme immer eine Decke mit, damit wir es uns darauf gemütlich machen können. Hier erzähle ich ihr, während wir aneinander gekuschelt träumen, von meinem Praktikum in Süddeutschland und frage sie, ob sie mich begleiten mag.

Sie stützt sich auf und schaut mich zweifelnd an:

„Du weißt, dass ich Schule hab und jeden Dienstagnachmittag zum Handball gehe?“

Ich nicke und bestätige ihr das.

„Aber in den Ferien hast du doch Zeit!“ meine ich. „Oder haben deine Eltern da schon etwas vor?“

„Wir waren gerade in den Sommerferien zwei Wochen weg – nach dem wunderschönen Wochenende auf der Escargot,“ erwidert sie und schüttelt den Kopf.

„Dann steht einem Ferienaufenthalt auf einem Hof in Süddeutschland eigentlich nichts im Weg,“ meine ich und drücke Andrea an mich.

Sie gibt mir einen Kuss und sagt:

„Ich muss darüber aber vorher mit meinen Eltern reden!“

„Aber natürlich!“ muntere ich sie auf.

Später muss ich ihr noch die Zugverbindung nennen, damit ihre Eltern das Ticket für Andrea kaufen können. Das lassen sie sich nicht aus der Hand nehmen. Am Tag der Abreise wollen wir uns auf dem Bahnsteig kurz vor der Abfahrt des Zuges treffen. Papa und Mama bringen mich zum Zug und auch Herr und Frau Weiler kommen mit Andrea zum Bahnsteig.

Als ich Andrea entdecke, wird sie von ihrem Vater aus der Richtung des anderen Treppenaufgangs geschoben. Ihr Gepäck hat sie auf ihrem Schoß liegen und ihre Mutter führt Beauty an der Leine. Sie sagt irgendetwas zu ihrem Vater, als sie uns entdeckt hat. Dann fasst sie selbst die Räder und steuert auf mich zu. Während unsere Eltern sich freundlich begrüßen, gebe ich Andrea einen zarten Kuss. Beauty springt an mir hoch und verlangt auch Aufmerksamkeit.

Zehn Minuten später fährt unser Zug ein. Wir gehen gemeinsam zu der nächstgelegenen Waggontür und lassen die Fahrgäste aussteigen. Herr Weiler schaut sich derweil suchend um, dann macht er mitsamt Andrea im Rolli kehrt und geht an den Waggons entlang auf den Zugbegleiter zu, der weiter hinten ausgestiegen ist. Nach einem kurzen Gespräch kommen sie auf uns zu. Inzwischen sind die Fahrgäste ausgestiegen und die Ersten drängen in den Zug.

Als Herr Weiler mit Andrea und dem Zugbegleiter uns erreicht haben, steigt der Mann ein und bittet die hineindrängenden Fahrgäste kurz stehen zu bleiben. Dann betätigt er den Behindertenaufzug. Eine Plattform dreht sich um 90 Grad vor die offene Waggontür und kippt in die Waagerechte. Danach senkt sie sich auf das Niveau des Bahnsteigs. Andrea fährt ihren Rolli darauf und nach einem Knopfdruck fährt die Plattform hoch auf Waggonniveau. Der Behindertenaufzug wird in die Ruheposition zurückgefahren und der Zugbegleiter gibt den Durchgang für die restlichen Fahrgäste wieder frei.

Ich beeile mich, der Erste hinter Andrea zu sein. Wir suchen das Abteil mit den für uns reservierten Sitzplätzen. Andrea setzt sich auf die Sitzbank, nachdem sie mir ihre Reisetasche übergeben hat, die bis jetzt quer auf ihren Oberschenkeln gelegen hat. Meinen Koffer und ihre Reisetasche verstaue ich im Gepäcknetz über unseren Sitzen. Dann klappe ich den Rolli zusammen und öffne das Fenster. Ich schaue hinaus nach unseren Eltern und winke ihnen. Sie kommen heran und Andrea erhebt sich mühsam aus ihrem Sitz, um sich von unseren Eltern zu verabschieden. Ich bleibe an ihrer Seite bis der Zug abfährt.

Es dauert eine ganze Weile bis der Zugbegleiter uns erreicht hat und die Fahrscheine kontrolliert. Bei der Gelegenheit frage ich ihn, wo wir den Rolli während der Fahrt unterbringen können. Er führt mich zu einem Gepäckabteil, in dem schon einige Fahrräder stehen. Dort mache ich den Rolli fest und kehre zu Andrea zurück.

Auf halber Strecke fragt Andrea mich, ob ich ihr etwas Warmes aus dem Zugrestaurant bringen kann. Auch in mir regt sich der Hunger. Also orientiere ich mich, wo das Restaurant ist und schaue mir dort das Angebot an. Mit zwei Portionen Fritten/Bratwurst bin ich bald darauf wieder bei Andrea.

Nach dem Essen lehnt sie sich bei mir an und ist schnell eingeschlummert. Ich lasse sie schlafen bis wir kurz vor Stuttgart sind, unserem Zielbahnhof. Nachdem ich sie sanft geweckt habe, gehe ich den Rolli holen. Nachdem die anderen Fahrgäste das Abteil verlassen haben, ziehe ich ihn auseinander und arretiere ihn, damit Andrea sich hinein setzen kann. Sie nimmt ihre Reisetasche wieder auf den Schoß und ich meinen Koffer in die Hand.

Die anderen Fahrgäste lassen uns auf den Gang hinaus und Schritt für Schritt nähern wir uns dem Ausgang. Dort wartet der Zugbegleiter auf uns, weil ich ihm vor Erreichen des Bahnhofs unseren Aussteigewunsch bekannt gemacht habe. Er hilft uns mit dem Behinderten-Aufzug und wenig später stehen wir auf dem Bahnsteig.

Etwa gleichzeitig als ich Onkel und Tante sehe, haben sie uns auch entdeckt und kommen auf uns zu. Nach der herzlichen Begrüßung folgen wir ihnen zu Onkel Hans‘ Auto auf dem Bahnhofs-Vorplatz. Dann dauert es noch anderthalb Stunden bis wir ankommen. Onkel Hans zeigt uns unsere Zimmer im Giebel des Wohnhauses. Es ist etwas beschwerlich, mit Andrea im Rollstuhl die verwinkelte Treppe in dem alten Gebäude hoch zu kommen, aber schließlich haben wir den früheren Gesindebereich erklommen. Wir stellen unser Gepäck ab. Dann geht es wieder nach unten zum Abendessen mit der ganzen Familie. Die jüngeren Cousins, die in Stuttgart studieren, sind ebenfalls anwesend.

Nach dem Essen bittet mich Andrea, sie wieder nach oben zu bringen. Sie möchte erst einmal ausruhen. Ich sage lächelnd zu. Oben bittet sie mich um Entschuldigung, da wir die Treppe jetzt zum vierten Mal innerhalb einer Stunde bewältigt haben. Ich wische ihre Bedenken sofort vom Tisch:

„Ach, Quatsch! Es geht nun einmal nicht anders – und ich tue das gerne für dich! Du bist mir keine Last!“ antworte ich mit fester Stimme.

Spontan umarmt sie mich. Sie legt sich auf ihr Bett und frage:

„Was machst du heute noch?“

„Nicht mehr viel,“ sage ich. „Ich gehe runter zu Onkel Hans und lasse mir erklären, welche Arbeiten in den nächsten Tagen anstehen. Wenn ich mir einen groben Überblick verschafft habe, komme ich auch hoch.“

„Hier ist eine Wand zwischen dir und mir…“ meint sie.

„Das sind die früheren Gesindekammern,“ erkläre ich ihr lächelnd. „Sei nicht traurig, Liebes! Die Leute hier sind halt noch sehr religiös. Sonn- und Feiertage werden eingehalten. Sie strukturieren damit das Leben auf dem Land ähnlich wie wir es mit den Wochenenden in der Stadt tun. Und dazu gehört auch, dass man getrennt schläft, solange man noch nicht verheiratet ist. Das heißt aber nicht, dass ich dein Zimmer nicht betreten darf oder du meins. Auch darfst du mich ruhig in der Öffentlichkeit küssen, wenn dir danach ist!“

Sie lächelt und verabschiedet sich nun von mir mit einer Umarmung und einem Kuss.

Ich gehe hinunter zu Onkel Hans.

Als er mich sieht, bittet er mich ins Büro und erklärt mir wie es momentan um die Zucht und die Schule steht. Dann führt er mich in den Wirtschaftsgebäuden rechts und links des Haupthauses herum. Schließlich wünsche ich Gute Nacht und gehe auf mein Zimmer.

Am nächsten Morgen stehe ich frühzeitig auf und mache mich frisch in dem kleinen Bad auf der Etage. Dann gehe ich leise in Andreas Zimmer. Ich sehe, dass sie noch schläft. Vorsichtig öffne ich den Vorhang vor der Gardine des kleinen Dachfensters und setze mich an ihr Bett. Nach einigen Minuten beginnt sie sich zu rühren. Als sie die Augen aufschlägt, wünsche ich ihr einen guten Morgen und beuge mich über sie, um sie mit einem zarten Kuss zu wecken. Sie umarmt mich und zieht sich an mir etwas aus den Kissen. Dann erwidert sie meinen Kuss.

Nach ein paar Minuten stehe ich auf und schiebe den Rolli direkt neben ihr Bett. Sie setzt sich hinein und ich fahre sie in unser kleines Bad.

„Bist du schon fertig?“ frage sie mich am Waschbecken.

„Ja, ich war vorhin zuerst hier drin, bevor ich dich geweckt habe,“ antworte ich ihr. „Das Handtuch hier und der Waschlappen sind deine. Auch dieses Badetuch.“

Auf ihre Frage hin, bringe ich ihr die Kleidung für den Tag. Nachdem sie fertig ist, helfe ich ihr mit dem Rolli die Treppe hinunter in die Halle. Nur noch Onkel Hans und Tante Katharina sitzen am Frühstückstisch. Andrea wird sofort herzlich begrüßt und ich schiebe den Rolli mit ihr an ein Gedeck, vor dem kein Stuhl steht und setze mich neben sie an den Tisch.

Nach dem Frühstück verlasse ich mit Andrea das Haus und führe sie über den Hof. Draußen empfängt uns Hundegebell. Wir betreten ein Nebengebäude, in dem Hündinnen mit ihren Welpen in Boxen untergebracht sind. Ich erkläre, wie man sie füttert und lasse Andrea die Futternäpfe auffüllen. Währenddessen beschäftige ich mich mit den Tieren. Ein besonders neugieriger Welpe nehme ich hoch und lege ihn ihr in den Schoß. Sofort stellt er sich auf die Hinterbeine und leckt Andrea. Nach wenigen Sekunden gebe ich ihn seiner Mutter zurück.

Als wir unsere Arbeit beendet haben, führe ich Andrea in das Nebengebäude auf der anderen Seite des Hauptgebäudes. Onkel Hans und zwei Mitarbeiter sind dort mit dem Training junger Hunde beschäftigt. Der Onkel ruft uns zu, dass Andrea am Eingang stehenbleiben soll. Ich soll mir ebenfalls einen jungen Hund aus einer Box nehmen und zeigen, was ich bisher bei ihm gelernt habe. So kann Andrea dem Grundtraining für junge Hunde zuschauen bis ein Glockenton aus einem Lautsprecher an der Decke kommt. Tante Katharina zeigt damit an, dass sie das Mittagessen fertig hat. Nachdem die Hunde versorgt sind, gehen wir zusammen zum Mittagessen. Danach ist zwei Stunden Mittagsruhe, erkläre ich Andrea, und bugsiere sie mit dem Rolli die Treppe hinauf zu unseren Zimmern. Oben schreibe ich erst einmal einen kurzen Bericht in die Kladde, die mir mein Ausbilder mitgegeben hat.

Andrea möchte sich auf mein Bett legen und beobachtet mich von ihrer Position aus, während ich am Schreibtisch sitze. Als ich fertig bin, ziehe ich mir Badelatschen über und gehe kurz ins Bad bevor ich mich ebenfalls auf mein Bett lege. Sie rutscht an mich heran und kuschelt sich bei mir an. Spontan nehme ich sie in die Arme und schaue, auf dem Rücken liegend, zur Decke hinauf. Nicht lange, dann beginne ich zu träumen wie auf der Wiese neben den Zwillingsbäumen außerhalb unseres Heimatortes.

Ich muss wohl eingeschlummert sein, denn plötzlich sitze ich kerzengerade im Bett und muss mich erst einmal orientieren. Nur widerwillig findet das Stakkato des Alarmtones aus dem Lautsprecher an mein Ohr. Dann werde ich schlagartig munter. Mit einer Drehung bin ich aus dem Bett und beim Rolli, den ich zum Bett schiebe.

Andrea schaut mich mit großen Augen erschrocken an.

„Schnell,“ sage ich atemlos. „Wir müssen raus hier! Feueralarm!“

Da ich sehe wie mühsam Andrea sich bewegt, nehme ich sie auf meine Arme als sie den Rand des Bettes erreicht hat. In der Zwischenzeit habe ich die Tür geöffnet. Sie umschlingt meinen Hals, und ich laufe mit ihr die Treppe hinunter. Währenddessen wird der Ton im Lautsprecher des Treppenhauses leiser und wir hören Onkel Hans sprechen:

„Feuer in der Werkstatt! Achtung, verlasst alle sofort die Gebäude und geht auf eure Posten!“

Ich erreiche mit Andrea die Halle im Erdgeschoß und wende mich zum Hauseingang. Tante Katharina steht dort und hält die Tür auf. Dann hilft sie mir, Andrea in den Geländewagen zu setzen und festzuschnallen.

Wir sehen die beiden Mitarbeiter von Onkel Hans mit einem Quad den Hof verlassen. Sie haben einen aufgerollten Schlauch angehängt und werden wohl zu unserem Feuerteich fahren. Von Onkel Hans ist nichts zu sehen.

„Soll ich nicht in die Werkstatt und Onkel Hans helfen?“ frage ich Tante Katharina.

Sie schüttelt den Kopf und zeigt ein feines Lächeln.

„Das ist eine Übung…“ Und zu Andrea gewandt ergänzt sie: „Wir müssen als Betrieb ab und zu eine Übung abhalten. Hans meinte, heute wäre eine günstige Gelegenheit. So sieht er, wie schnell im Ernstfall Gäste das Haus verlassen können.“

In diesem Moment kommt einer der Mitarbeiter mit dem Quad zurück. Unterwegs hat er wohl den Schlauch abgerollt. Jetzt schließt er ihn an einen Verteiler an. Onkel Hans kommt aus dem Tor der Werkstatt und sagt laut:

„Okay, das war wieder sehr gut! Ende der Übung!“

Dann kommt er zum Auto, nickt Andrea und mir zu, und meint:

„Im Ernstfall sollte es genauso laufen wie jetzt gerade.“ In meine Richtung sagt er: „Das hast du gut gemacht!“ Und zu Andrea spricht er lächelnd: „Tut mir leid für den Schrecken, aber nur wenn alles wie am Schnürchen klappt, können wir Schlimmeres verhindern. Hier in den Bergen wäre nur der Hubschrauber in so einem Fall effektiv genug. Wir müssen uns schon irgendwie selbst zu helfen wissen. – Kommt rein, Katharina hat einen Tee gemacht!“

Wir gehen also wieder in die Halle zurück und setzen uns an den Tisch. Tante Katharina serviert Tee und Gebäck. Kurze Zeit später gesellen sich auch die beiden Mitarbeiter hinzu.

*


Ich bin neben Maik selig eingeschlummert. Plötzlich werde ich von einem lauten Alarmton aus meinen Träumen gerissen. Neben mir richtet sich Maik in sitzende Position auf. Er schüttelt den Kopf und hat die Stirn in Falten. Dann dreht er sich zur Seite und springt aus dem Bett. Er macht zwei schnelle Schritte auf meinen Rolli zu und schiebt ihn ans Bett. Dabei sagt er mit gehetzter Stimme:

„Schnell, Andrea! Wir müssen raus hier! Feueralarm!“

Ich bekomme Angst und versuche zum Bettrand zu rutschen. Ich habe ganz an der Wand gelegen. Dann verfange ich mich auch noch in einem Faltenwurf der Tagesdecke, auf der wir gelegen haben. Maik beugt sich über mich, fasst mich unter den Knien und im Rücken. Er senkt mich erst über den Rolli, dann hat er es sich wohl anders überlegt und trägt mich die Treppe hinunter. Ich klammere mich an seinem Hals fest und drücke mich an ihn.

Unten in der Halle angekommen wendet er sich zum Eingang. Seine Tante hält uns die Haustüre auf und läuft mit uns zum Geländewagen. Sie schließt ihn auf und hilft Maik mich auf dem Rücksitz festzuschnallen, nachdem er mich in den Wagen gehoben hat. Stimmen und Motorenlärm sind um mich herum. Maik und seine Tante steigen vorne ins Auto. Bevor sie losfahren kann, fragt er sie:

„Soll ich nicht in die Werkstatt und Onkel Hans helfen?“

Natürlich! In einer Notsituation wie dieser wäre es besser, wenn er hilft. Es reicht, wenn seine Tante in meiner Nähe bleibt. Aber bevor ich Maik zu seinem Onkel schicken und ihm sagen kann, dass er sich jetzt um mich nicht mehr sorgen muss, antwortet seine Tante lächelnd:

„Das ist eine Übung! Wir müssen als Betrieb ab und zu eine Übung abhalten. Hans meinte, heute wäre eine günstige Gelegenheit. So sieht er, wie schnell im Ernstfall Gäste das Haus verlassen können.“

Während Maik vorhin mit mir im Arm zum Auto gelaufen ist, haben die beiden Mitarbeiter mit einem Quad, an dem ein Anhänger mit einem aufgerollten Schlauch hängt, den Hof verlassen. Jetzt kommt einer der Beiden mit dem Quad zurück. Unterwegs hat er wohl den Schlauch abgerollt. Zurück auf dem Hof schließt er ihn an den Verteiler an. In diesem Moment kommt Onkel Hans aus der Werkstatt und verkündet laut den Abschluss der Übung. Dann kommt er zum Auto, nickt mir freundlich lächelnd zu und sagt:

„Im Ernstfall sollte es genauso laufen wie jetzt gerade. Tut mir leid für den Schrecken, aber nur wenn alles wie am Schnürchen klappt, können wir Schlimmeres verhindern. Hier in den Bergen wäre nur der Hubschrauber in so einem Fall effektiv genug. Wir müssen uns schon irgendwie selbst zu helfen wissen. – Kommt rein, Katharina hat einen Tee gemacht!“

Später frage ich Maik nach dem Feuerteich. Er fragt Onkel Hans um sein Einverständnis, dann machen wir einen kleinen Spaziergang dorthin. Es geht bergauf, so dass Maik mir schnell helfen muss und mich schiebt. Dann sehe ich einen Teich in etwa in der Größe eines Stadions mit grasbewachsenem Ufer und einem Rundweg. Eine einsame Weide steht am Ufer und bedeckt mit ihrer Krone aus hängenden Zweigen einen Teil der Wiese. Ein paar der Zweige erreichen auch fast die Wasseroberfläche. Auf einer Seite liegt eine Felswand, von der ein etwa zwei Meter hoher und dünner Wasserfall in den See mündet. Dort steigt der Rundweg auf das höhere Niveau an und eine hölzerne Brücke führt über einen kleinen Bach.

Wir umrunden den Teich und als wir wieder bei der Weide ankommen frage ich Maik:

„Dies ist ein schöner Platz. Kannst du mich bitte ans Wasser schieben? Unter die Weide?“

Er biegt wortlos vom Weg ab. Als wir zwischen den Zweigen durch sind, unter der Krone, bleibt er stehen. Ich stemme mich aus dem Sitz des Rolli und drehe mich zu Maik um, um ihm einen Kuss zu geben. Dann bitte ich ihn, mir zu helfen, mich auf den Boden zu setzen. Er fasst mich lächelnd an den Schultern und lässt mich langsam zu Boden gleiten. Dabei geht er selbst in die Hocke und setzt sich schließlich neben mich auf die Wiese. Den Augenblick genießend lehne ich mich bei ihm an. Maik legt mir seinen Arm über die Schultern und lässt den Moment auch stumm auf sich einwirken.

„Du hast diesen Zwillingsbaum in unserem Heimatort als mystischen Platz ausgewählt,“ beginne ich vorsichtig. „Was hältst du davon, wenn wir – solange wir hier sind – diesen Platz als unseren gemeinsamen Ort wählen?“

Ich schaue zu ihm auf und ergänze:

„Wenn du nichts dagegen hast mich immer hierher zu bringen, wie heute! Denn damit wären wir sowieso immer zu Zweit.“

Er lächelt und auch seine Augen leuchten, als er mich dann anschaut.

„Sehr, sehr gerne, LUNA!“

Aufgrund der Nennung meines Rollennamens drehe ich mich nun im Gras, um auf alle Viere zu kommen und lecke seinen Handrücken. Maik zieht lachend seine Hand weg und umarmt mich Er sagt:

„LUNA, MÜDE!“
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Re: LUNA - 15

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:54

Ich lege mich auf die Seite und bette meinen Kopf in seinen Schoß. Dann forme ich einen Kussmund und schaue schmachtend zu ihm auf.

Er beugt sich zu mir herunter, die Einladung annehmend, und wir küssen uns bis ich atemlos bin. Ich löse mich von ihm und flüstere mit geschlossenen Augen:

„Dieser Moment sollte nicht vorübergehen!“

Maik antwortet mit gedämpfter Stimme:

„Wir müssen aber zum Abendessen zurück sein und in unseren Zimmern schlafen.“

Ich schaue ihn an und frage:

„Aber wir kommen oft hierher?“

„Gern, wenn du magst!“ bestätigt er mir den Wunsch.

„Hier sind wir vor neugierigen Blicken geschützt und können Herrchen mit Hündin spielen…“ stelle ich fest.

Maik beantwortet das mit einem Lächeln. Wir bleiben noch eine Weile im Gras, dann hilft er mir auf. Ich setze mich in den Rolli und Maik schiebt mich zum Weg zurück. Das ist hier im Umfeld der Weide für mich allein ein Problem, denn immer wieder stoppen mich Löcher in der Grasnarbe. Ich habe sie mir genauer angeschaut, aber einen Eingang zu einer Nagerhöhle kann ich nicht entdecken. Maik sagt mir, als ich ihn darauf anspreche, dass Tante Katharina ihm gesagt hat, im März/April brüten Enten unter der Weide. Hier sind sie und ihr Gelege vor Raubvögeln geschützt. Nachdem wir den Weg erreicht haben, spazieren wir zu Maiks Onkel und Tante zurück.

*


Die restliche Zeit der zwei Wochen bei Maiks Onkel und Tante hat Maik Pflicht und Spaß so über den Tag verteilt, dass er vormittags auf dem Hof mitarbeitet, in der Mittagspause den Tagesbericht für seinen Ausbildungsbetrieb schreibt und den Nachmittag mit mir zusammen ist. Fast täglich sind wir dafür unter der Weide am Ufer des Feuerteiches.

Maik nimmt dafür ein Hunde-Halsband und –Leine mit. Unter der Weide arretiere ich den Rolli, während Maik mir das Halsband anlegt. Dann beuge ich mich vor und gleite so aus dem Rolli, wie ich es zuhause immer mache, wenn ich mit Beauty auf allen Vieren spielen will. Um nicht mit grün gefärbten Knien an der Jeans zurück zu kommen, ziehe ich für die Nachmittage mit Maik immer eine Shorts an.

Maik klinkt die Leine ein und führt mich erst einmal etwas unter der Weide herum. Dann lässt er mich SITZ machen und löst die Leine vom Halsband. Er geht ein paar Schritte weg und dreht sich wieder zu mir um. Jetzt sagt er:

„LUNA, ZU MIR!“

Ich hebe meine Knie vom Boden und laufe auf Fäusten und Zehenballen auf ihn zu, um vor ihm wieder in SITZ-Position zu gehen. Dann schaue ich ihn erwartungsvoll an. Er zeigt ein fröhliches Lächeln und greift nach mir. Nun fährt er mir sanft durch mein Haar und sagt stolz:

„Gutes Mädchen, Luna!“

Anschließend entfernt er sich wieder ein paar Schritte und ruft mich noch einmal zu sich heran. Das wiederholt er mehrmals, dann nimmt er eine Plastikflasche aus einer Tasche in der Rückenlehne meines Rollis und lässt mich trinken.

Danach nimmt er das Strandtuch von der Sitzfläche des Rollis und breitet es auf der Wiese aus. Er setzt sich darauf und ruft mich wieder zu sich, um danach MÜDE zu sagen. Also lege ich mich neben ihn. Auch Maik hat sich zurück gelegt. Wir dösen eine Weile. Ich fühle mich himmlisch in seiner Nähe.

Als Maik dann wieder aufsteht und zum Rolli geht, drehe ich mich und schaue ihm interessiert hinterher. Er nimmt den zusammen geschobenen Walking-Stick in die Hand. Ich dachte, er wollte mit mir den Berg höher hinauf spazieren, als er ihn heute Nachmittag mitgenommen hat. Jetzt zieht er ihn auseinander, während er zu mir zurück kommt.

„Eine Übung noch,“ sagt er, „dann packen wir zusammen und spazieren langsam zurück.“

Er verbindet die Leine wieder mit dem Halsband und sagt:

„SITZ!“

Also setze ich mich wieder auf meine Fersen.

Kaum sitze ich, zieht er leicht an der Leine und sagt:

„BEI FUSS!“

Ich komme in den Vierfüßler-Stand hoch und nähere mich ihm. Er geht los und ich versuche, an seiner Seite zu bleiben. Maik hält in einer Hand den Walking-Stick und in der anderen Hand die Leine. Als ich zufällig einen Schritt schneller bin als er, weil ich die Knie aus der Wiese anhebe, hält er mir den Walking-Stick vor die Nase.

Erschreckt schaue ich zu ihm auf. Doch er scheint nicht böse zu sein, denn er lächelt mich an.

„Siehst du, die Bremse wirkt,“ meint er nur. „Im BEI FUSS sollst du so neben mir her gehen, dass dein Kopf auf Höhe meiner Oberschenkel bleibt – nicht zurückbleiben, und nicht vorlaufen.“

Wir umrunden den Stamm der Weide einmal. Dann sagt er „LINKS“ und tauscht Leine und Walking-Stick in seinen Händen. Dabei zerrt er mich sanft auf seine andere Seite.

„Wenn wir jemandem begegnen würden, der ebenfalls eine Doggie an der Leine führt – auf einen Event eher -, dann bleiben die Doggies immer außen!“ erklärt er mir, während wir eine weitere Runde um den Baum machen.

Nach einigen Metern sagt er „RECHTS“, und ich wechsele wieder die Seite. Auch Maik nimmt die Leine und den Walking-Stick wieder in die anderen Hände.

Nachdem wir drei weitere Runden gegangen sind, bleibt er mit mir am Strandtuch stehen. Er legt den Walking-Stick ab und nimmt einen quietsch-gelben Tennisball aus der Tasche im Rückenteil meines Rollis. Erst hält er mir den Ball vor die Nase, dann lässt er ihn auf das Strandtuch rollen und lächelt mir zu.

Ich springe zum Ball und versuche seinen Lauf zu stoppen und ihn in Maiks Richtung zu stoßen. Maik tritt hinzu, doch mich reitet der Schalk. Ich stoppe den Ball und gebe ihm einen Stoß in die entgegengesetzte Richtung, dann wieder zurück. Mit einem schnellen Seitenblick auf Maik versuche ich an seiner Mimik festzustellen, was er denkt. Er scheint mich gewähren zu lassen.

Dadurch verliere ich bald das Interesse am Ballspiel und lasse ihn in einer der Vertiefungen in der Wiese liegen. Stattdessen dränge ich mich an Maik heran, der es sich auf dem Strandtuch gemütlich gemacht hat. Er beginnt mich zu streicheln, also lasse ich mich neben ihn nieder.

Schließlich schaut er auf die Uhr und sagt:

„Wir sollten packen!“

Wir gehen vom Strandtuch herunter. Maik faltet es zusammen und legt es wieder auf die Sitzfläche des Rollis. Ich bin an den Rolli heran gekrabbelt und ziehe mich an ihm hoch. Nachdem ich mich gedreht und gesetzt habe, hat er auch die anderen Sachen in der Tasche verstaut und schiebt mich auf den Weg zurück. Eine halbe Stunde später sitzen wir zusammen beim Abendessen. Dann schauen wir mit seinen Verwandten noch etwas Fernsehen, bevor er mit mir im Rolli wieder die Treppe erklimmt.

Vor dem Schlafengehen legt er das zusammen gefaltete Standtuch in eine Ecke meines Zimmerchens und wirft ein Gummibärchen darauf, das er mir kurz zuvor vor die Nase gehalten hat. Ich schaue dem Gummibärchen hinterher und dann wieder zu ihm auf.

„Heute Abend keinen Hunger mehr auf eine kleine Süßigkeit, ein Betthupferl?“ fragt er mich lächelnd. „Sonst hole es dir.“

Er wirft ein zweites Gummibärchen auf das Strandtuch. Ich zucke kurz mit den Schultern und gehe auf allen Vieren zum Strandtuch. Um das zweite Gummibärchen zu erreichen, das gegen die Wand geprallt und dann hinten auf dem Strandtuch hingefallen ist, muss ich ganz auf das Strandtuch klettern.

Maik ist näher gekommen, bestimmt um zu schauen, wie ich die Gummibärchen aufnehme. Also beuge ich mich zu den Süßigkeiten hinunter und nehme sie mit den Lippen auf. Jetzt sagt Maik „DECKE!“ und streicht mir zärtlich über das Haar. Ich reibe meine Wange sanft an seinem Knie.

„Siehst du,“ sagt Maik. „So schicke ich dich als Doggie auf deine Decke, Kissen oder Körbchen, je nachdem was gerade da ist. Dann kannst du in einer stillen Ecke eine Weile zur Ruhe kommen.“

*


So wie gestern machen wir es jetzt immer. Maik hat mit seinem Onkel vereinbart, dass er vormittags im Betrieb mithilft und nach der Mittagspause bis zum Abendessen ‘mit mir die Umgebung erkundet‘. Am Ende der zwei Wochen wird Onkel Hans das Berichtsheft unterschreiben und damit das ‘Seminar‘ beurkunden, obwohl es nur halbtags verläuft.

Heute ist unser Ziel natürlich wieder die Weide am Ufer des Feuerteiches. Unter den herunterhängenden Weidenruten sind wir vor neugierigen Blicken geschützt und können unser Rollenspiel ungestört durchführen. Nur selten kommt ein Wanderer vorbei. Dann verhalten wir uns kurze Zeit still.

Nachdem wir angekommen sind und Maik das Strandtuch auf der Wiese ausgebreitet hat, wiederholt er die Kommandos von Gestern und das Gehen bei Fuß. Heute lässt er mich sogar von der Leine, so dass ich auf allen Vieren frei neben ihm her gehen kann. Wieder bremst er mich ein paar Mal, als er denkt, ich wäre zu weit vorgelaufen. Es scheint ihm dabei zwar nicht um Zentimeter, aber um Handbreiten zu gehen.

Dann holt er mich zu sich auf das Strandtuch und übt die Kommandos PLATZ und ROLL. Es sind Erweiterungen des Kommandos SITZ. Dann sagt er „MÜDE!“, als ich durch das Kommando ROLL auf dem Strandtuch auf dem Rücken zu liegen komme. Ich drehe mich also zur Seite und blinzele zu ihm auf. Er hat sich inzwischen neben mir niedergelassen und beginnt mich nun eine Weile zu streicheln. Dann legt er sich auch zurück und schaut träumend zwischen den Weidenzweigen hoch in den Himmel, beziehungsweise das was man vom Himmel gerade so sieht. Ich rutsche auf ihn zu und kuschele mich an ihn.

Nach einer Weile wälzt sich Maik zur Seite nachdem er sich über mich gebeugt und mir einen Kuss gegeben hat. Er rappelt sich auf und nimmt den Gummiknochen aus der Tasche meines Rollis, den er in der Mittagspause ausgekocht hat. Maik zeigt mir das Spielzeug und wirft es mir zu. Es prallt an meiner Schulter ab und fällt auf das Strandtuch. Ich lege meine Hand darauf und schaue ihn fragend an.

Er lächelt und sagt: „BRING!“

Dabei nickt er aufmunternd mit dem Kopf. Ich beuge mich also zu dem Gummiknochen hinunter und nehme ihn mit dem Mund auf. Dann mache ich zwei Schritte auf Maik zu, der sich in der Zwischenzeit auch mir genähert hat. Er bückt sich etwas, hält mir seine Hand unter mein Kinn und sagt nun:

„AUS!“

Also lasse ich den Gummiknochen fallen, darauf vertrauend, dass er schon in seine Hand fällt. Und wirklich, Maik hat den Gummiknochen aufgefangen. Er streicht mir zart über meine Wange und meint:

„Gut gemacht, LUNA.“

Dann richtet sich Maik auf und wirft den Knochen ein paar Meter weg. Ich schaue dem fliegenden Knochen hinterher und höre, wie Maik „HOL!“ ruft. Ich mache erst ein paar Schritte auf allen Vieren in die Richtung, in der das Spielzeug liegen muss. Dann richte ich mich auf, laufe auf allen Vieren dorthin. Beim Knochen angekommen, bücke ich mich danach, nehme ihn mit der Hand auf und falle auf die Nase.

Sofort ist Maik bei mir. Er hebt mich an und dreht mich um. Dabei stützt er meinen Rücken mit seinem Knie.

„Alles in Ordnung, Liebes?“ fragt er mit besorgter Stimme und gekräuselter Stirn. Er reibt mir sanft mit einem Papiertuch durch’s Gesicht und meint: „Apportieren über weite Distanzen ist nichts für Luna! Dein Handicap verbietet das schnelle Gehen auf zwei Beinen!“

Er nimmt mich auf und trägt mich auf das Strandtuch zurück. Dort setzt er mich vorsichtig ab und befühlt meine Arme und Beine.

„Tut dir auch wirklich nichts weh?“

Ich schüttele den Kopf. Maik holt tief Luft und stößt sie hörbar aus.

„Ich glaube, wir brechen hier ab und machen morgen etwas anderes,“ sagt er nun.

Ich schaue traurig zu ihm auf.

„Warum?“

„Keine Sorge, Andrea. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Aber ich brauche etwas Abstand. Wie hätte ich deinen Eltern unter die Augen treten können, wenn du in Gips aus dem Urlaub nachhause kommst?“

Inzwischen hat er sich neben mich auf das Strandtuch gesetzt. Ich umarme ihn und gebe ihm einen Kuss. Er lässt sich langsam zurücksinken und zieht mich damit hinterher. So komme ich auf ihn zu liegen. Wir liebkosen uns noch eine Weile.

Schließlich meint Maik:

„Es ist allmählich Zeit für den Rückweg.“

Er hilft mir in den Rolli und wir wandern langsam zum Abendessen bei Onkel Hans und Tante Katharina. Dann schauen wir oben in seinem Mansarde-Zimmerchen noch etwas Fernsehen und gehen danach schlafen.

*


Am nächsten Tag wandert Maik mit mir zur Bushaltestelle an der Hauptstraße. Als der Bus hält, hilft er mir beim Einsteigen und bezahlt die Tickets beim Fahrer.

„Wann sagst du mir denn, wo wir hinfahren?“ dränge ich ihn zum wiederholten Male, aus dem heutigen Ziel kein solches Geheimnis zu machen. Doch alles was ich bewirke ist ein freundliches Lächeln. Er legt seine Hand auf meine und bittet mich um Geduld.

„Schau dir doch die Landschaft draußen an,“ ist seine einzige Antwort.

Es geht durch mehrere Ortschaften. Dann steigen wir am Kirchplatz eines der Dörfer aus. Maik führt mich eine Straße entlang, weg vom Ortskern. Wir erreichen nach ein paar Minuten ein Restaurant und er führt mich am Gebäude vorbei zu einem Fluss, der diesseits ein befestigtes Ufer und gegenüber ein naturbelassenes Ufer hat, ganz so wie im Naturschutzgebiet in der Nähe unseres Heimatortes.

Maik geht mit mir zum Ufer hinunter, wo sich einige Kähne mit Menschen füllen. Es sind ganz flache hölzerne Wasserfahrzeuge mit Sitzbänken in Bodennähe. Maik fragt, ob wir mitfahren dürfen und bezahlt den Fahrpreis. Dann muss ich aus dem Rolli aufstehen. Einer der Männer stellt ihn zwischen zwei Sitzbänke und zurrt ihn dort fest. Ich halte mich an Maik fest und nähere mich langsam dem Kahn. Dann hebt Maik mich an, trägt mich zu meinem Rolli und setzt mich hinein. Er selbst setzt sich neben mich auf die Sitzbank. Nun sitze ich um zwei Köpfe höher als er.

Die beiden Männer, die sich um die Fahrgäste gekümmert haben, stellen sich nun an den Bug und das Heck des Kahns. Als eine Frau am Ufer das Seil löst, mit dem der Kahn festgemacht war, beginnen die beiden Männer den Kahn im Stehen durch Rudern fortzubewegen. Der Kahn macht dabei eine ungewöhnlich schlängelnde Bewegung.

Ich spüre wie Maiks Hand nach meiner tastet und schaue zu ihm herab. Er lächelt mich aufmunternd an und meint:

„Fällt dir die schlängelnde Fortbewegungsart auf? Das Boot hat kein Steuerruder. Die Ruderer steuern durch die Ruder. Dadurch ergibt sich die eigentümliche Bewegung, die den Booten ihren Namen gegeben hat: Natter. Die Boote sind so flach, damit sie sich hier in den Altrheinarmen überall hin bewegen können. Früher haben die Leute damit gefischt. Heute fahren sie Touristen durch eine weitgehend unberührte Natur.“

„Unberührt?“ hake ich nach.

Maik nickt und antwortet:

„Naja, sagen wir… renaturiert. Die Altrheinarme sind der Natur zurück gegeben worden. Heute liegen die Dörfer hier in einem Naturschutzgebiet. Die Menschen haben strenge Auflagen zu erfüllen.“

Wir lassen die Häuser des Dorfes hinter uns. Die Natur tritt an die Ufer. Bald habe ich das Gefühl, dass wir durch einen Urwald gerudert werden. Der Mann, der hinten rudert, beginnt bald mit seinen Erklärungen. Wir hören stumm seinen Ausführungen zu:

„Sie befinden sich hier in einem typischen Auenwald, der aussieht wie ein wildes Gewässer nach dem Hochwasser, ein Wald der sich scheinbar ungeplant und nicht von Menschen gesteuert verändert. Hier eine neu entstandene Kiesbank, dort ein umgerissener Baum... Solche auentypischen Veränderungen oder gar ‘Wildnis‘ lösen bei vielen Menschen tiefsitzende Ängste aus. Das Naturverständnis vieler Menschen ist leider geprägt von sauber gepflegten Stadtparks. Das aber ist keine echte Natur.
Hier dagegen finden viele Tiere Möglichkeiten für die Aufzucht ihres Nachwuchses, wozu auch eine intakte Nahrungskette gehört. Hier findet man noch Wildkatzen, Eisvogel, Pirol, Graureiher und Kormoran, den Grasfrosch und die Gelbbauchunke, die Ringelnatter, sowie die Prachtlibelle, um nur einige wenige Arten zu benennen. Das Kennzeichen der Auenwälder ist der hohe Totholzanteil, der die Lebensgrundlage für eine artenreiche Pflanzenwelt ist.“

Wir lauschen etwa zwei Stunden den Ausführungen des Mannes. Immer wieder zeigt er uns verschiedene Pflanzen und Tiere. Dann sind wir wieder an der Anlegestelle zurück. Nachdem ich glücklich wieder auf festem Boden bin, schlägt Maik vor, dass wir im Restaurant zu Abend essen. Nach dem Essen ruft er über Handy Onkel Hans an, der uns abholt und nachhause zurück bringt, denn um diese Zeit fährt kein Bus mehr in Richtung des Hofes.

In den nächsten Tagen darf ich wieder Maik beim Arbeiten mit den Hunden zuschauen. Dafür fährt er mit mir am Wochenende in der Ferienmitte in den Europapark. Der Freizeitpark ist ein Erlebnis! Dann ist auch schon der Tag des Abschieds gekommen. Onkel Hans und Tante Katharina verabschieden uns herzlich am Morgen auf dem Bahnhof. Am Nachmittag schließen mich Mama und Papa erleichtert in die Arme. Auch ich freue mich, sie wiederzusehen, war dies doch mein erster Urlaub ohne sie. Trotzdem haben mir die zwei Wochen sehr gut getan.

*


Nach den gemeinsam verbrachten Herbstferien habe ich meinem Ausbilder das Berichtsheft übergeben. Nach der ersten Durchsicht habe ich ein Lob bekommen. Das habe ich Andrea erzählt. Die erste Zeit nach den Herbstferien bin ich nur zu ihr gegangen, um ihre Nähe zu spüren und mit ihr gemeinsam abzuhängen und Musik zu hören.

Irgendwann fasse ich mir ein Herz und frage Andrea:

„Du lebst doch schon mit Beauty zusammen seit du denken kannst. Da spürst du sicher, was sie jeweils gerade von dir will und wie sie fühlt, wie es ihr geht?“

Andrea schaut mich prüfend an und antwortet: „Jaaa?“

„Na,“ sage ich. „Was da zwischen dir und Beauty abläuft, nennt man ‘nonverbale Kommunikation‘. Ich denke mal, das läuft bei euch beiden intuitiv ab. Du weißt was Beauty will, kannst ihr aber nicht auf gleicher Ebene antworten, weil wir Menschen uns verbal unterhalten. So sprechen wir auch mit den Hunden.“

Andrea kräuselt die Stirn.

„Und?“ fragt sie mich.

„Versetz‘ dich mal in Beauty. Wenn du sie mit ihrem Namen ansprichst hebt sie den Kopf und schaut dich an. Redest du dann weiter und es handelt sich nicht um ein Codewort, das sie kennt – also ein Kommando, dann versteht sie nur ‘Blablabla‘. Sie kann auf der Vibration deiner Stimme deine emotionale Verfassung herauslesen und wird dann dementsprechend reagieren: Bist du verärgert, wird sie versuchen, der Situation die Schärfe zu nehmen. Sie wird Beschwichtigungssignale senden, die allerdings von vielen Menschen missverstanden werden. Bist du liebevoll gestimmt, wird sie sich an dich drängen, an dir reiben.
Die Gestik und Mimik der Hunde, deren ‘nonverbale Kommunikation‘ also zu erlernen, wäre für die LUNA bestimmt von Vorteil…“

Andrea lacht laut auf und hängt sich mir an den Hals. Sie gibt mir einen Kuss und sagt schließlich:

„Du willst also weitermachen mit dem Training…“

„Ja, warum eigentlich nicht?“ lächele ich verschmitzt. „Hunde und deren Vorfahren, die Wölfe, sind soziale Lebewesen. Sie leben im Verbund mit Anderen. Die Wölfe im Rudel und die Hunde mit uns Menschen. Soziale Lebewesen müssen sich untereinander verständigen können.
Hunde untereinander signalisieren meist (weil sie aus verschiedenen ‘Rudeln‘ kommen und sich nicht kennen): ‘Du machst mir Angst! Du kommst mir zu nah! Ich mag das nicht!‘ Um nun diese Angst abzubauen, senden sie über Gestik und Mimik Beschwichtigungssignale. Haben sie damit keinen Erfolg, steigert sich das in Aggressionssignale, quasi eine Warnung ‘BLEIB WEG‘. Das äußert sich dann meist durch bellen. Darum sagt man ‘Bellende Hunde beißen nicht‘.“

„Ja, aber das stimmt auch nicht immer!“

„Treib einen bellenden Hund in die Enge, dann wird er zuschnappen. Hat er schlechte Erfahrungen gemacht oder eine Ausbildung als Wachhund durchlaufen, wird er schneller zubeißen, das ist richtig. Aber das ist eigentlich nicht mein Thema.“

„Sondern?“

„Ein Hund, der sich geliebt fühlt, fühlt sich bei seinem Besitzer sicher. Kennt er keine Kommandos zum Wachehalten und die dafür antrainierten Verhaltensweisen, wird er in einer unsicheren Situation bei einem Menschen, dem er vertraut, Hilfe suchen. So ist es mit Beauty, und dahin möchte ich auch die LUNA führen.“

Andrea lehnt sich an mich und sagt:

„Okay, und wie stellst du dir das vor?“

„Situationen herauf beschwören, in denen du über Gestik und Mimik reagieren sollst, wie du es bei Beauty schon gesehen hast, ist etwas langwierig. Ich würde dir also mit Worten eine Situation erklären und du versenkst dich in die Situation und reagierst entsprechend. – Meinst du, dass das klappt?“
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Re: LUNA - 16

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:59

„Versuchen wir es einfach!“ antwortet Andrea und rutscht von ihrer Couch.

Nun steht sie auf allen Vieren vor mir und schaut erwartungsvoll zu mir auf. Ich nicke verhalten und beginne:

„Nehmen wir an, wir treffen beim Spazierengehen einen anderen Hund oder Doggie. Auch der ist, genau wie du, an der Leine seines Owners. Den Regeln entsprechend lauft ihr beide außen neben uns, so dass ihr euch nicht direkt begegnet, sondern die Owner zwischen euch aneinander vorbei gehen. Plötzlich zieht der entgegenkommende Doggie an der Leine und kommt direkt auf dich zu…“

„Ich wende den Kopf ab. Menschen würden ihn direkt anschauen mit schreckgeweiteten Augen, aber Hunde wenden den Blick ab. Damit signalisieren sie ‘Ich bin harmlos‘.“

„Richtig!“ bestätige ich sie lächelnd. „Zeig‘ mir das mal.“

Sie wendet den Kopf und schaut in Richtung Zimmertür.

„Und wenn der Hund sich nicht bändigen lässt von seinem Halter?“ bleibe ich am Ball.

„Dann bleibe ich einen Schritt zurück und verstecke mich hinter dir. Diesmal wende ich dem fremden Hund oder Doggie meine ganze Seite zu.“

„Zeig‘ es mir!“ fordere ich sie kopfnickend auf.

LUNA schaut kurz zu mir auf, dann dreht sie mir ihre Seite zu.

Ich beuge mich vor und streich ihr zart über Kopf, Nacken und vorderen Rücken. Dabei sage ich mit sanfter Stimme:

„Das hast du gut beobachtet! Die gleiche Bedeutung hat es, wenn du den Kopf zu Boden senkst und so tust, also würdest du herum schnüffeln. Das wäre sogar eine kleine Steigerung, denn das kann man übersetzen mit ‘Du bist uninteressant für mich‘. Die gleiche Bedeutung es, wenn ein Hund sich mit der Hinterpfote am Ohr kratzt.“

„Diese Geste ist für Doggies zu schwer!“ ergänze ich, als ich sehe, dass LUNA einen Fuß hebt.

Sie gerät auch gleich ins Schwanken und geht wieder in den Vierfüßler-Stand. Ich streichele sie wieder, aufmunternd lächelnd.

„Spielen zwei Hunde miteinander, sind sie schon auf Körperkontakt. Dabei kann es passieren, dass einer zu Knurren beginnt, aber dabei das Maul aufgesperrt hält…“

„Das ist ein Rangordnungsverhalten. Möglicherweise war der Knurrer vorher zu forsch und das ranghöhere Tier hat ihn gekniffen, um ihn zurecht zu weisen. Das ranghöhere Tier muss nun ebenfalls mit Knurren bei aufgesperrtem Maul antworten. Die Kiefer sind dabei meist gekreuzt,“ erklärt Andrea mir.

„Das stimmt,“ sage ich. „Wenn einer der Hunde nun aber die Vorderpfote hebt?“

„Das heißt wieder ‚Tu mir bitte nichts‘.“

„… und damit stellt sich der Hund oder die Doggie, die die Pfote hebt, eine Stufe unter sein Gegenüber,“ ergänze ich zustimmend. „Es handelt sich dabei um den Milchtritt des Welpen, mit dem der Milchfluss beim Muttertier angeregt wird. Vor diesem Hintergrund steht auch das Kommando GIB PFÖTCHEN: Die Doggie stellt sich unter den begrüßten Menschen. Ist der Owner nicht anwesend, wird Doggie von diesem Menschen Futter erwarten.“

„Ah, okay,“ meint Andrea dazu.

„Wenn der Hund sich streckt und gähnt, heißt das meist nicht ‘ich bin müde‘, sondern ‘ich fühle mich hier wohl‘. Viele Gesten bedeuten so in verschiedenen Situationen jeweils etwas anderes. Man muss die Geste also immer im Zusammenhang mit der Situation sehen, in der sie gezeigt wird.
So auch, wenn Doggie den Vorderkörper tief stellt, mit dem Kinn fast den Boden berührt: Schaut sie dich dabei an, heißt es ‘Komm, spiel mit mir‘. Schaut Doggie dabei an dir vorbei, heißt es wieder nur ‘ich bin harmlos‘, denn wer spielt ist alles, nur nicht aggressiv.“

Andrea dreht sich in meine Richtung und beugt ihre Ellbogen. Aus der Nähe des Erdbodens schaut sie lächelnd zu mir auf und bewegt unruhig ihren Hintern. Ich lächele und schaue mich kurz um. Dann nehme ich einen Ball und lasse ihn in ihre Richtung rollen. LUNA stoppt den Ball und gibt ihm einen Stoß in meine Richtung. In diesem Moment hören wir ein Kratzen an der Zimmertür.

Ich stehe auf und lasse Beauty zu uns herein. Sie orientiert sich kurz und geht sofort in die Spielverbeugung. Ich lächele und schiebe nun Beauty den Ball zu. Sie stoppt den Ball, legt die Pfote darauf und schaut scheinbar erwartungsvoll von einem zum anderen. Darüber muss ich kurz grinsen.

„Wer ein Spielzeug hat, dem gehört es!“ sage ich. „Beauty wird es bestimmt nicht so einfach aufgeben! Aber sie wird erlauben, dass du mit ihr damit spielst. Du musst zum Einen eine Beschwichtigungsgeste senden und zum Anderen über die Spielaufforderung zeigen, was du möchtest. Also: schau Beauty nicht direkt an, dreh auch den Kopf weg und zeig ihr deine Körperseite – in dieser Reihenfolge, wenn die erste Stufe noch nicht wirkt, nimm die nächsthöhere! Dabei geh von Anfang an in die Spielverbeugung!”

LUNA beugt nun ihre Ellbogen, so dass ihr Hintern in den Himmel zeigt und vermeidet es, Beauty direkt anzuschauen. Beauty knurrt leise und bewegt sich langsam rückwärts. Darüber bin ich erstaunt, denn sonst ist Beauty sofort zum Spiel bereit. LUNA wendet ihren Kopf jetzt demonstrativ zur Seite und wendet sich mit dem ganzen Körper von ihr ab. Dabei verkürzt sie allerdings den Abstand zu ihr etwas, indem sie sich seitwärts auf Beauty zu bewegt, mich währenddessen anschauend. Das veranlasst Beauty nun aber bloß, einen weiteren Schritt rückwärts zu machen.

“Beauty macht sicher schon ein Spiel daraus, an den Ball zu kommen,” kommentiere ich das Verhalten lächelnd. “Du hast leider nicht die Möglichkeit des Schwanzwedelns. Trotzdem solltest du mit dem Hintern wackeln, also mit deinem imaginären Schwanz wedeln!”

Luna macht es und nähert sich Beauty um einen Schritt seitwärts. Jetzt bleibt Beauty an ihrem Platz und auch das warnende Knurren bleibt aus. Luna schaut mich an und ich nicke ihr aufmunternd zu.

„Nähere dich ihr weiter so langsam Schritt für Schritt,“ schlage ich vor. „Wenn sie es zulässt, ist alles gut. Wenn sie wieder zurückweicht, hast du eine Vertrauensgrenze unterschritten! Dann musst du wieder stehen bleiben, weiter beschwichtigen und zum Spiel auffordern. Nach einer Weile wagst du dann einen weiteren Schritt. Wann das ist, soll dir dein Gefühl sagen! Horche dazu in dich hinein.”

LUNA versucht es und ist tatsächlich bald mit ihrem Mund ganz in der Nähe von Beautys Schnauze.

„Stupse den Ball mit Mund oder Nase nur leicht an! Nicht direkt danach schnappen!” rate ich ihr jetzt.

LUNA befolgt meinen Rat und wirklich… Beauty überlässt ihr den Ball!

„Stupse ihn jetzt einige Zentimeter weg und mache einen Schritt hinterher – und so weiter. Wenn Beauty hinterher kommt und das Spiel nach diesen Regeln mitmacht, stupst ihr ihr euch den Ball gegenseitig zu.”

Luna stupst also den Ball ein paar Zentimeter weg und setzt nach. Schnell hat sie Beauty neben sich, die nun den Ball übernimmt, aber dann wieder LUNA dran lässt. So geht das eine ganze Weile.

Nach einigen Minuten sage ich laut:

„BEAUTY, SITZ!”

Beauty schaut schräg zu mir auf, als will sie prüfen, ob sie mir gehorchen soll. Ich gehe auf die Border-Collie-Hündin zu, gebe ihr ein paar Hunde-Leckerlies aus der Schale, die Andrea in ihrem Zimmer stehen hat und lobe sie. Beauty setzt sich tatsächlich und schaut mich erwartungsvoll an.
Währenddessen ist LUNA ein paar Schritte weiter gegangen, den Ball vor sich her stupsend. Dann hat sie angehalten und schaut sich neugierig um. Ich lächele stolz und gehe auf LUNA zu, um ihr ein paar Erdnüsse in den Mund zu stecken.

„Ich bin stolz auf dich, LUNA!“ sage ich froh gestimmt und streich ihr sanft über ihr Haar. „Das hast du wunderbar gemeistert!”

LUNA lehnt sich spontan bei mir an.

„Eben bei der Annäherung an Beauty hast du aufgeregt schnell mit deinem Hintern gewackelt,“ sage ich zu ihr. „Das war spontan richtig! Wenn man die Körpersprache eines Hundes interpretieren will, muss man den ganzen Hund betrachten. Einzelne Gesten haben zuviele Bedeutungen. Gemeinsam mit der Körperhaltung, der Mimik und unwillkürlichen Bewegungen, ergibt sich daraus der Sinn.
Zum Beispiel das Schwanzwedeln und die Stellung der Ohren kannst du kaum nachmachen, aber bei deinem Gegenüber beobachten – sofern dein Gegenüber ein Hund und kein anderes Doggie ist.”

LUNA schaut mich fragend an.

„Möchtest du etwas sagen?“ frage ich also. „Dann los.“

„Was meinst du damit genauer?“ fragt sie zurück.

„Ein Hund, der mit dem Schwanz wedelt, ist nicht grundsätzlich erfreut!“ versuche ich an einem Beispiel mehr in die Tiefe zu gehen. „Zuerst einmal ist es ein Zeichen von Erregung! Beschreibt der Schwanz einen Kreis hoch in der Luft, hat es den Anschein, als wedelt der Hund mit dem ganzen Körper, leuchten seine Augen, kann man davon ausgehen, dass sich der Hund freut.
Wedelt der Hund oberhalb der Rückenlinie, aber etwas steif, ist auch seine Körperhaltung etwas steif, die Augen Schlitze, dann ist Vorsicht geboten. Der Hund könnte der Meinung sein, etwas verteidigen zu müssen. Hier musst du die Annäherung abbrechen und Beschwichtigungssignale senden, LUNA!
Wedelt der Hund unterhalb der Rückenlinie und hält auch den Kopf tiefer, ist der Hund ängstlich. Auch hier sind zur Vorsicht Beschwichtigungssignale angebracht. Du musst erst einmal das Vertrauen des Hundes gewinnen.
Schau dir auch die Stellung der Ohren an! Bei Hunden mit Schlappohren musst du den Blick auf den Ohransatz richten. Nach hinten geklappt sind sie ein Zeichen von Angst und Unsicherheit. Aufrecht nach vorne gerichtet zeigen sie Aufmerksamkeit. Das machen sie, wenn der Herr etwas vom Hund will, aber auch beim Jagen, Imponieren oder sicheren Drohen.”

„Aber ich kann nicht mit den Ohren wackeln,” wirft sie spontan dazwischen.

Ich muss bei der Vorstellung grinsen und erkläre:

“Hier hat ein Hund, der mit dir spielt, ein paar Handicaps. Er braucht andere Signale von dir. Beauty kennt dich nun lange Jahre, aber andere Hunde müssen das erst noch lernen. Genauso verhält es sich aber auch bei der Kommunikation zwischen Mensch und Hund.”

Nun sage ich:

„BEAUTY, wo ist der Ball?”

Beauty schaut sich zu LUNA um.

„AUF, BEAUTY!” sage ich dann, und schon ist sie bei LUNA.

Es folgt ein Gerangel um den Ball. Beauty wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und versucht, LUNA den Ball abzunehmen. Sie stößt ihn aber in eine Zimmerecke. Beauty setzt nach und als LUNA folgt beginnt sie zu knurren. Erschrocken weicht LUNA etwas zurück und schaut zu mir auf.

„Beauty knurrt, hat aber ihre Zähne nicht gefletscht, wie du siehst. Sie droht dir also momentan nicht. Es ist vielmehr ein spielerischer Kampf um das Vorrecht am Ball, in dieser konkreten Situation. Gleichzeitig geht es darum, wer von euch beiden die ‘Erste’ ist. Schau!”

Da LUNA stehen geblieben ist, hat Beauty nun den Ball voll für sich beansprucht. Sie steht über ihm, so dass er sich unter ihrem Bauch befindet, und schaut zu uns herüber, ohne jemand direkt zu fixieren.

„Geh langsam seitwärts auf Beauty zu,” rate ich LUNA jetzt. „Sie wird bei Unterschreiten einer gewissen Entfernung wieder zu knurren beginnen. Mach du das dann auch. Seid ihr dann quasi auf Tuchfühlung, dann leg deine Wange beim Knurren ruhig an ihre! Denk daran: wer zuerst aufhört, hat verloren. Derjenige muss immer hinter dem Anderen bleiben und bekommt auch immer zuletzt sein Futter.”

LUNA legt die Stirn in Falten und schaut mich skeptisch an. Sie versucht zu knurren, was ihr kläglich misslingt. Ich lächele ihr aufmunternd zu.

„Versuche ein rollendes R in Verbindung mit einem Schnarchlaut, dem CH.”

Sie probiert es und ich nicke ihr zu. Sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder Beauty zu, geht seitwärts auf allen Vieren langsam in Richtung ihrer Spielgefährtin, ohne sie anzuschauen. Auch hält sie ihren Kopf tiefer als ihre Schultern.

Beauty weicht mitsamt Ball langsam weiter zurück, um den Abstand zu wahren. Aber LUNA verhält sich hartnäckig. Nach zwei Metern bleibt Beauty stehen und beginnt zu knurren. Ihre Zähne hält sie bedeckt. LUNA probiert es nun auch, während sie sich immer noch seitwärts nähert. Beauty bleibt beim Ball, lässt LUNA aber näher an sich heran. Dann entfernt sie sich eine Schulterbreit vom Ball. Es hat den Anschein, als gibt sie ihn frei.

Verunsichert schaut LUNA noch einmal zu mir auf. Ich nicke ihr aufmunternd zu und fordere sie auf:

„Weitermachen, LUNA!”

LUNA nähert sich Beauty knurrend weiter. Sie knurrt ebenso und reckt dabei die Schnauze gen Himmel. Jetzt hat LUNA Beauty erreicht und berührt sie zaghaft an der Schulter. Sie legt, wie besprochen, ihre Wange an Beautys und schaut ebenfalls hoch beim Knurren. Sie imitiert Beauty in dieser Situation.

Nach einer gefühlten Ewigkeit gibt Beauty auf und dreht sich auf den Rücken.

„Nun streichele Beauty sanft,” sage ich. Ich habe mich den beiden Streithähnen während der Aktion genähert.

LUNA geht in die SITZ-Position und beginnt Beauty sanft zu streicheln, was sie sich eine Zeitlang gefallen lässt.

„Dieses Auf-den-Rücken-drehen ist die Unterwürfigkeitsgeste,“ erkläre ich. „Beauty hat aufgegeben und akzeptiert, dass du die Erste von euch Beiden bist.”

*

Nach den Herbstferien hängt Maik fast jeden Abend bei mir ab. Für Mama und Papa gehört er inzwischen quasi zur Familie. Wir sitzen zusammen und hören Musik.

Darüber vergeht mehr als eine Woche, bis er mich fragt:

„Du lebst doch schon mit Beauty zusammen seit du denken kannst. Da spürst du sicher, was sie jeweils gerade von dir will und wie sie fühlt, wie es ihr geht?“

Ich frage mich, was er wohl gerade auf dem Herzen hat. Also schaue ich ihm prüfend in die Augen und frage zurück: „Jaaa?“

„Na,“ beginnt Maik mir sein Herz auszuschütten. „Was da zwischen dir und Beauty abläuft, nennt man ‘nonverbale Kommunikation‘. Ich denke mal, das läuft bei euch beiden intuitiv ab. Du weißt was Beauty will, kannst ihr aber nicht auf gleicher Ebene antworten, weil wir Menschen uns verbal unterhalten. So sprechen wir auch mit den Hunden.“

Ich schaue ihn mit großen Augen fragend an.

„Und?“

„Versetz‘ dich mal in Beauty,“ redet er weiter. „Wenn du sie mit ihrem Namen ansprichst hebt sie den Kopf und schaut dich an. Redest du dann weiter und es handelt sich nicht um ein Codewort, das sie kennt – also ein Kommando, dann versteht sie nur ‘Blablabla‘. Sie kann auf der Vibration deiner Stimme deine emotionale Verfassung herauslesen und wird dann dementsprechend reagieren: Bist du verärgert, wird sie versuchen, der Situation die Schärfe zu nehmen. Sie wird Beschwichtigungssignale senden, die allerdings von vielen Menschen missverstanden werden. Bist du liebevoll gestimmt, wird sie sich an dich drängen, an dir reiben.
Die Gestik und Mimik der Hunde, deren ‘nonverbale Kommunikation‘ also zu erlernen, wäre für die LUNA bestimmt von Vorteil…“

Ich muss lachen, umarme und küsse ihn.

„Du willst also weitermachen mit dem Training…“

Maik lächelt verschmitzt und erzählt mir einiges darüber, das er sicher bei seinem Onkel gelernt hat. Dann nimmt er einen Ball und wir spielen ein paar Minuten, als wir ein Kratzen an der Zimmertür hören. Maik erhebt sich aus der Hocke und lässt Beauty zu uns herein.

Sie orientiert sich kurz und geht sofort mir gegenüber in die Spielverbeugung. Ich lächele und schiebe ihr gerne den Ball zu. Sie stoppt den Ball, legt die Pfote darauf und schaut scheinbar erwartungsvoll von einem zum anderen.

„Wer ein Spielzeug hat, dem gehört es!“ kommentiert Maik ihr Verhalten und lächelt.

Ich runzele die Stirn, da ich etwas enttäuscht bin. Das Spiel soll zu Ende sein, kaum dass es begonnen hat?

„Beauty wird den Ball bestimmt nicht so einfach aufgeben!“ meint Maik nun. „Aber sie wird erlauben, dass du mit ihr damit spielst. Du musst zum Einen eine Beschwichtigungsgeste senden und zum Anderen über die Spielaufforderung zeigen, was du möchtest. Also: schau Beauty nicht direkt an, dreh auch den Kopf weg und zeig ihr deine Körperseite – in dieser Reihenfolge, wenn die erste Stufe noch nicht wirkt, nimm die nächsthöhere! Dabei geh von Anfang an in die Spielverbeugung!”

Also beuge ich nun meine Ellbogen, so dass ich vorne tiefer bin und vermeidet es, Beauty direkt anzuschauen. Beauty knurrt leise und bewegt sich mit dem Ball langsam rückwärts. Darüber bin ich erstaunt, denn sonst ist Beauty sofort zum Spiel bereit. Ich schaue nun demonstrativ an ihr vorbei und drehe mich von ihr weg. Dabei gehe ich seitwärts auf Beauty zu, schaue aber Maik die ganze Zeit an. Beauty macht einen weiteren Schritt rückwärts.

Auf Maiks Rat hin, wackele ich mit dem Hintern und nähere mich Beauty langsam weiter. Jetzt bleibt Beauty an ihrem Platz. Auch knurrt sie nun nicht mehr. Ich schaue wieder zu Maik hoch. Er nickt mir aufmunternd zu. Also nähere ich mich Beauty noch mehr, bis ich schließlich ganz nah an ihrem Kopf bin.

„Stupse den Ball mit Mund oder Nase nur leicht an! Nicht direkt danach schnappen!” sagt Maik nun.

Ich befolge seinen Rat und Beauty überlässt mir tatsächlichden Ball!

„Stupse ihn jetzt einige Zentimeter weg und mache einen Schritt hinterher – und so weiter. Wenn Beauty hinterher kommt und das Spiel nach diesen Regeln mitmacht, stupst ihr euch den Ball gegenseitig zu,” rät er mir weiter.

Wirklich spielen wir nun abwechselnd mit dem Ball. So geht das eine ganze Weile. Dann fordert Maik Beauty auf SITZ zu machen und gibt ihr ein paar Leckerlies aus der Schale, die für Beauty in meinem Zimmer steht. Beauty setzt sich tatsächlich und schaut ihn erwartungsvoll an.

Ich bin in der Zwischenzeit ein paar Schritte weiter gegangen, den Ball vor mir her stupsend. Nun halte ich an und schaue mich neugierig um. Maik schaut lächelnd zu mir herüber, nimmt ein paar Erdnüsse aus der Dose, kommt auf mich zu und schiebt sie mir in den Mund. Dabei streicht er mir sanft durchs Haar und lobt mich, woraufhin ich mich bei Maik anlehne. Dann erklärt er mir den Ablauf der Situation genauer, damit ich verstehe, wie Beauty die Situation wohl empfunden haben muss.

Danach fordert Maik Beauty auf, das Spiel fortzusetzen. Es folgt ein Gerangel um den Ball. Beauty wedelt aufgeregt mit dem Schwanz und versucht, mir den Ball abzunehmen. Ich stoße ihn spontan in eine Zimmerecke. Beauty folgt dem Ball. Als ich Beauty erreicht habe, beginnt sie zu knurren. Erschrocken weiche ich etwas zurück und schaue zu Maik auf.

„Beauty knurrt, hat aber ihre Zähne nicht gefletscht, wie du siehst. Sie droht dir also momentan nicht,“ erklärt er mir. „Es ist vielmehr ein spielerischer Kampf um das Vorrecht am Ball, in dieser konkreten Situation. Gleichzeitig geht es darum, wer von euch beiden die ‘Erste’ ist. Schau!”

Beauty hat den Ball voll für sich beansprucht. Sie steht über ihm, so dass er sich unter ihrem Bauch befindet, und schaut zu mir, ohne mich direkt anzusehen.

„Geh langsam seitwärts auf Beauty zu,” rät mir Maik jetzt. „Sie wird bei Unterschreiten einer gewissen Entfernung wieder zu knurren beginnen. Mach du das dann auch. Seid ihr dann quasi auf Tuchfühlung, dann leg deine Wange beim Knurren ruhig an ihre! Denk daran: wer zuerst aufhört, hat verloren. Derjenige muss immer hinter dem Anderen bleiben und bekommt auch immer zuletzt sein Futter.”

Ich kräusele die Stirn und schaue Maik skeptisch an. Dann versuche zu knurren, was mir aber kläglich misslingt. Mit Maiks Hilfe bekomme dann doch ich so etwas ähnliches zustande. Ich nähere mich Beauty langsam mit tiefgestelltem Kopf seitwärts und ohne sie direkt anzuschauen.

Beauty weicht mitsamt Ball langsam weiter zurück, um den Abstand zu wahren. Aber ich bin hartnäckig. Nach zwei Metern bleibt Beauty schließlich stehen und beginnt zu knurren. Ihre Zähne hält sie bedeckt. Ich probiere es nun auch, während ich mich immer noch seitwärts nähere. Beauty lässt mich näher an sich heran, ohne den Ball aufzugeben. Dann entfernt sie sich eine Schulterbreit vom Ball. Es hat den Anschein, als gibt sie ihn frei.

Das verunsichert mich etwas und ich schaue zu Maik auf. Der nickt mir lächelnd zu, also nähere ich mich Beauty knurrend weiter. Sie knurrt ebenso und reckt dabei die Schnauze gen Himmel. Als ich Beauty erreiche, berühre ich sie zaghaft an der Schulter. Dann lege ich meine Wange an Beautys und schaue ebenfalls zur Zimmerdecke hoch beim Knurren.

Nach einer Weile gibt Beauty auf und dreht sich auf den Rücken.

„Nun streichele Beauty sanft,” sagt Maik, der nahe an uns herangetreten ist.

Ich tue es und Maik erklärt:

„Dieses Auf-den-Rücken-drehen ist die Unterwürfigkeitsgeste. Beauty hat aufgegeben und akzeptiert, dass du die Erste von euch Beiden bist.”

*


In den folgenden Wochen werde ich mit Maiks Hilfe immer aufmerksamer für Beautys Gestik und Mimik. Ich lerne ihre Bedeutung im Zusammenhang mit der aktuellen Situation erfassen und ertappe mich dabei, dass ich Beauty auf ähnliche Weise antworte. Mama sagt eines Abends zu Papa:

„Beauty und Andrea sind ein Herz und eine Seele. Sie verstehen sich blind. Das wird ein großer Schock für Andrea, wenn Beauty einmal nicht mehr ist.“

„Nuuuun,“ dehnt Papa die Antwort. „Beide haben ja schon eine Menge miteinander erlebt! Beauty ist Andreas große Beschützerin. Sicher, Beauty ist inzwischen eine Greisin. Ich bin mir aber sicher, dass Andrea versteht, dass Beauty nicht ewig lebt.“

In dem Moment wird die Tür des Wohnzimmers geschlossen und ich kann der weiteren Unterhaltung nicht mehr folgen. Sicher, Mama und Papa haben Beauty in der letzten Zeit immer öfter zum Tierarzt bringen müssen. Sie ist ja auch ein weiblicher Methusalem, mit ihren inzwischen fast 17 Jahren. Ich bin gespannt, ob Mama und Papa sich eine andere junge Hündin ins Haus holen oder erst einmal ohne Hund leben wollen.

Bei Maiks nächstem Besuch erzähle ich ihm von dem Bruchstück des Gesprächs, das ich mitbekommen habe. Er nimmt mich in den Arm und fragt:

„Bekommt Beauty regelmäßig Medikamente?“

„Ja, seit dem letzten Tierarztbesuch,“ antworte ich ihm.

„Da Beauty inzwischen so alt ist, könnten es Schmerzmittel sein, die Altersgebrechen erträglicher machen. Verabschiede dich am besten in Gedanken allmählich von deiner guten Freundin und Beschützerin. Es könnte sein, dass sie eines Morgens nicht mehr aufwacht, dass sie am Vorabend friedlich eingeschlafen ist…“

Ich schaue zu Maik auf, der mich liebevoll anblickt. Also umfasse ich seinen Brustkorb und kuschele mich stumm bei ihm an. Wir genießen beide den intimen Moment. Dann sage ich leise:

„Du hast mich die Hundekommandos gelehrt und seit unserem Urlaub bei deinem Onkel in Süddeutschland auch die ‚nonverbale Kommunikation‘ der Hunde. Ich habe erlebt, dass ich mich seitdem mehr und mehr mit Beauty unterhalten kann. Das erzeugt ein ambivalentes Gefühl in mir - Furcht und die Faszination gleichzeitig…”

Maik setzt sich auf, dreht sich zu mir und nimmt meinen Kopf in beide Hände, während er mir in die Augen schaut. Er fragt:

„Kannst du mir das näher beschreiben, Andrea?”

„Eine Hündin fühlt sich bei ihrem Herrn geborgen und sicher. Du hast mich gelehrt wie eine Hündin zu denken. Ich weiß auch, dass ich dir vollkommen vertrauen kann. Viele Frauen macht es sicher skeptisch! Ich könnte mit meinen Eltern oder Großeltern ganz bestimmt nicht offen über meine Gefühle reden. Du bist in der Beziehung der einzige Mensch, dem ich mich so öffnen kann.“

„Weißt du noch, dass du diejenige warst, die mich darauf gebracht hat? Dein Faible für Anime. – Dieser japanische Comic, in dem drei unterschiedliche Hündinnen sich in Mädchen verwandeln und sich nun in der Menschenwelt zurechtfinden müssen… Du bist aber keine Hündin, und du warst früher keine! Du musst dich nicht in der Menschenwelt zurechtfinden. Umgekehrt entsteht daraus aber eine gewisse Faszination, die auch mich mit der Zeit erfasst hat:
Du verwandelst dich in deiner Phantasie in eine Hündin und musst dich nun in der Hundewelt zurechtfinden. Du lässt dein inneres Tier heraus und lebst deine Gefühle aus, wie auch Beauty das tut. Das Zusammenleben von Hunden und Menschen erleichtern die Hundekommandos und wie du dich ‚hündisch‘ äußern kannst, zeigen dir die Gestiken und Mimiken.“

„Das ist es ja! Einerseits fürchte ich das Unverständnis der Mitmenschen, andererseits fasziniert mich, was du mir mit großem Sachverstand gezeigt hast!“

„Niemand muss etwas von LUNA erfahren! Sobald Andere dabei sind bist du Andrea.“

Ich nicke und drücke meine Wange an seine Achsel.

„Du hast mir einmal gesagt, die Liebe zwischen Besitzer und Tier ist vergleichbar der Liebe zwischen Mutter und Kind. Damit ist die aktive Fürsorge gemeint. Ich fühle, dass ich das große Los gezogen habe. Es kommen Umwälzungen auf mich zu. Bald habe auch ich den Abschluss. Ich muss mich also langsam um eine Ausbildung kümmern. Beauty lebt nicht mehr lange. – Es wäre schön, wenn wir nach den nächsten Sommerferien zusammenziehen könnten…“

Nun ist ‚die Katze aus dem Sack‘! Was wird Maik jetzt sagen? Ich schaue ihn ängstlich an.

Er hält mich nur noch fester in seinen Armen und lächelt mich mit einem glücklichen Gesichtsausdruck an.

„Es ist noch ein gutes halbes Jahr, Andrea! Bewerbe dich in einem Beruf, der dir Spaß macht. In der Zwischenzeit wird sich bestimmt etwas ergeben. Meine Ausbildung dauert noch etwa drei Jahre. Dann warte ich bis deine Ausbildung zu Ende ist und schließlich ziehen wir nach Süddeutschland. Bis Onkel Hans sich ganz aus der Bewirtschaftung des Hofes zurückzieht, wird es noch Jahre dauern. Er wird mir das Ruder nur allmählich in die Hand geben.“

Während er das sagt, beginnt er meinen Rücken von der Schulter bis zur Hüfte und zurück zart zu streicheln, was ich mit geschlossenen Augen genieße.

„Wenn Frauen mit der Sehnsucht im Herzen, zu jemandem gehören zu wollen, allein vor dem Spiegel stehen,“ sinniert er leise, „sehen sie sich immer ganz: sie sehen die Devota (auch wenn sie frei sind) und sie sehen die freie Frau (selbst wenn sie unfrei sind). Die freie Frau verschwindet nicht, sobald sie sich untergeordnet hat. Die freie Frau kämpft immer noch und sie wird immer wieder hochkommen und sagen ‘Pah, ich hab‘s doch gesagt, du solltest dich nicht unterwerfen!’
Die Frauen können sich nackt im Spiegel anschauen und sehen, wie hilflos sie dann wirken und wie reizvoll, wie verletzlich und schön. Oder sie packen sich in hochgeschlossene Klamotten und schützen sich, wie es die freie Frau in ihnen möchte. Die freie Frau in ihnen ist eine Art Schutz, den alle Frauen brauchen. Jedes Lebewesen braucht Schutz und da Frauen von Natur aus eben verletzlich und schön sind, müssen sie sich halt schützen.
Verständlich, wenn sie plötzlich Angst bekommen, sobald die Devota in ihnen zum Vorschein kommt. Denn diese Seite in ihr präsentiert sich vollkommen hilflos und verletzlich, auf Knien, demütig, ergeben, vollkommen offen, nackt - völlig ausgeliefert dem Mann ihres Vertrauens. So ist doch vollkommen klar, dass die freie Frau dagegen rebelliert und innerlich Alarm schreit! Davor hat die freie Frau in ihnen Angst. Und zu Recht, denn der Wolf kann das Schaf in Stücke reißen - der Mann könnte die Devota missbrauchen, ihre Hilflosigkeit ausnutzen, sie einfach nur benutzen und dann wegwerfen. Davor warnt die freie Frau in jeder Frau und davor haben viele Frauen halt Angst!
Es ist die Pflicht der inneren freien Frau, sich den Mann genau anzuschauen und zu prüfen! Das sollte sie im Vorfeld gut tun und das sollte eine noch freie Frau auch ruhig zulassen.
Ich sage: Lass die innere freie Frau ihre Arbeit machen, aber achte auch darauf, dass die freie Frau die Devota nicht völlig zurück drängt. Die freie Frau muss dann nämlich akzeptieren, dass in ihr eine devote Frau existiert und letztlich – wenn sie sich nach reiflicher Prüfung unterwirft – nach außen tritt und der Herr den Schutz übernimmt, den die innere freie Frau zuvor übernommen hatte. Die innere freie Frau muss akzeptieren, dass sie ‘nur’ vertretungsweise – solange kein Herr da ist, der den Titel wirklich verdient – den Schutz übernommen hatte und dass ihre Aufgabe beendet ist, sobald ein Herr ins Leben der Frau tritt und die Devota hervorkommt. Die Schutzhülle wird abgeworfen wie die Puppe, aus der ein wunderschöner Schmetterling hervor kommt und die Devota steht dann nackt vor dem Herrn.
Die Devota hat den Drang, ihrem Herrn zu dienen und ihm darin zu gefallen. Sie fühlt sich wohl auf Knien und wartet auf Anweisungen. Die Devota schützt sich selbst nicht, das ist nicht ihre Aufgabe. Das übernimmt die innere ‘freie Frau’ und später der Herr. Also, in gewisser Weise ist die innere Devota ein ‘wildes Tier’, dass immer irgendwie unter Kontrolle gehalten werden muss.”

Meine Augen leuchten. Ich habe aufmerksam zugehört und ergänze seinen Gedankengang, nachdem wir einige Minuten still aneinander gekuschelt auf der Couch gesessen haben.

„Wäre ich nicht in deiner Obhut, muss mein Kokon – die ‘freie Frau’ – viel Energie aufwenden, um die innere Devota unter Kontrolle zu halten, wenn diese geweckt wurde und voller Sehnsucht nach außen drängt. Wenn aber – wie bei uns – die Devota einen Herrn gefunden hat, der so viel für sie tut wie du, dass sie sich vollkommen fallenlassen kann, dann kann sie sich völlig ausleben und die ‘freie Frau’ nun in die hinterste Ecke ihrer Seele verbannen.“

Ich mache eine Pause und denke über die gesagten Worte nach. Dann ergänze ich:

„Sie ist immer noch vorhanden! Aber sie hat nun ihre Ruhe. Dazu gehört hundertprozentiges Vertrauen! Ich bin dir dankbar, dass du mir die nötige Zeit gegeben hast, dieses große Vertrauen zu erlangen.”

Ich strecke mich etwas und drücke ihm einen herzhaften Kuss auf den Mund. Maik hält mich an den Schultern und erwidert meinen Kuss leidenschaftlich.

„Andrea,“ beginnt Maik, und dreht meinen Kopf, dass ich ihn anschauen muss. „Ich liebe dich! Du schenkst mir so viel Freude, weil wir gemeinsam lachen, aber auch weinen können. Wenn wir diskutieren und du plötzlich einfach anfängst, mich zu necken. Wenn du vor mir kniest, während ich dir dein Halsband anlege und ich dieses leise Zittern fühle. Wenn dein Temperament mich übermannt, es mich manchmal einfach mitreißt und ich dich an anderer Stelle zügeln muss: so ist das eben, einen Wildfang zu haben.
Dennoch gebührt dir mein Respekt und Vertrauen. Was uns verbindet, lässt uns erblühen ohne einander zu erdrücken. Wenn du neben mir liegst und ich deinen Nacken küsse, wenn du aufgeregt bist und ich deine Hand nehme, wenn du Kummer hast und ich dich in meine Arme schließe, und selbst wenn du einfach nur in meinen Armen schläfst, dann sage ich dir ganz ohne Worte ‘ich liebe Dich’ und ich bin mir sicher, du hörst diese unausgesprochenen Worte selbst während du schläfst.
Dein Humor, Warmherzigkeit, Lebensfreude, Intellekt - dein ganz eigener Charme und ja, ich muss es zugeben, auch dein Körper hatten mich sehr schnell in den Bann gezogen und lassen mich bis heute nicht mehr los. Ohne dich wäre ich kein Herr und ganz sicher nicht ein so glücklicher Mann wie ich es mit dir bin. Bei dir erst fühle ich mich komplett und endlich auch angekommen. Du bist mein und ich bin dein und ich wünsche mir, dass dies immer so bleiben wird.”

„Du hast in deine Überlegungen auch meine Gehbehinderung einbezogen?“ muss ich nun doch fragen.

Er sagt kein Wort. Stattdessen steht Maik von der Couch auf, dreht sich zu mir um und beugt sich zu mir herunter. Mit einem Glitzern in den Augen nimmt er mich in seine Arme. Unwillkürlich umfasse ich seinen Nacken. Er hebt mich an und geht mit mir im Arm ein paar Schritte im Kreis. Dann setzt er mich vorsichtig wieder auf die Couch, um sich gleich darauf neben mir nieder zu lassen. Ich ziehe seinen Kopf in die Nähe meiner Lippen…

„Wir sind zwei liebende Seelen,“ flüstert Maik. „Was bedeuteten da schon körperliche Unzulänglichkeiten…“

“Das ist die schönste Liebeserklärung, die je eine Devota von ihrem Herrn erhalten hat!” hauche ich und gebe ihm einen leidenschaftlichen Kuss.
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