LUNA

Geschichten und Gedichte der Mitglieder
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LUNA

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 10:58

„Manni, ich glaub‘, ich bin schwanger.“

Als Birgit vor dem Einschlafen wie beiläufig den Satz fallen lässt, bin ich mit einem Mal hellwach. Ich drehe mich zu ihr und sehe, wie sie liebevoll auf mich herabblickt. Einige Jahre haben wir es nun schon probiert. Nie wollte es gelingen. Schließlich haben wir es aufgegeben und uns gesagt, wenn es passiert, dann passiert es eben; wenn nicht dann nicht. Und nun das!

Ich hebe meine Arme ihr entgegen, umfasse zärtlich ihre Schultern und ziehe sie zu mir herab, um ihr einen Kuß zu geben. Das erste, das meine Lippen erreichen, ist ihre Nasenspitze. Dann legen sich meine geöffneten Lippen auf ihre und meine Zungenspitze tastet nach ihrer.

*


Die Untersuchung bei Birgits Frauenärztin bestätigt ihren Verdacht. Ich bin so glücklich. Schlimm empfinde ich in unserer Situation, dass meine berufliche Tätigkeit mir nur erlaubt alle drei Wochen für ein Wochenende zuhause zu sein.

Neun Monate nachdem mich Birgit informiert hat, dass unser größter Wunsch in Erfüllung gegangen ist und ihr Bauch beängstigende Maße angenommen hat, werde ich mitten in der Nacht wach. Bis der Wecker klingelt und ich wieder zur Arbeit muss, vergehen noch vier Stunden. Entsprechend benommen drehe ich mich zu Birgit um, die mich an der Schulter rüttelt.

„Manni, bitte! Manni, bitte wach auf! Wach auf! Ich glaube es kommt…“

Mit einem Sprung bin ich aus dem Bett. An den Schrank gelehnt, versuche ich Sekundenlang mein Gleichgewicht zu finden und die Benommenheit loszuwerden. Schnell bin ich im Bad und habe mir eine Handvoll Wasser ins Gesicht geworfen. Zurück im Schlafzimmer sehe ich Birgit schwer atmend auf der Bettkante sitzen.

Ich ziehe mir schnell Hemd und Hose über den Schlafanzug an und schlüpfe in meine Sandalen, dann helfe ich Birgit in ihren Mantel und Schuhe. Auf mich gestützt geht sie mit verkniffenem Gesicht ins Bad. Dort lasse ich sie auf dem WC hinsetzen und gebe ihr einen feuchten Waschlappen für die notdürftigste Hygiene. Währenddessen verstaue ich ihre Zahnbürste und –creme im Notfallkoffer. Dann geht es langsam zum Auto.

Sobald wir auf der Straße sind beeile ich mich, den Weg zur städtischen Klinik möglichst schonend zurück zu legen. Adrenalin strömt durch meine Adern und lässt mich an jeder roten Ampel schier verzweifeln. Schließlich haben wir es doch noch geschafft. Etwas über eine Stunde nachdem mich Birgit geweckt hat, sind wir in der Aufnahme. Eine erste Untersuchung erfolgt. Der Arzt meint:

„Der Muttermund ist schon etwas offen. Gehen sie mit ihrer Frau noch etwas durch die Gänge.“

Ich seufze, aber beuge mich seinem Rat. Wir beginnen eine langsame Wanderung durch die Klinikgänge. Zwischendurch ruht sich Birgit an den wandhohen Fenstern an den Enden der Gänge aus. Ein paar Minuten schauen wir den Vögeln auf der Wiese vor den Fenstern zu, dann gehen wir zurück und biegen in einen anderen Gang ein. Im stündlichen Abstand untersucht der Arzt Birgit und bis nach Mittag schickt er uns immer wieder auf Wanderschaft.

Am Morgen zu Arbeitsbeginn habe ich auf meiner Arbeitsstelle angerufen und geschildert, dass ich heute nicht zur Arbeit kommen kann. Dort beruhigt man mich und sagt, ich solle mich jetzt erst einmal um uns kümmern.

Gegen 14 Uhr entscheidet der untersuchende Arzt die Geburt einzuleiten. Eine Krankenschwester führt uns in einen Raum und hilft Birgit gemeinsam mit mir, sich auf einer Liege nieder zu lassen. Dann richtet sie den Blick auf mich und sagt:

„Herr Weiler, Sie sollten draußen warten!“

Hm, okay. Ich drücke Birgits Hand und beuge mich zu ihr herunter, um ihr einen Kuss zu geben. Dann versuche ich aufmunternd zu klingen:

„Liebling, ich bleibe draußen an der Tür. Du bist ja in guten Händen. Ich erwarte euch beide bald zu sehen…“

Dann schließt sich die Tür des Vorraums hinter mir.

Für meine Begriffe hat es eine Ewigkeit gedauert, als sich die Tür wieder öffnet. Ich habe mir von einem der Gangenden einen Stuhl hierher gebracht. Der Kopf der Krankenschwester kommt hervor und schaut auf mich herab.

„Herr Weiler, Sie dürfen jetzt zu ihrer Frau,“ sagt sie und macht den Weg frei.

Man hat Birgit auf der Liege wieder in den Vorraum geschoben. In ihren Armen hält sie ein Bündel aus einer Frottee-Decke, aus der mich ein kleines Gesicht neugierig anschaut. Mir verschlägt es die Sprache. Ich streichele vorsichtig über die kleine Wange. Eine kleine Hand kommt aus der Decke hervor, umschließt meinen Zeigefinger und führt ihn sich in den Mund. Die Kleine schließt die Augen und beginnt am Finger zu saugen. Ich beuge mich zu Birgit herunter, der man die Erschöpfung deutlich ansieht und küsse ihre Stirn.

Wir werden von der Krankenschwester gestört.

„So, Herr Weiler. Haben Sie sich schon einen Namen für ihre Tochter überlegt?“

„Wir haben uns für Andrea entschieden,“ antworte ich ihr.

Sie sucht einige Buchstabenwürfel aus einer Plastikschale zusammen und fädelt sie auf. Dann erhält unsere Kleine ein Armbändchen mit ihrem Namen. Dann meint die Krankenschwester:

„Wir wollen ihre Frau auf die Wöchnerinnen-Station bringen…“

Ich trete also einen Schritt zurück und mache den Weg frei. Sie schiebt Birgit auf den Gang und durch eine Tür in einen anderen Bereich. Dort auf einem Zimmer gibt sie mir meine Kleine auf den Arm und hilft Birgit in ein freies Bett. Danach bettet sie unsere Kleine in ein Babybettchen und verlässt uns mit der Liege.

Allmählich lässt die Spannung bei mir nach und ich spüre eine große Müdigkeit. Draußen beginnt schon der Abend zu dämmern als ich nachhause fahre, ins Bett falle und wenig später eingeschlafen bin.

*


Inzwischen ist es Sommer geworden und Birgit mit unserer Kleinen zuhause. Ich habe mir eine Känguru-Tragetasche gekauft und trage unsere Kleine bei Spaziergängen darin in der Nähe meines Herzens. Wir halten strikt die Untersuchungstermine ein. Die Urlaubsvertretung unserer Kinderärztin wendet sich an uns mit umwölkter Stirn.

„Ich verstehe nicht, warum das der Frau Doktor nicht schon aufgefallen ist. Ihre Tochter hat Hüftluxation zweiten Grades. Sie sollten sich umgehend um eine Einweisung in eine Kinderklinik bemühen! – Keine Angst, in diesem Alter behandelt, ist ihrer Tochter später nichts mehr anzumerken. Unbehandelt droht ihr ein Leben im Rollstuhl.“

Sie erklärt uns genau, was mit Andrea los ist und beschreibt wie eine Operation der Hüfte abläuft und dass sie die Hüfte später beim Aufrechtgehen entlastet. Würden wir es unbehandelt lassen, würde sich unsere Kleine einen Watschelgang angewöhnen, um die Schmerzen durch die Überdehnung der Sehnen erträglich zu halten. Ein Sehnenriss hätte ein Leben im Rollstuhl zur Folge.

Wenige Wochen danach haben wir den Termin für ein Beratungsgespräch in der Uni-Kinderklinik. Dort erklärt man uns, dass man jetzt noch nicht operieren kann. Wenn unser Mädchen etwa anderthalb bis zwei Jahre alt ist, kurz bevor sie zu laufen beginnt, wäre der optimale Zeitpunkt. Jetzt wären die Knochen noch zu weich. Trotzdem überlässt man uns nicht unserem Schicksal, sondern gibt uns einen Termin in sechs Monaten für die nächste Untersuchung in der Orthopädie der Kinderklinik.

*


Da sich Birgit früher für Anime interessiert hat, entscheidet sie sich für Anime-Characters aus Stoff als Knuddelfiguren für unser Mädchen. Ich lasse sie gewähren und nutze die Stoffpuppen bald auch im Spiel mit Andrea auf dem Teppich im Wohnzimmer. Ich freue mich über jedes Jauchzen der Kleinen und halte still, wenn sie mir auf Bauch und Brust krabbelt, um dann mit dem Ohr über meinem Herzen ein Nickerchen zu machen. Es macht mich glücklich, wie innig unser Verhältnis zueinander ist.

Seit Andreas Geburt werde ich von unserem Personalsachbearbeiter als „Springer“ eingesetzt. Das heißt, wo überall auf den Schiffen der Reederei ein Mann ausfällt - wegen Urlaub oder Krankheit – muss ich hin und für den Mann einspringen. Das bedeuten Einsätze von ein bis drei Wochen und dazwischen Pausen von zwei bis fünf Tagen. Zum Einen bin ich dafür ständig mit dem Zug zu den Einsätzen unterwegs, zum Anderen bin ich länger am Stück bei meiner kleinen Familie.

Andrea ist fast anderthalb Jahre alt, als sich die Ärzte für die Operation entschließen. Wie man uns sagt, ist so der Eingriff vollständig verheilt bis sie beginnt zu laufen. Da wir uns auf den Rat der Fachleute verlassen stimmen wir dem Eingriff zu und bekommen einen Termin.

Drei Wochen danach bringen wir Andrea in die Orthopädische Kinderklinik der Universität unserer Stadt. Sie wird vorbereitet und bekommt dann ein Schlafmittel.

Als unsere Kleine eingeschlafen ist, müssen wir uns vorübergehend von ihr trennen. Wir gehen schweren Herzens in die Kantine des Krankenhauses, essen etwas und setzen uns mit einem Kaffee nebeneinander an den Tisch. Birgit lehnt sich bei mir an und ich lege meinen Arm um ihre Schultern.

„Manni,“ sagt sie leise und schaut zu mir auf. „Ob wir das richtige tun?“

„Bestimmt, Liebes,“ versuche ich sie zu beruhigen.

Nach einer Weile, in der wir stumm in uns hinein gehorcht haben, ergänze ich:

„Auch die Ärzte sind nur Menschen! Wenn die OP nicht den gewünschten Erfolg hat, bleibt Andrea immer noch unser Mädchen, für das ich alles tun würde! Das Wohl unserer Kleinen kommt zuerst – erst dann meins…“

Birgit streckt sich etwas und drückt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Ich schaue sie an und sage:

„Du kommst ebenfalls in meiner Rangfolge vor mir selbst!“

Sie drückt mich und gibt mir einen Kuss auf meine Lippen.

„Das weiß ich, Manni,“ flüstert sie. „Ich bin aber gerade so unruhig… Magst du etwas durch den Park spazieren?“

„Aber klar!“ Ich schaue auf die Uhr. In drei Stunden sollen wir uns wieder melden.

Wir gehen also zum Hinterausgang und die vier Stufen hinunter in den Park der Klinik. Später schauen wir nach unserer Kleinen. Man erzählt uns, dass die Operation erfolgreich verlaufen ist. Andrea muss nun drei Wochen in der Klinik bleiben, damit der Heilungsprozess beobachtet werden kann. Die Krankenschwester lässt uns einen Blick auf unser friedlich schlafendes Mädchen werfen und fragt nach Besonderheiten, die sie in der Pflege beachten müssen.

„Sie mag keinen Spinat!“ bricht es unvermittelt aus Birgit heraus, die auffallend still geworden ist.

Wir lachen und ich nehme Birgit in den Arm. So verlassen wir die Klinik und fahren nachhause. Täglich sind wir zu den Besuchszeiten in der Klinik und sitzen bei Andrea am Kinderbettchen. Beim Verabschieden passiert es oft, dass Andrea mir ihre Ärmchen entgegenstreckt. Ich nehme also ihre Lieblingsstoffpuppe mit in unser Bett und bringe sie ihr nach ein paar Tagen, damit ihr der Abschied nicht zu schwer wird.

Dann kommt der Tag, an dem wir unsere Kleine mit nachhause nehmen dürfen. Beim Abschied erzählt uns die Oberschwester eine Anekdote:

„Eine der Schwesternschülerinnen wollte wohl wissen, ob Andrea wirklich keinen Spinat mag. Sie hat sie mit Spinat gefüttert und ihre Kleine spuckt sie plötzlich mit dem Spinat an, den sie im Mund gesammelt haben muss. Sie kommt zu mir – über und über grün gesprenkelt…“

Ich nicke lächelnd mit dem Kopf und auch Birgit lacht befreit auf.

*


In den folgenden Monaten warten wir sehnsüchtig darauf, dass Andrea sich irgendwo hochzieht und den ersten Schritt macht. Wir werden auf eine lange Probe gestellt. Sicher, es kommt immer wieder vor, dass unsere Kleine sich am Wohnzimmerschrank hochzieht und eine Sekunde abgestützt steht.

Schließlich locke ich sie mit ihrer Lieblingsstoffpuppe vom Schrank weg.

„Andrea, Maus, schau mal hier! Hol es dir!“

‚Etwa einen Meter sollte sie bald schaffen können,‘ denke ich.

Freudestrahlend lässt unser Mädchen den Schrank los, macht einen Schritt und geht wieder auf die Knie, um auf allen Vieren zu mir zu kommen.

‚Das dauert sicher noch etwas,‘ versuche ich mich zu beruhigen und gebe Andrea ihre Puppe.

Sie setzt sich auf und knuddelt ihre Puppe. Ich nehme beide auf meinen Schoß und wiege sie, während ich sie lobe und ihr durchs Haar und über die Wange streich.

In diese Zeit fällt es, dass Birgit mir in den Ohren liegt mit dem Wunsch nach einem Hund. Wir informieren uns und entscheiden uns für einen Border-Collie, weil diese Rasse sehr sozial eingestellt und nebenbei sehr intelligent ist. Über Bekannte finden wir einen Züchter und schauen ihn uns an. Eine seiner Hündinnen ist schwanger. Wir lassen uns vormerken und fahren wieder dorthin, als der Wurf drei Wochen alt ist.

Eine der tapsigen Welpen, ein Weibchen, hat es Birgit angetan. Nachdem das kleine Fellknäuel entwöhnt ist holen wir es zu uns. Es ist inzwischen über zwei Monate alt.

Auch hat sich beruflich bei mir einiges getan. Der Personalsachbearbeiter hat mir einen Einsatz gegeben, bei dem ich dauerhaft zuhause übernachten kann. Das Schiff fährt an sechs Tagen in der Woche morgens von unserer Stadt ab und ist abends spät wieder zurück. Montags bleibt es liegen. An diesem Tag wird es von uns gereinigt und überholt, so dass ich schon nachmittags zuhause sein kann.

In der Folgezeit kann ich beobachten, dass Andrea und ‚Beauty‘, wie wir den Familien-Neuzuwachs genannt haben, eng zusammenhängen. Beauty findet alles interessant, was Andrea macht, und umgekehrt ist es genauso.

Ein Punkt stört mich allerdings: Ich habe den Eindruck, dass Andrea keine Fortschritte mehr machen will beim Laufen lernen. Langsam wächst sie aber aus dem Sportwagen heraus. Einen Rollstuhl möchte ich nicht kaufen müssen. Auf Anraten eines Orthopäden besorge ich einen Hängesitz auf einem Laufband, mit dem wir nun mit viel Geduld und Lob regelmäßig trainieren.

Endlich schafft Andrea die ersten Schritte und kurze Strecken in der Wohnung auf zwei Beinen. Es sieht etwas komisch aus, aber darüber sehe ich hinweg. Der Arzt in der orthopädischen Praxis macht jedoch ein sorgenvolles Gesicht, als er sich ihr Können vorführen lässt.

„Das ist typisch für Kinder mit Hüftluxation,“ sagt er. „Ihre Tochter wird nie richtig gehen können. Um längere Strecken selbständig bewältigen zu können, sollten Sie sich mit einem Rollstuhl für sie anfreunden! Es gibt da besonders schöne Modelle, für die sich besonders Kinder gerne begeistern.“

Ich bin enttäuscht, aber für meine Kleine will ich alles tun. Dazu gehört, dass ich jetzt nicht zeige, wie es in mir aussieht. In wenigen Monaten kommt sie in den Kindergarten und bis dahin soll sie einen ‚Sportwagen‘ in Pink bekommen. Wir schauen uns verschiedene an und entscheiden uns eine Woche nach dem Arzttermin für ein Modell. Zuhause lasse ich sie weiter krabbeln. Wenn wir Ausflüge machen, setze ich sie in ihren Stuhl und schiebe sie damit durch Parks und Einkaufszentren.

Auf den Spielplätzen lasse ich sie selbst fahren, nachdem ich ihr gezeigt habe wie das geht und ihr dafür Fahrradhandschuhe angezogen habe. Die Kinder auf den Spielplätzen akzeptieren Andrea schnell und helfen ihr auch schonmal, wenn sie sich im Sand festgefahren hat.

Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Ich bin aufgesprungen und zu ihr hin gelaufen. Bei ihr angekommen ist sie aber schon wieder auf sicherem Grund gewesen. Ich habe mich bei den Kindern bedankt und sie zu einem Eis eingeladen. Und nachdem einige Eltern zustimmend genickt haben, habe ich zwei Hände voll Eistüten gekauft mit je einem Bällchen.

Nach diesem Erlebnis kaufe ich Andrea einen Fahrradhelm, denn ich kann nicht immer in ihrer Nähe sein und sie beschützen. Dann kommt sie in den Kindergarten. Die Gruppenleiterin integriert sie erfolgreich in die Spielgruppe. Unsere Kleine geht gerne dorthin. Jedoch spielen die Kinder an den Nachmittagen unter sich. Niemand ihrer Spielkameraden aus dem Kindergarten kommt auf die Idee, Andrea außerhalb der Spielstunden im Kindergarten zum Spielen einzuladen. Dafür ist Beauty ihr bester Spielkamerad zuhause.

Zwei Jahre später wird unser Sonnenschein zusammen mit den anderen Kindern ihrer Altersgruppe eingeschult. Die Kinder werden mit den Abgängen anderer Kindergärten gemischt und müssen sich nun neu zurechtfinden.

In ihrer Klasse sind ein paar Hyperaktive, das genaue Gegenteil unserer hochsensiblen Kleinen. Diese Gruppe stresst Andrea derart, dass sie bald nur noch unter Tränen in die Schule geht. Sie braucht viel Zuwendung und nach den Hausaufgaben entspannt sie sich beim Ballspiel mit Beauty.

Unsere Hündin weicht kaum von Andreas Seite und schläft auch in ihrem Zimmer auf ihrem Hundebettchen. An den Wochenenden spazieren wir oft gemeinsam durch den Stadtpark und jagen beide hinter dem mitgenommenen Plastik-Ei her, dass ich werfen muss. Damit Andrea den Ball erreicht, nimmt sie einen zusammen geschobenen Walking-Stick. Stürzt sie um, weil ein Rad ihres Rollstuhls von einem Maulwurfshügel gebremst wird oder in den Eingang einer Nagerhöhle geraten ist, krabbelt sie zu dem Stick, zieht sich daran hoch und richtet mit der freien Hand den superleichten Rollstuhl wieder auf. Die Bänder, die sie im Sitz halten, werden mit Klettband geschlossen und sind so mit einem Ruck wieder offen.

Mehr als einmal sind Passanten hinzu gelaufen, um ihr wieder auf zu helfen. Wir lassen es geschehen und bedanken uns jedesmal höflich. Anfangs muss ich Beauty immer wieder abrufen, die sich schützend zwischen Andrea und die Leute stellt. Jedesmal muss ich dann den Leuten das ungewöhnliche Gespann erklären und dass Andrea nicht völlig hilflos ist.

In der weiterführenden Schule hat sie zum Glück niemanden in ihrer Klasse, die sie aufgrund ihrer Behinderung und ihres Wesens verspotten, aber auch hier ist sie die Außenseiterin.

In der beginnenden Pubertät entwickelt sie zarte Gefühle für einen Jungen aus ihrer Klasse, der sie nicht beachtet. Der Junge hat nur Fußball im Kopf und seine Kumpels. Als dadurch wieder einmal die Hausaufgaben in einem Meer von Tränen zu versinken drohen, hebe ich mir meine große ‚Kleine‘ auf den Schoß, lasse sie sich an meiner Brust ausweinen und warte.

„Die Jungs sind alle doof!“ platzt es plötzlich aus ihr heraus.

Ich umfasse ihren Kopf, der an meinem Herz horcht und streichele ihre Wange.

Sie dreht den Kopf und schaut mich aus großen rotgeweinten Augen an.

„Der Dennis hat nur Augen für seine Kumpels…“

Ich lächele und drücke ihren Kopf sanft an meine Brust.

„Jungs in deinem Alter sind noch nicht so weit wie ihr Mädels. Lass ihn laufen! Es dauert wohl noch ein paar Jahre bis Dennis sich für dich interessiert. Schau dich ruhig erst einmal bei Jungs um, die ein paar Jahre älter sind als du. Dort gibt es genug, die sich auch nur für Sport interessieren, aber die Chance ist größer, dass darunter einer ist, der sich für dich interessiert…“

Es vergehen zwei Jahre in der ihre Gefühlswelt zwischen ‚himmelhoch jauchzend‘ und ‚zu Tode betrübt‘ schwankt. Immer wieder gerät sie an Jungs, die ihr Gefühle vorspielen, aber nur wissen wollen wie es ist, mit einer ‚Behinderten‘ Sex zu haben. Damit disqualifizieren sie sich jedoch bei Andrea, und unser Mädchen gerät wieder einmal in ein emotionales Loch.
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Re: LUNA - 2

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:01

Als sie sich wieder einmal mit einem Jungen verabredet hat, wird Beauty nach einigen Minuten unruhig und kratzt an der Tür. Ich leine sie an und will mit ihr Gassi gehen. Draußen zieht sie an der Leine bis ihr Kopf aus dem Halsband rutscht. Unter Bellen rennt sie in Richtung der kleinen Grünanlage in der Nähe davon.

Ich halte mich nicht lange mit Abrufen auf, sondern hetze hinter Beauty her. Als ich durch das offene schmiedeeiserne Tor in der Einfassungsmauer laufe, kommen mir drei halbwüchsige Kerle blindlings entgegen. Einer reißt mich fast um. Beauty höre ich in einem Gebüsch an der Innenseite der Mauer bellen. Mich dorthin wendend fällt mir als erstes Andreas Rollstuhl auf, der umgestürzt und leer vor einem Gebüsch liegt.

Bevor die jungen Männer die Grünanlage fluchtartig verlassen haben, hat Beauty‘s Bellen einen gefährlichen Unterton gehabt, den ich noch nie von ihr gehört habe. Ich kann es nur als Raubtierknurren beschreiben. Jetzt wird ihr Bellen von winselnden Zwischentönen begleitet. Ich dränge mich zwischen zwei Büschen hindurch und finde dort Andrea auf dem Boden sitzend. Sie zieht mit beiden Händen ihr T-Shirt zwischen den Beinen lang. Ihre Hose sitzt auf Höhe ihrer Oberschenkel. Beauty steht vor ihr und leckt ihr über das Gesicht, wenn sie den winselnden Ton hören lässt.

Während Andrea nicht aufschaut, trifft mich ein ganz besonderer Blick aus Beauty’s Augen. Ich beuge mich zu meiner Kleinen hinunter und nehme sie in meine Arme. Mit dem Fuß versuche ich den Rollstuhl aufzurichten. Was mir bei den ersten Modellen schonmal gelungen ist, klappt nun nicht. Also gehe ich in die Hocke. Andrea hat ihre Arme inzwischen um meinen Hals gelegt, so habe ich die Hände frei, um den Rollstuhl hinzustellen.

Dann ziehe ich ihren Slip und die Hose wieder hoch und setze sie in den Stuhl. Beauty hat inzwischen Ruhe gegeben.

„Haben sie…?“ frage ich.

Andrea schüttelt stumm den Kopf und streichelt Beauty.

„Aber einen Denkzettel sollten sie bekommen!“ sage ich bestimmt. „Kanntest du sie?“

Andrea nickt und beginnt zu schluchzen.

„Komm, wir gehen nachhause. Wenn du dich in der Lage fühlst, erzähle mir den Hergang, vielleicht auch die Vorgeschichte, falls es eine gibt,“ sage ich mit sanfter Stimme und schiebe den Rollstuhl durch das Tor der Grünanlage.

Zuhause erzählt sie mir am Abend, dass sie sich mit einem der Drei verabredet gehabt hat. Sie haben nebeneinander spazierend geredet und sie hat sich nichts dabei gedacht, dass der junge Mann in die Grünanlage abgebogen ist, weil sie zur Parallelstraße hin einen weiteren Eingang hat. Dann stehen plötzlich seine beiden Kumpels bei ihnen und sie verlangen Sex von ihr, was sie empört ablehnt. Sie haben sie in das Gebüsch gezerrt und angefasst. Und dann war auch schon Beauty da und die Kerle sind geflohen.

Ich habe die Erzählung über das Handy in meiner Hemdtasche aufgenommen und gehe ein paar Tage später, als ich arbeitsfrei bekommen habe, damit in die Schule. In der großen Pause lässt mich die Schulsekretärin zum Direktor durch, dem ich die Datei vorspiele.

„Ich sehe von einer Anzeige ab, weil ich meiner Tochter das nochmalige Durchleben der schlimmen Minuten nicht zumuten will. Achten Sie auf diese Drei!“ sage ich, nachdem die Tondatei zu Ende ist.

Der Mann schaut mich mit steilen Stirnfalten an.

„Was wollen Sie denn dann tun?“ fragt er.

„Ich werde meine Tochter über kurz oder lang von dieser Schule nehmen…“ gebe ich ihm meine Entscheidung bekannt.

„Okay, ich verstehe sie…“

„Ich weiß natürlich, dass es nicht am Lehrerkollegium liegt. Gleiches kann überall geschehen. Berücksichtigen sie den Vorfall einfach in der schulischen Erziehung. Sensibilisieren Sie die Schüler! Machen Sie klar, dass solches von der Gesellschaft nicht geduldet wird.
Damit dann meine Tochter aus der Schusslinie ist, muss sie natürlich irgendwo anders ihre Schule beenden…“

„Okay – und vielen Dank, dass Sie den Vorfall nicht an die große Glocke hängen!“

Der Direktor verabschiedet mich mit Handschlag.

*


Nach dem Vorfall habe ich uns eine Wohnung in einer Kleinstadt in der Nähe unserer bisherigen Heimatstadt angemietet und Andrea geht in die dortige Schule. Anfangs hat sie auch hier ihre Schwierigkeiten. Auch hier ist sie wieder die Außenseiterin. Als dann zwei Schüler sie offen niedermachen in der Pause mischt sich ein junger Mann aus der Abschlussklasse ein. Die Beiden ziehen sich zurück, denn die Pausenaufsicht ist auch schon zur Stelle.

Der junge Mann stellt sich mir kurz nach dem Vorfall als Maik vor und erzählt mir davon.

„Ich möchte Sie gerne zu einem Turnier einladen, dass der örtliche Behindertensportverein veranstaltet,“ sagt er einmal, nachdem er uns mehrfach besucht und mit Andrea in ihrem Zimmer Musik gehört hat.

Ich schaue zu Andrea hinüber, der ein feines Lächeln um die Mundwinkel spielt. Also stimme ich zu.

„Gern, aber sag‘ mal, Maik: Was geht da ab?“

„Nun, zwei Mannschaften – eine Behindertenmannschaft spielen gegen Nichtbehinderte Handball…“

„Wie das?“

Mein Gesicht zeigt Unverständnis.

„Die Nichtbehinderten sitzen ebenfalls auf Rollstühlen. Chancengleichheit ist also gegeben. In der Damenmannschaft können sie sicher noch jemanden gebrauchen…“

„Du meinst – Andrea…“

Ich schaue mit großen Augen Andrea an, die nun zu mir aufschaut.

„Bitte, Papaaa…“

„Vor so einem Turnier muss trainiert werden. Wann und wo…“

„Jeden Dienstagnachmittag in der Turnhalle!“ fällt mir Andrea ins Wort.

„Und wer…“ hake ich nach.

Wieder lässt sie mich nicht ausreden.

„Mach dir keine Sorgen, Paps! Maik spielt in der Herrenmannschaft. Er begleitet mich. Mir passiert schon nichts!“

„Also gut,“ gebe ich mich geschlagen.

*


Am Tag des Turniers, für das in der ganzen Kleinstadt Plakate aufgehängt worden sind, gehen wir zum Sportplatz. Es herrscht großes Gedränge. Wir begleiten Andrea zu dem niedrigen Gebäude mit den Kabinen. Sie rollt voraus, an Maiks Seite, und wir folgen ihr mit Beauty. An der Tür dreht sie ihren Rollstuhl und winkt uns noch einmal zu. So fröhlich und engagiert, so lebendig, habe ich unser Mädchen das letzte Mal vor fast zehn Jahren vor ihrer Einschulung gesehen. Glücklich umfasse ich Birgits Schultern.

Dann wenden wir uns ab und streben dem Eingang des Sportplatzes zu. Es gibt dort rund um das Spielfeld eine etwa ein Meter zwanzig hohe Böschung ohne Sitzplätze. Wir stellen uns mit Beauty in die vorderste Reihe auf Spielfeldhöhe. Wegen Beauty gibt es einige befremdliche Blicke, die ich mit der Aussage begegne:

„Das ist Beauty. Sie ist ein Behinderten-Begleithund! Unsere Tochter spielt in der Behinderten-Mannschaft.“

‚Jetzt habe ich Beauty auf die Schnelle vom Familien-Begleithund hochgestuft,‘ denke ich lächelnd. Aber die Aussage wird akzeptiert. Niemand zweifelt den erfundenen Titel an.

Dann beginnt das Turnier mit den Damenmannschaften des Ortes. So aktiv habe ich Andrea noch nie gesehen. Sie ist den nicht behinderten Handballerinnen in ihren geliehenen Rollstühlen stets voraus, spielt aber auch in vorderster Front ihrer behinderten Mannschaftskolleginnen und führt sie schließlich zum Sieg.

Ich muss mich neben Beauty hinhocken, um sie besser im Griff zu haben. Am liebsten würde sie mitspielen. Ihr Gebell übertönt fast das Fangeschrei der Zuschauer.

Dann spielen die Herrenmannschaften auf Rollstühlen gegeneinander. Schließlich spricht der Vorsitzende des örtlichen Sportvereins über die Stadion-Lautsprecher.

„Liebe Sportfreunde und Mitbürger! Ich darf ihnen einige Besonderheiten des Turniers bekanntgeben: Da es sich um ein Freundschaftsturnier handelt, spielen nun die Herren gegen die Damen in beiden Kategorien. Zum Abschluss des Turniers spielen dann die Siegermannschaften gegeneinander. Der Tag soll bei gemütlichem Zusammensein im Saal unserer Gaststätte ausklingen. Dazu sind alle herzlich eingeladen!“

Wie angekündigt sehen wir nun ein Spiel ohne Rollstühle, in dem die Damenmannschaft der Kleinstadt gegen die Herrenmannschaft antritt. Im nächsten Spiel stehen sich die beiden Rollstuhlmannschaften des Behindertensports gegenüber und den Abschluss bildet ein Spiel, das die Herrenmannschaften des Sportvereins und des Behindertensports bestreiten. Alle Spiele haben zweimal zwanzig Minuten gedauert, so dass das Turnier mit Pausen fünf Stunden gedauert hat.

Wir verlassen den Sportplatz jedoch nach der ersten Halbzeit des Abschlussspiels und spazieren mit Beauty durch die angrenzenden Felder. Sie muss sich erleichtern und soll auch ihr Adrenalin abbauen dürfen. Dazu ziehe ich das Plastik-Ei, das einem Rugbyball nachempfunden ist aus meinem Rucksack und werfe ihn mehrmals. Beauty freut sich über die Bewegung und eine dreiviertel Stunde später erreichen wir den Saal der örtlichen Gaststätte.

Ich schaue mich um und finde Andrea mit Maik und einem Ehepaar in unserem Alter an einem der Tische. Dort gehen wir hin und werden von dem anderen Ehepaar freundlich begrüßt, die sich als Maiks Eltern vorstellen.

„Andrea ist sehr sportlich!“ meint Maiks Vater anerkennend im Laufe des Gesprächs.

Ich nicke lächelnd und antworte:

„Ich bin auch sehr stolz auf sie.“

Sie scheint ihre Aufgabe gefunden zu haben, bei der sie sich akzeptiert fühlt. Das spornt an und schüttet Glückshormone aus. Hinzu kommt, dass nun auch noch jemand in ihrer Altersklasse an sie glaubt, nicht nur ihre Eltern. Andrea behält das Training bei. Ihre schulischen Leistungen bessern sich merklich. Maik verbringt viel Zeit mit Andrea. Sie haben anscheinend auch den gleichen Musikgeschmack.

*


Als ich, Andrea, elf Jahre alt bin, habe ich Dennis, einen zwei Jahre älteren Klassenkameraden so süß gefunden - wie er sich bewegt und wie er sich mir gegenüber verhält -, dass ich beginne kleine Gedichte zu schreiben und sie mit Anime-Bildchen zu verzieren. Ich trage sie bei mir und warte auf eine Gelegenheit, sie ihm während der Pausen in der Schule zu überreichen. Aber dann hat er nur Augen für seine Kumpels und die Gespräche drehen sich recht altklug nur um Fußball. Nach einer Woche gebe ich es auf und klage Paps mein Herzeleid.

Bei ihm fühle ich mich geborgen und akzeptiert. Er versteht es, mich immer wieder zu trösten. Auch in Gegenwart von Beauty, unserer Bordercollie-Hündin, fühle ich mich wohl. Sie lebt bei uns, seit ich denken kann. Beauty ist mir die beste Freundin nach Mama. Sie widerspricht mir niemals und erkennt stets wie ich mich fühle. Etwa anderthalb Jahre nach Dennis verliebe ich mich erneut. Doch der Junge will nichts von einer Behinderten wissen, wie er sagt. Das ist so etwas von niederschmetternd!

Papa richtet mich wieder auf. Er lenkt mich ab mit einem Besuch in einem Freizeitpark. Ich werde misstrauisch bei jeder Begegnung mit Jungs. Ein Jahr danach schöpfe ich wieder Hoffnung. Diesmal hat mich ein Junge aus der Parallelklasse angesprochen. Mich, eine Behinderte! Mein Herz macht einen Sprung. Wir treffen uns an einem Nachmittag nach den Hausaufgaben zum Eisessen. Er ist wirklich süß und so bemüht um mich!

Eine Woche danach schickt er mir eine Nachricht aufs Handy, in der er fragt, ob ich Lust zu einem Spaziergang hätte. Erfreut sage ich zu. Eine Stunde später habe ich Zeit und verlasse die Wohnung. Lars wartet schon und wir gehen nebeneinander über den Bürgersteig. Er zeigt mir ein paar Dateien auf seinem Handy. Die Musik ist mir zwar etwas zu aggressiv, aber er ist ja ein Junge.

Schließlich kommen wir zu der Grünanlage, die unsere Straße mit der Parallelstraße verbindet. Er steuert auf das schmiedeeiserne Tor zu, das immer offen steht und ich folge ihm auf meinem Rollstuhl. Hinter dem Tor gehen wir über den Kiesweg am Rand der Grasfläche, als zwei Jungs aus den Büschen treten.

In dem Moment geht eine Veränderung mit Lars vor. Was die Jungs reden, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es ist sehr derb. Mit einem schnellen Ruck hat einer der Jungs den Klettverschluss gelöst und geht mir an die Hose. Lars hält mich an den Schultern. Ich gerate in eine Schockstarre.

In diesem Moment höre ich Hundegebell und die Kerle zerren mich zwischen die Büsche. Da ist der Hund auch schon heran. Ich erkenne Beauty, deren gefährlichen Tonfall ich so noch nie gehört habe. Das tiefe Knurren erschreckt auch die Kerle, die die Flucht ergreifen, nicht ohne dass Beauty kurz zuschnappt. Sie bleibt aber bei mir und beginnt nun winselnd zu bellen, als ob sie Hilfe ruft. Beauty leckt mich zwischendurch über Gesicht und Wange, und dann ist auch schon Papa bei mir. Er setzt mich wieder in den Rollstuhl und schiebt mich nachhause zurück.

Den Rest des Nachmittags verbringe ich auf seinem Schoß. Das Ohr an Papas Herz gedrückt ist seit je her mein Lieblingsplatz. Wie es seine Art ist, hält er mich mit starken Armen und sagt kein Wort.

An diesem Tag gehe ich früh schlafen. Beauty legt sich neben mich und lässt mich bei ihr ankuscheln. Papa setzt sich auf die Bettkante und streichelt mir die Wange. Ich habe das Gefühl, dass er wissen will, was heute Nachmittag passiert ist. Also beginne ich stockend, es ihm zu erzählen. Dann wünscht er mir noch eine gute Nacht und lässt die Nachttischlampe brennen, als er ins Wohnzimmer zurückgeht.

Wochen später ziehen wir aus der Stadt auf das Land, was auch einen Schulwechsel bedeutet. Wieder habe ich das Gefühl eine Außenseiterin zu sein, nicht dazu zu gehören. Die Menschen stehen reserviert jedem gegenüber, der irgendwie anders ist als sie. Normalerweise behandeln sie mich wie Luft. Dann kommen in der Pause zwei Jungs auf mich zu und machen sich laut lustig über mich. Sie verspotten mich und lachen mich aus. Ich versuche mich von ihnen zu entfernen, aber sie folgen mir. Schließlich hält einer der Beiden meinen Rollstuhl fest und nun beginnen sie, mich zu beschimpfen.

In diesem Moment steht plötzlich ein Schüler aus der Abschlussklasse da und beschimpft die Jungs, die sich widerwillig trollen. Der Lehrer, der die Pausenaufsicht führt, zerstreut nun die Traube sensationslüsterner Mitschüler und der junge Mann fragt mich:

„Ich bin der Maik. Magst du mit mir dort hinüber…?“

Er zeigt auf die Platten aus Kiesbeton, mit denen ein Hochbeet inmitten des Pausenhofes eingefasst ist. Ich nicke und steuere meinen Rollstuhl dorthin. Er setzt sich auf eine Betonplatte und meint:

„Ich finde es nicht gut, was da eben passiert ist…“

„Ach weißt du,“ versuche ich der Situation die Schärfe zu nehmen, „ich bin solch ein Verhalten gewohnt. Ich bin anders als sie. Damit können die Leute nicht umgehen. In den meisten Fällen ignorieren sie mich einfach. Aber es gibt natürlich überall auch solche…“

„Das zeugt von Unreife und fehlendem elterlichen Einfluss…“

„Meinst du?“

„Da bin ich mir sicher! Darf ich fragen, wie du heißt?“

„Ich bin die Andrea aus der Acht A.“

Gerade ertönt das Pausenzeichen. Wir stehen auf und gehen auf die Glastüren zu, wo das Gedränge immer größer wird. Ich habe den Eindruck, dass die Rempeleien heute weniger sind als bisher.

Drinnen fragt Maik noch: „Sehen wir uns später wieder?“

Ich setze mein gewinnendstes Lächeln auf und antworte ihm: „Gerne!“

Dann trennen sich unsere Wege.

Nach Schulschluss treffe ich ihn an der Anzeigetafel im Eingangsbereich des Schulgebäudes wieder.

„Hi, Andrea,“ spricht er mich lächelnd an. „Hast du ein Handy? Magst mir deine Nummer geben?“

Ich nicke und krame mein Handy aus der Tasche auf meinem Schoß. Dann gebe ich Maik die Nummer. Zum Abschied beugt er sich zu mir herunter und berührt meine Wange ganz sanft mit seiner. Er gibt mir die Hand nachdem er sich wieder aufgerichtet hat und sagt:

„Ich hab dich gern.“

„Ich dich auch, Maik!“ beeile ich mich, ihm zu versichern.

Draußen auf dem Vorplatz der Schule schaut er sich suchend um und fragt:

„Wirst du nicht abgeholt?“

„Warum?“ frage ich zurück. „Ich bin alt genug mich selbständig fortzubewegen.“

Er wird leicht rot und lächelt entschuldigend.

„Darf ich dich dann wenigstens nachhause begleiten?“

„Gern,“ stimme ich zu und so gehen wir den fünfminütigen Fußweg nebenher.

Er erzählt mir, dass er einmal die Woche am Nachmittag im örtlichen Sportverein Handball spielt. Es gibt im Ort auch einen Behinderten-Sportverein, sagt er, und beide Vereine haben vor, in einem halben Jahr ein Benefiz-Turnier zu veranstalten.

„Möchtest du vielleicht daran teilnehmen?“ fragt er.

Wir sind schon in der Nähe meines Zuhauses angekommen. Ich mache ein zweifelndes Gesicht.

„Ich weiß nicht… Außerdem, da hinten wohne ich…“

„Okay,“ antwortet er. „Wir sehen uns!“

Dann verabschiedet er sich von mir und bleibt stehen. Den restlichen Weg rolle ich alleine. In meiner Brust arbeitet es. Maik mag ich jetzt schon sehr. An der Eingangstür des Hauses, indem unsere Wohnung liegt, blicke ich noch einmal zurück. Maik steht immer noch an der Ecke. Ich winke ihm zu und klingele. Während Mama die Eingangstüre aufdrückt, winkt er zurück und überquert die Straße.

Mama kommt mir entgegen und hilft mir hinein.

Am Abend bekomme ich eine Nachricht von Maik mit einem Foto von ihm vor dem Spiegel eines großen Waschraumes. Er trägt ein Trikot und sieht ziemlich verschwitzt aus. Es ist eine Gute-Nacht-Botschaft. Am liebsten würde ich ihn jetzt in meine Arme schließen. Ich wünsche ihm ebenfalls ein Gute Nacht und wunderschöne Träume.
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Re: LUNA - 3

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:04

In den nächsten Tagen lasse ich mich überreden mit ihm zu dem Behinderten-Sportverein zu gehen und beim Training zuzuschauen. Ich werde dort herzlich aufgenommen und darf ein paar Minuten mitspielen, so dass ich mich gleich zuhause fühle. Ein Formular soll ich zuhause unterschreiben lassen, dass meine Eltern mit der Mitgliedschaft einverstanden sind. Dazu bitte ich Maik mir zur Seite zu stehen. Papa will mich vor allen Problemen des Alltags beschützen. Es könnte also passieren, dass er ablehnt, weil man beim Sport schonmal verletzt werden kann.

Meine Überlegung ist also, ihm Maik vorzustellen, Vertrauen zu schaffen und so seine Zustimmung zu bekommen mit dem Argument, dass Maik mich in den Zeiten schützt und stützt, in denen er nicht anwesend sein kann.

Nach meinen Hausaufgaben rolle ich also ins Wohnzimmer und spreche Mama darauf an:

„Mama…“

„Ja, Maus?“

„Ich habe in der Schule einen süßen Jungen kennengelernt…“

Sie schaut von ihrem Roman auf.

„Hey, das ist wunderschön! Wie heißt er denn? Wie ist er so?“

„Maik heißt er, ist zwei Klassen höher als ich und hat mich in der Schule vor der üblichen Sorte Jungs beschützt.“

„Ich freue mich für dich, wenn du endlich jemanden gefunden hast, den dein Rollstuhl nicht stört!“

„Nicht nur das! Er hat mir angeboten, im Behinderten-Sportverein Handball zu spielen. Er ist selbst in der Handballmannschaft im örtlichen Sportverein. Er würde auf mich achten.“

„Hm, du weißt, wie Papa darüber denkt!“

Ich kräusele die Stirn.

„Bitte leg ein gutes Wort bei Papa ein! Ich kann nicht mein Leben lang hinter Mauern vor der Welt beschützt werden. Beim Sport kann man sich schonmal verletzen – aber das ist etwas völlig anderes, als wenn schlechte Menschen mir etwas antun wollen!“

„Ich rede heute Abend mal mit Papa!“ sagt sie und nickt mir aufmunternd zu.

„Kannst du heute Abend Papas Lieblingsessen machen, Mama?“ lasse ich nicht locker. „Heute Abend kommt Maik, um sich bei Papa vorzustellen. Dabei möchte ich ihm den Mitgliedsantrag für den Sportverein gleich vorlegen…“

Ich schaue Mama mit meinem schönsten Augenaufschlag an. Mama lacht auf. Alle Skepsis ist aus ihrem Gesicht gewichen.

„Soso, du hast einen Frontalangriff geplant. Okay, ich gehe gleich in die Küche. Wenn Maik der ist, der er zu sein scheint, dann wickelst du in bekannter Art deinen Vater um den kleinen Finger!“

„Danke, Mama,“ sage ich und rolle ganz dicht an sie heran, um sie zu umarmen.

Gegen neun Uhr ist Papa an diesem Tag endlich zuhause. Mama hat den Tisch schon gedeckt. Als Papa sich dazu setzt, fragt er:

„Haben wir heute etwas Besonderes? Habe ich ein Datum übersehen?“

Mama setzt sich auch wieder, nachdem sie ihn begrüßt hat und füllt ihm seine Tasse mit Tee. Dann nimmt sie, leicht schmunzelnd, seinen Teller und füllt ihn. Als sie ihn vor Papa hinstellt, klingelt es an der Tür.

„Wer kann das jetzt noch sein?“ fragt er und schaut von Mama zu mir und wieder zu Mama.

Ich drehe meinen Rollstuhl schnell vom Tisch weg und rolle ihn in Richtung Wohnungstür. Maik steht wie erwartet davor. Er hat einen kleinen Strauß in der Hand und küsst mich auf die Stirn. Ich lasse ihn eintreten und rolle hinter ihm her zum Wohnzimmer.

„Guten Abend, Herr und Frau Weiler,“ begrüßt er meine Eltern und übergibt die Blumen an Mama, die aufgestanden ist, um die Blumen in eine Vase zu tun.

„Guten Abend,“ gibt Papa den Gruß zurück. Er hat sich auf dem Stuhl nur halb umgedreht. „Darf ich nach dem Grund…“

„Mein Name ist Maik Haller. Ich bin Andreas Freund. Ich wollte mich ihnen heute einmal vorstellen.“

„Ah,“ sagt Papa. „Dann nimm dir mal einen Stuhl und setz dich dazu. Du magst doch sicher eine Kleinigkeit…“

„Ja, gern,“ antwortet Maik und nimmt sich den Stuhl aus der Ecke, der dort steht, damit ich mit dem Rolli an den Tisch komme. Er setzt sich, während Mama die Vase mit den Blumen auf den Tisch stellt. Dann nimmt sie eine Tasse und einen Teller, um ihm auch eine kleine Portion anzubieten. Ich rolle wieder an meinen Platz zwischen Papa und Maik und suche Maiks Hand, um sie zu drücken und mich daran festzuhalten. Auch lehne ich mich bei ihm an. Das fällt Papa natürlich auf.

„Das kann aber nicht der einzige Grund für den heutigen Abend sein…“ sagt Papa lächelnd in die sich ausbreitende Stille.

„Papa,“ beginne ich nun. „Maik hat mich in der Schule beschützt, als man begann, über mich herzuziehen, nur weil ich anders bin. Damit war für ihn die Sache aber nicht gegessen. Er will mich weiterhin beschützen, stützen und fördern… Wir mögen uns!“

„Das finde ich bewundernswert!“ sagt Papa und schaut Maik direkt an. „Wie stellst du dir die Förderung vor?“

„Ich bin Mitglied im örtlichen Sportverein und möchte Andrea in die Gesellschaft wohlmeinender Menschen bringen. Menschen, die nicht ihre Behinderung sehen, sondern ihre Fähigkeiten.“

„Ah, du meinst also im Sportverein könnte sie ihren Rolli vergessen?“

„Wenn alle im Rolli Sport betreiben,“ kontert Maik, „fällt das nicht mehr auf. Außerdem gewinnt Andrea an Selbstbewusstsein. Sie erkennt, was sie imstande ist zu schaffen!“

„Erkläre das genauer!“ fordert Papa Maik auf.

„In einem halben Jahr findet ein Benefiz-Turnier im Ort statt. Behinderte Sportler spielen gegen Nichtbehinderte Handball. Andrea hat sich das Training der Behindertensport-Gruppe schon angeschaut und durfte ein paar Minuten mitmachen. Ich spürte, dass ihr das gut getan hat.“

Papas Gesicht zeigt Unverständnis.

„Behinderte spielen gegen Nichtbehinderte Handball…“

„Ja, die Nichtbehinderten sitzen ebenfalls auf Rollstühlen. Chancengleichheit ist also gegeben. In der Damenmannschaft könnten sie noch jemanden gebrauchen…“

Ich schaue zu Papa auf.

„Bitte, Papaaa…“

„Vor so einem Turnier muss trainiert werden. Wann und wo…“

„Jeden Dienstagnachmittag in der Turnhalle!“ sage ich schnell.

„Und wer…“ hakt Papa nach.

Er ist zu der Zeit noch mit dem Schiff unterwegs. Wieder antworte ich schnell.

„Mach dir keine Sorgen, Paps! Maik spielt in der Herrenmannschaft. Er begleitet mich. Mir passiert schon nichts!“

„Also gut,“ gibt er sich endlich geschlagen.

Ich ziehe den Mitgliedsantrag hervor und lege ihn ihm neben den Teller. Dabei schaue ich ihn noch einmal so an, wie es auch Beauty oft macht. Schließlich unterschreibt Papa den Antrag. Ich greife mir ihn und ziehe ihn spontan zu mir, um ihm einen dicken Kuss zu geben. Er lässt es geschehen und befreit sich erst allmählich von mir.

Er unterhält sich eine Weile mit Maik über die Schule, seine baldige Ausbildung, den Sport. Dann verabschiedet Maik sich höflich und fragt im Hinausgehen, ob er mich öfter besuchen und ab und zu mit mir ausgehen darf.

„…wenn sie spätestens um Zehn abends wieder zuhause ist!“ ruft Papa hinter ihm her.

Bevor ich die Wohnungstür hinter ihm schließe, antwortet er laut:

„Darauf werde ich achten!“

Zum Abschied beugt sich Maik zu mir herunter. Ich schließe ihn in meine Arme und ziehe mich ein paar Zentimeter aus dem Rolli, um ihm einen Kuss zu geben. Dann bekommt Papa einen extra innigen Gute-Nacht-Kuss und ich rolle in mein Zimmer, ziehe mich um für die Nacht und rolle dann ins Bad. Schließlich stelle ich den Rolli an seinen Platz und mache den einen Schritt in mein Bett. Beauty beobachtet mein Tun und legt sich dann auf ihren Platz am Fußende meines Bettes.

*


Zwei Tage darauf kommt Maik wie verabredet gegen 17Uhr. Ich bin mit den Hausaufgaben fertig. Mama lässt ihn herein und zeigt ihm mein Zimmer. Die Tür steht immer offen, damit Beauty laufen kann wohin sie will. Daher klopft Maik kurz an den Türrahmen. Ich schaue auf und lächele ihn an. Er tritt in das Zimmer und blickt sich um.

„Du kannst aber gut zeichnen,“ meint er anerkennend.

Ich habe mein Zimmer im Laufe der Zeit mit immer mehr selbst gezeichneten Anime-Bildern tapeziert. Bei unserem Umzug aufs Land habe ich den Tesafilm vorsichtig mit einer Klinge am Rand der Zeichenblätter abgeschnitten und hier alles eigenhändig wieder neu aufgehängt.

„Was zeigen die Bilder eigentlich alle,“ fragt er mich und setzt sich auf das Sofa neben dem Schreibtisch.

„Kennst du KEMONOMIMI?“ frage ich. „Nekomimi oder Inumimi?“

„Frag mich nach irgendwelchen Sportgrößen!“ versetzt er lächelnd. „Nein, leider kenne ich das nicht. Aber es interessiert mich, weil du mich interessierst!“

„Und du wirst niemals lachen oder mich verspotten?“

„Andrea!“ sagt er und wird unvermittelt ernst. „Ich weiß, was die Worte Achtung, Respekt und Toleranz bedeuten!“

„Entschuldige,“ lenke ich ein. „Ich wollte dich nicht kränken!“

„Mein Vater hat in der Großstadt Arbeit gefunden und in der Siedlung am Rand der Kleinstadt gebaut. Wir sind vor etwa zehn Jahren hergezogen – aus Süddeutschland. Damals habe ich einen ganz anderen Dialekt gesprochen, als hier auf dem Land. Inzwischen redet keiner mehr Dialekt. Damals aber wurde ich für meine Sprache ausgelacht und ausgegrenzt. Der Sport hat mir geholfen mich zu integrieren. Mein damaliger Sportlehrer hat mich auf die Schiene gesetzt. Und die positive Erfahrung möchte ich dir ebenso vermitteln, wenn du mich lässt.“

Ich lege den Stift hin, den ich in der Hand habe, drehe den Rolli in seine Richtung und stehe aus dem Sitz auf. Dann gehe ich die drei Schritte bis zu ihm in den Watschelgang, der mir einzig möglich ist, und lasse mich neben Maik auf das Sofa fallen. Er macht große Augen und hält seine Hände mir entgegen, als ob er mich auffangen wollte.

„Das nennt man Hüftluxation zweiten Grades,“ sage ich und schaue ängstlich zu ihm auf. Wie reagiert er wohl auf die Demonstation? „Ich bin als Baby operiert worden. Die Ärzte haben meinen Eltern erklärt, dass damit das Problem behoben sei. Wie man sieht war das eine Fehldiagnose!“

„Und jetzt?“ fragt er etwas atemlos und legt seinen Arm um meine Schultern.

„Nichts weiter. Ein paar Schritte kann ich ohne Schmerzen gehen, wenn es auch für Unbedarfte ungewöhnlich aussieht. Für längere Strecken habe ich den Rolli. – Oder dich krabbele auf allen Vieren. Das gefällt Beauty immer sehr.“

Ich lächele. In die entstehende Stille sage ich:

„Du wolltest etwas über Kemonomimi, Inumimi und Nekomimi wissen. Die Bildchen entstammen japanischen Zeichengeschichten, sogenannten Anime. Kemonomimi machen Anime-Anhänger, wenn sie sich eine Haarspange überziehen mit künstlichen Tierohren dran. Inu bedeutet Hund auf Japanisch und Neko bedeutet Katze.
Man sagt ‚Hunde sind des Menschen beste Freunde‘. Das ist sehr wahr. Hunde werden in vielen Familien wie ein Teil der Familie betrachtet, oft sogar von den Menschen wie ihre Kinder behandelt. Ein Anime-Manga handelt davon, dass drei Hündinnen sich in Mädchen verwandeln. Der einzige Unterschied ist, dass sie Pfoten, Hundeohren und Schwänze behielten.
Ein Mädchen, Elga, war ein Alaska Schlittenhund, sehr treu und liebt ihren Herrn. Sie hat ein freundliches Herz und verehrt ihren Herrn. Manchmal – in ihrer Hitze - ist dieser Charakterzug ein Fehler, Junge, Junge..
Luna ist die jüngste und niedlichste der Drei. Sie war ein Corgi, die gerade begonnen hat zu lernen. Sie ist sehr verspielt und mag es, die Welt zu entdecken. Sie muss jedoch noch ihre Grenzen kennenlernen. Sie ist glücklich ein Teil der Familie zu sein.
Rino war eine sehr selbstständige Dobermann-Hündin mit einer schwierigen Vergangenheit. Sie ist die älteste der Drei und hat durch ihren Vorbesitzer gelernt den Menschen zu misstrauen. Nun hat sie einen neuen Besitzer und ihr Verhältnis zu den Menschen beginnt sich allmählich zu ändern. Sie tendiert aber immer noch dazu, gegenüber Fremden aggressiv zu sein. Man sieht Rino oft dabei, wie sie die anderen Beiden führt und das Alphatier spielt.
Im größten Teil des Mangas wird erzählt, wie die Hunde/Mädchen das menschliche Leben erkunden und ausprobieren, wie die Dinge funktionieren. Dabei erkennt man die Charaktere jedes Mädchens. Allmählich finden sich die Hündinnen in ihrem Leben als Mädchen zurecht, vom Tragen der Kleidung – ja, sie waren meistens nackt in den ersten Kapiteln -, zum Kochen, baden und TV schauen.“

Ich beuge mich nach vorne und ziehe eine Kiste unter dem Sofa hervor. Maik beugt sich vor und hebt die Kiste hoch. Ich öffne sie auf meinem Schoß und nehme einige Assessoirs hervor. Dann ziehe ich ein Halsband an und schiebe mir Stoffohren ins Haar. So präsentiere ich mich ihm.

„Ah,“ sagt er. „Und du gehst den umgekehrten Weg. Du verwandelst dich von einem Menschen in einen Hund…“

„Immer noch unter der Prämisse, dass der Hund der beste Freund des Menschen ist, und die Menschen ihre Hunde wie ihre Kinder behandeln!“

„Okay,“ antwortet Maik.

Beauty hat das schleifende Geräusch der Kiste gehört und streckt den Kopf zur Tür herein. Ich zeige ihr den kleinen Ball aus der Kiste. Sie gibt Laut und beugt die Vorderbeine. Nun rutsche ich vom Sofa herunter und gehe auf alle Viere. Dann lasse ich den Ball in Richtung Beauty rollen. Sie stupst ihn in meine Richtung zurück. So geht es zwei-, dreimal hin und her bis der Ball unter das Sofa rollt. Dann ziehe ich mich wieder aufs Sofa hoch und lege die Haarspange mit den Ohren wieder in die Kiste zurück. Während Beauty am Sofa schnuppert, wo der Ball verschwunden ist – immer noch in der Spielverbeugung -, schaue ich Maik fragend an.

„Was sagst du zu der Vorstellung?“

Er nimmt mich lächelnd in den Arm und meint:

„Wenn es dir Spaß macht und es dich entspannt, dann darfst du gerne ab und zu meine Hündin sein! Der Charakter der Corgi-Hündin gefällt mir da noch am besten. Wie hieß sie noch mal?“

„Die Luna.“

Ich lächele ihn glücklich an, froh darüber, dass er mein Faible akzeptiert.

„Ja, du kannst die Welt um dich herum, den blöden Alltag, total vergessen. Du bist ein Anderer. Die Menschen nimmst du aus einem anderen Blickwinkel wahr.“

„Der Hund ist ein Rudeltier,“ resümiert Maik. „Er braucht Führung. Das heißt, du brauchst jemanden, der dir schonmal sagt, was du tun sollst?“

„Auf Papa konnte ich mich bisher immer verlassen. Er weiß, was mir gut tut. Aber er fragt auch oft genug. Er schützt und tröstet mich, und spielt mit mir, wenn seine Zeit es erlaubt.“

„Ich bin aber nicht dein Papa!“

Maik schaut mich komisch von der Seite an.

„Nein, du bist Maik,“ sage ich und lehne mich bei ihm an, während ich ihn von unten herauf anschaue. „Mein großer Beschützer, der mich versteht, dem ich vertrauen kann.“

Er legt seine Wange auf meinen Kopf und sagt eine Weile nichts. Auch ich sage nichts. Ich horche in mich hinein, achte auf meinen Herzschlag und gebe mich den Gefühlen hin.

„Das stimmt,“ sagt er nach einer Weile leise, als ob er die Stimmung nicht zerstören will. „Ich werde immer verantwortungsvoll auf dich achten.“

Ich strecke mich etwas und gebe ihm einen Kuss auf das seitliche Kinn. Er schaut zu mir und gibt mir einen Kuss auf den Mund, während er mich sanft in den Armen wiegt.

„Ich liebe dich,“ flüstert er mir danach ins Ohr.

Ich bin seelig.

„Ich dich auch,“ hauche ich.

*


Mein Name ist Maik Haller. Ich bin in der Abschlussklasse unserer Realschule. Im Deutschunterricht nehmen wir gerade Lebenslauf und Bewerbung durch. Als die Doppelstunde zu Ende ist atme ich auf. Mit den Anderen strebe ich dem Ausgang zu. Draußen auf dem Schulhof haben meine Kumpels und ich nur ein Thema: das bevorstehende Handball-Turnier im Ort.

Da der Behinderten-Sportverein in unserem Ort unter chronischem Geldmangel leidet, haben sich die Vorstände zusammen gesetzt und ein Benefiz-Turnier ins Leben gerufen. Wegen der Chancengleichheit sollen wir, sobald wir gegen die Behinderten spielen, ebenfalls Rollstühle benutzen. Viele Mitglieder des Sportvereins rümpfen darüber die Nase. Schließlich hat unser Trainer doch eine Mannschaft zusammenstellen können.

Auch ich habe mich spontan dafür gemeldet. Zum Einen ist es die Neugier gewesen, wie es sich anfühlt im Rollstuhl Ball zu spielen. Zum Anderen habe ich keine Berührungsängste gegenüber Behinderten. Es sind Menschen wie Du und Ich! Dass sie ein körperliches Handicap haben, dafür können sie nichts!

Ich verstehe nicht, was andere Menschen gegen Behinderte, gegen Menschen haben, die anders sind als die sogenannten normalen Leute. Gerade eine breitere Sicht auf die Umwelt, macht sie bunt und interessant! Engstirnigkeit macht die Umwelt grau!

Auch ich habe eine schwierige Kindheit gehabt. Meine Eltern haben in Süddeutschland gewohnt. Als der Opa gestorben ist, wurde der Bauernhof und die Ländereien aufgeteilt. Papa ist von seinen Brüdern ausgezahlt worden, weil der Hof sonst zu klein geworden wäre und keinen der Onkel mit ihren Familien mehr ernähren hätte können.
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Re: LUNA - 4

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:09

Also hat ein Onkel den Hof übernommen. Ein anderer Onkel hat von seinem Anteil einen Gasthof in der Nachbarstadt gekauft und bekommt jetzt Hoferzeugnisse mit hohem Rabatt, um damit seine Gäste bewirten zu können. Papa ist mit Mama und mir aus Süddeutschland weg gezogen, weil er hier einen guten Arbeitsplatz gefunden hat. Mit seinem Anteil am Erbe konnte er hier Bauland kaufen und ein Haus für uns bauen.

Damit haben aber meine Schwierigkeit begonnen. Ich musste meine Freunde in Süddeutschland zurücklassen. Hier habe ich nie wirkliche Freunde gefunden. Anfangs haben mich die Jungs wegen meines fremden Dialekts so sehr verspottet, dass ich zum Einzelgänger wurde. Ich habe meine freie Zeit nach den Hausaufgaben mit Lesen ausgefüllt. Über zwanzig Karl-May-Bücher stehen in meinen Regalen.

In den Sommermonaten bin ich mit meinem Fahrrad alleine draußen herum gefahren. Ich habe die Umgebung der Kleinstadt erkundet, in der wir wohnen, und bin durch die Felder geradelt. Dabei habe ich einen Baum mit Zwillingsstamm entdeckt, der einsam an einer Wegbiegung steht. Ungefähr einen halben Meter über dem Boden teilt sich der Stamm in zwei gleich dicke Stämme auf und bildet zwei Kronen. Davor steht eine verfallene Bank und dahinter breitet sich eine kleine Wiese aus zwischen den Feldern.

Dieser Ort zieht mich magisch an. So allein, wie der Baum in der Landschaft steht, fühle ich mich ebenfalls. Der Baum konnte sich selbst durch Teilung einen Kumpel verschaffen. Das würde ich auch gerne können. Ich mache oft Pause bei diesem Baum, lege mein Rad an den Wegrand und mich unter die Krone ins Gras. Von hier aus träume ich vor mich hin und schaue den Wolken zu, wie sie über mich hinweg ziehen. Es gibt unheimlich viele Formen, die die Wolken annehmen können!

In der Schule spricht mich der Sportlehrer auf seine Rugby-AG an und lädt mich ein dort mitzumachen. Skeptisch gehe ich hin und versuche mich einzubringen. Aber die anderen Jungs spielen sehr rüde. Als ich einmal den Ball in die Hand bekommen habe, springen sie auf mich, bilden einen Berg von Körpern über mir. Ich bekomme Platzangst und kaum noch Luft. In Panik arbeite ich mich darunter hervor, verlasse den Platz, nehme mein Rad und fahre nachhause. Niemand spricht mich in Folge darauf an, und so bin ich wieder mit mir alleine nach der Schule.

Auf meinen Radtouren komme ich öfter am Sportplatz vorbei. Wenn die AG dort ist, vermeide ich es, näher heran zu fahren. Aber einmal erregt etwas meine Neugier. Ich lehne mein Rad an den Zaum und klettere auf die Mauer. Nun kann ich einem Handballspiel zuschauen. Als mich einer der Männer am Spielfeldrand zum wiederholten Mal dort am Zaun stehen sieht, kommt er zu mir.

„Hallo, magst du mal mitspielen?“ spricht er mich an. „Wir haben auch eine Jugendmannschaft!“

Ich zucke mit den Schultern. Meine Erfahrungen mit den Mitmenschen wollen „Nein“ antworten. Aber wenn die Sportler dort mit mir genauso umgehen, wie miteinander…

Der Mann sieht mein Zögern und sagt:

„Komm doch einfach morgen um diese Zeit nochmal her. Da spielen Jungs in deinem Alter. Spiel einfach mal mit und dann kannst du dich immer noch entscheiden! Spaß am Spiel ist doch das Wichtigste.“

Tags darauf bin ich wieder dort und der Mann stellt sich als Trainer und Jugendbetreuer im Sportverein vor. Er wird zu meinem Mentor. Er lässt keine Grobheiten und Ausgrenzungen der anderen Jungs mir gegenüber zu und nach einem Jahr bin ich in die Jugend-Handballmannschaft voll integriert.

Nun ist das aktuelle Benefiz-Turnier unser vorherrschendes Gesprächsthema, als es in unserer Nähe laut wird. Ich schaue mich um und sehe ein Mädchen im Rollstuhl, das über den Pausenhof rollt. Sie wird von zwei Jungs verfolgt, die sie auslachen und wegen ihres bunten Rollstuhles verspotten. Das Mädchen hat Radfahrer-Handschuhe an und treibt damit die Räder ihres Rollstuhles voran. Ab und zu dreht sie den Rollstuhl auf der Stelle und schreit ihren Frust den Jungs ins Gesicht. Viele umstehende Schüler haben ihre Unterhaltung unterbrochen und schauen zu. Ich schätze das Mädchen auf etwas zwei bis drei Jahre jünger als ich.

Ohne zu überlegen verlasse ich meine Kumpels und gehe dazwischen. Das unerwartete Kontra lässt die Bengel innehalten. Nach einigen weiteren Sätzen trollen sie sich. Der Lehrer der Pausenaufsicht zerstreut die Gaffer und ich spreche das Mädchen an.

„Ich bin der Maik. Magst du mit mir dort hinüber…?“ sage ich und zeige auf den Rand des Hochbeetes mitten auf dem Pausenhof.

Sie nickt und steuert ihren Rollstuhl dorthin. Ich setze mich auf eine der Waschbetonplatten und stelle fest:

„Ich finde es nicht gut, was da eben passiert ist…“

Sie versucht abzuwiegeln und scheint die Schuld bei sich zu sehen:

„Ich bin solch ein Verhalten gewohnt,“ meint sie. „Ich bin anders als sie. Damit können die Leute nicht umgehen. In den meisten Fällen ignorieren sie mich einfach. Aber es gibt natürlich überall auch solche…“

Ich kann das Verhalten der Jungs nicht so einfach abtun und halte dagegen:

„Das zeugt von Unreife und fehlendem elterlichen Einfluss…“

Sie hat ein hübsches Gesicht. Ihre Bewegungen lassen eine Saite in mir anklingen, als ob wir „Verwandte im Geiste“ wären. Darum frage ich sie nach ihrem Namen.

„Ich bin die Andrea aus der Acht A,“ stellt sie sich vor.

In diesem Moment ertönt das Pausenzeichen. Wir stehen auf und gehen auf die Glastüren zu. Unterwegs nenne ich ihr auch meinen Namen.

„Ich bin der Maik aus der Zehn,“ sage ich, dann müssen wir uns durch die Tür drängen.

Bevor ich sie aus den Augen verliere, frage ich sie schnell noch:

„Sehen wir uns später wieder?“

„Gerne!“ antwortet sie mir und lächelt mich an.

Bei diesem Lächeln bin ich gleich hin und weg. So hat mich bisher noch kein Mädchen angelächelt. Dann trennen sich unsere Wege, weil unsere Klassenräume in verschiedenen Gängen liegen.

Nach Schulschluss will ich an der Anzeigetafel im Eingangsbereich des Schulgebäudes schauen, wann die 8A im Wochenverlauf Schulschluss hat. Da sehe ich sie aus dem Gang, in dem die 8A liegt, auf den Ausgang zu rollen.

„Hi, Andrea,“ sage ich und lächele sie an. „Hast du ein Handy? Magst mir deine Nummer geben?“

Sie lächelt zurück und kramt in ihrer Schultasche, die sie vor sich auf dem Schoß festgemacht hat. Dann zieht sie ihr Handy heraus und tippt darauf herum. Sie liest mir ihre Nummer vor und ich tippe sie in mein Handy. Danach verabschiede ich mich von ihr, indem ich mich zu ihr herunter beuge und ihre Wange ganz sanft mit meiner berühre. Gleichzeitig fürchte ich, dass ich ihr zu nahe gekommen sein könnte. Wir kennen uns doch noch gar nicht wirklich. Ich richte mich schnell wieder auf und gebe ihr meine Hand. Dabei sage ich wie zur Entschuldigung:

„Ich hab‘ dich gern.“

„Ich dich auch, Maik!“ antwortet sie mir schnell.

Wir gehen stumm nebeneinander durch die offene Doppelflügeltür. Draußen auf dem Vorplatz der Schule steigen viele Schüler in wartende Autos ihrer Eltern ein. Ich schaue mich suchend um als ich bemerke, dass sie nicht auf eines der Autos zustrebt. Ich frage leicht befremdet:

„Wirst du nicht abgeholt?“

„Warum?“ fragt sie forsch zurück. „Ich bin alt genug mich selbständig fortzubewegen.“

Ich fühle, dass mir das Blut in die Wangen steigt und lächle entschuldigend.

„Darf ich dich dann wenigstens nachhause begleiten?“ frage ich.

„Gern,“ stimmt sie zu und so gehen wir etwa fünf Minuten nebeneinander her, wobei ich mich zwischen ihr und dem Straßenverkehr halte.

Während des Fußweges erzähle ich ihr etwas von mir. Dabei kommt die Sprache auch auf den Handball.

„Es gibt im Ort auch einen Behinderten-Sportverein,“ erzähle ich ihr dabei, „und beide Vereine haben vor, in einem halben Jahr ein Benefiz-Turnier zu veranstalten.“

Sie schaut kurz zu mir hoch, so dass ich die Idee ausspreche, die mir unterwegs gekommen ist:

„Möchtest du vielleicht daran teilnehmen?“

Sie schaut mich zweifelnd an und antwortet:

„Ich weiß nicht… Außerdem, da hinten wohne ich…“

„Okay,“ antwortet ich und lasse das Thema erst einmal fallen. „Wir sehen uns!“

Wir verabschieden uns und sie rollt in die Seitenstraße hinein. Ich bleibe stehen um sehen zu können, in welchem Haus sie wohnt. Sie dreht den Rollstuhl zu einer der Haustüren hin und schaut zurück. Mir zulächelnd drückt sie die Klingel. Ich winke ihr nochmal zu, dann überquere ich die Straße und mache mich auf den Weg nachhause.

Später am Nachmittag habe ich Handballtraining. Nach dem Training schreibe ich Andrea eine Nachricht und schicke ihr mein Spiegelbild aus dem Waschraum der Umkleide mit. Ich wünsche ihr eine Gute Nacht und schöne Träume.

In der Unterrichtspause am nächsten Tag sehe ich Andrea wieder einmal alleine stehen. Ich verabschiede mich von meinen Kumpels, die lachen und mich an der Schulter knuffen. Das erwidere ich natürlich und nähere mich Andrea.

„Hi,“ ich lächele sie an. „Wie geht es dir?“

„Hi, Maik,“ antwortet sie.

Sie schaut glücklich aus. Wir gehen über den Pausenhof auf das Hochbeet zu, wo ich mich setzen kann. Unterwegs frage ich sie:

„Darf ich dich heute Nachmittag abholen zu einem Spaziergang?“

„Gerne,“ bestätigt sie mir.

„Sag‘ mal, was hörst du eigentlich für Musik?“ frage ich als wir die Beeteinfassung erreicht haben und setze mich neben sie.

Sie zieht einen der Ohrhörer aus ihrem Ohr und reicht ihn mir, damit ich ihn mir ans Ohr halten kann.

„Ah, interessant,“ sage ich.

Wir unterhalten uns ein wenig über unsere Musikinteressen, dann ist die Pause auch schon zu Ende. Ich begleite sie ins Schulgebäude und verabschiede mich bis zum Nachmittag. Als ich sie zur verabredeten Uhrzeit abholen will, treffe ich sie schon auf der Straße.

„Hi, Andrea,“ begrüße ich sie, „ du kommst mir entgegen?“

„Hi, Maik,“ antwortet sie mir, „ja, ich brauchte frische Luft.“

Während sie das sagt, schaut sie mich so unnachahmlich aus ihren Rehaugen von unten herauf an. Ich drehe also um und gehe neben ihr her in Richtung Hauptstraße und dort in Richtung Ortsausgang. Dabei unterhalten wir uns wieder über unseren Musikgeschmack.

Wir haben fast das Ortsende erreicht, da wechselt sie das Thema und fragt mich:

„Sag‘ mal, wo führst du mich hin?“

„Zum Sportplatz,“ antworte ich mit Unschuldsmiene. „Heute trainiert der Behinderten-Sportverein für das Benefiz-Turnier. Ich dachte, du wolltest vielleicht kurz zuschauen.“

Sie zwinkert und schüttelt leicht den Kopf, aber sie rollt weiter neben mir her. Beim Sportplatz angekommen, öffne ich das angelehnte Tor und lasse Andrea durch. Dann lehne ich das Tor wieder an und führe sie zum Spielfeldrand. Der Trainer sieht uns und kommt auf uns zu.

„Ah, die gegnerische Mannschaft möchte etwas über unsere Spieltaktik in Erfahrung bringen,“ sagt er.

Seine Augenfältchen und Mundwinkel sagen etwas anderes aus, als seine Worte vermuten lassen. Dann wendet er sich Andrea zu.

„Dich habe ich noch nie hier gesehen…“

„Das ist Andrea Weiler,“ stelle ich sie vor. „Ihre Familie wohnt erst seit kurzem hier in der Stadt. Sie geht auf meine Schule. Ich nehme an sie hat noch keine Spielerfahrung, aber es ist menschlich wichtig für sie, wenn sie mitspielen dürfte.“

„Du weißt aber, dass wir nicht einfach nur spielen? Wir trainieren für das Turnier!“

Er hat sich wieder mir zugewandt.

„Ach, kommen Sie,“ sage ich eindringlich. „Das ist ein Benefiz-Turnier! Gewinnen ist unwichtig! Das Mitmachen zählt.“

„Ich möchte nicht stören…“ meldet sich Andrea zu Wort.

In der Zwischenzeit sind die Spieler auf uns aufmerksam geworden und näher heran gerollt. Eine Frau sagt nun:

„Herr Schmidt, der Junge hat Recht! Lassen sie das Mädchen einfach mal ein paar Minuten mitspielen. Komm, Andrea! Du hast genau den richtigen Rolli unter dem Hintern. Die schräggestellten Räder helfen dir auf dem Spielfeld. – Hier…“

Sie wirft Andrea den Ball zu. Andrea fängt den Ball mit Leichtigkeit, legt ihn sich auf den Schoß und rollt mit einer Geschwindigkeit um die Gruppe der Spieler herum auf das Spielfeld, dass alle erstaunt innehalten. Dann drehen sie ihre Rollis und versuchen Andrea den Weg abzuschneiden. Andrea manövriert sie alle aus. Bis auf einen, der ihr gefährlich nahe kommt.

„Andrea, hier!“ ruft da die Frau.

Andrea wendet den Kopf und sieht, dass die Frau ihr ihre Hände entgegen streckt. Andrea wirft den Ball zu der Frau, da wird sie schon vom Rollstuhl des Spielers berührt, der ihr den Ball abjagen wollte. Aber nun fahren alle in Richtung der Frau, die nun den Ball hat. Andrea umfährt die Gruppe so, dass sie freie Bahn zum Korb haben müsste, dann schaut sie nach dem Ball. Der hat inzwischen wieder den Spieler gewechselt. Andrea verkürzt den Abstand zum Korb und beobachtet das Spiel der Anderen weiter bis wieder ein Spieler im Ballbesitz in Bedrängnis gerät. Dann ruft sie:

„Hier! Ich, ich! Hier, hier!“

Und wirklich, der Ball fliegt in ihre Richtung. Andrea schafft es aber nicht, den Ball in der Luft zu fangen. Sie rollt dem Ball hinterher und bückt sich dann, um ihn aufzuheben.

Auf dem Weg zum Korb wird sie aber wieder attackiert. Das Aufnehmen des Balles hat zuviel Zeit gekostet. Also gibt sie den Ball wieder ab. Es ist wirklich nicht wichtig, wer den Ball letztendlich versenkt. Aber sie hat dem Spiel Tempo gegeben und die Anderen mehrfach angetäuscht.

Das Ergebnis dieses kurzen Spiels ist, dass die Spieler dem Trainer nahelegen, Andrea in die Mannschaft aufzunehmen. Die Frau rollt zu den Sporttaschen am Spielfeldrand, nimmt ein Handy aus einer der Taschen und führt ein kurzes Gespräch. Dann meint sie zum Trainer, sie sollten weiterspielen – mit Andrea.

Sie nimmt den Ball auf und rollt damit zur Mitte des Spielfeldes, gefolgt von den anderen. Andrea fährt ihnen hinterher. Ich setze mich auf den Boden und schaue zu. Nach einer Weile hält draußen vor dem Tor ein Auto, ein Mann steigt aus und nimmt eine Mappe unter den Arm. Dann betritt er den Sportplatz und geht auf den Trainer zu. Die Beiden sprechen kurz miteinander. Der Trainer zeigt auf das Spielfeld, dann wartet er eine Minute und bläst in seine Signalpfeife.

Die Spieler unterbrechen ihr Spiel und schauen in Richtung des Trainers, dann rollen sie auf ihn zu. Der Trainer weist auf den Mann neben sich, dann sprechen sie alle miteinander und schließlich rollt Andrea auf den Mann zu. Nach einem kurzen Gespräch übergibt er ihr mehrere weiße Blätter, die er seiner Mappe entnimmt. Dann kommen alle langsam in meine Richtung. Der Mann geht an mir vorbei. Ich höre hinter mir das Tor des Sportplatzes quietschen.

Andrea lächelt glücklich über ihr ganzes Gesicht. Die Frau umarmt Andrea und der Trainer gibt ihr die Hand, dann kommt sie auf mich zu.

„Ich darf mitmachen!“ sagt sie. „Ich habe den Mitgliedsantrag bekommen, damit meine Eltern ihn unterschreiben und noch einen Zettel mit Terminen fürs Training und andere wichtige Informationen.“

Ich rappele mich auf und drücke sie an mich.

„Das ist wunderbar!“ sage ich. „Siehst du, du kannst alles erreichen. Man muss nur an sich glauben.“

Wir verabschieden uns für heute von den Handballern und wandern die Strecke wieder zurück. Unterwegs bittet mich Andrea, dass ich morgen gegen kurz nach neun Uhr abends bei ihnen klingeln soll, um mich ganz offiziell ihrem Vater vorzustellen. Herr Weiler ist leider erst so spät von der Arbeit zurück. Dabei würde sie das Antragsformular zur Sprache bringen und ich soll ihr mit Argumenten zur Seite stehen. Ich sage natürlich zu.

Etwa gegen viertel nach neun Abends am nächsten Tag klingele ich bei Weiler. Ich habe Mama vorher gefragt, ob ich ein paar Blumen aus unserem Garten haben kann. Sie hat mir dann einen schönen Strauß mitgegeben, als sie hörte wofür ich ihn brauche. Es dauert kurze Zeit bis die Tür geöffnet wird. Andrea sitzt auf ihrem Rolli in der Tür und hält sie mir auf. Ich begrüße sie herzlich und nehme ihr die Tür aus der Hand, um sie hinter mir zu schließen.

Dann gehe ich zum Wohnzimmer, wo ich Stimmen höre. Eintretend begrüße ich Andreas Eltern und gebe die Blumen an Frau Weiler weiter, die aufgestanden und mir entgegen gekommen ist.

„Oh, wie schön,“ sagt sie, „vielen Dank!“

Frau Weiler holt aus einem Schrankfach eine Vase, stellt die Blumen hinein und geht damit aus dem Raum. Kurz darauf höre ich Wasser laufen. Herr Weiler hat sich in der Zwischenzeit auf seinem Stuhl halb herum gedreht, gibt den Gruß zurück und fragt nach dem Grund meines Besuchs.

„Mein Name ist Maik Haller,“ stelle ich mich also vor. „Ich bin Andreas Freund. Ich wollte mich ihnen heute einmal vorstellen.“

„Ah,“ sagt Herr Weiler und lächelt. „Dann nimm dir mal einen Stuhl und setz dich dazu. Du magst doch sicher eine Kleinigkeit…“

„Ja, gern,“ antworte ich und ziehe mir den einzelnen Stuhl in der Zimmerecke neben dem Essplatz heran. Während ich mich neben Andrea an den Tisch setze, stellt Frau Weiler die Vase mit den Blumen auf den Tisch und setzt sich ebenfalls. Dann stellt sie Geschirr und Besteck vor mich und bietet mir etwas vom Essen an, das auf dem Tisch steht. Andreas Hand tastet derweil nach meiner, drückt sie und scheint sich daran festhalten zu wollen. Auch lehnt sie sich leicht bei mir an.
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Re: LUNA - 5

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:12

„Das kann aber nicht der einzige Grund für den heutigen Abend sein…“ sagt Herr Weiler lächelnd in die sich ausbreitende Stille. Er hat wohl Andreas Aktion bemerkt.

„Papa,“ beginnt Andrea bevor ich etwas sagen kann. „Maik hat mich in der Schule beschützt, als man begann, über mich herzuziehen, nur weil ich anders bin. Damit war für ihn die Sache aber nicht gegessen. Er will mich weiterhin beschützen, stützen und fördern… Wir mögen uns!“

„Das finde ich bewundernswert!“ antwortet Herr Weiler und schaut mich direkt an. „Wie stellst du dir die Förderung vor?“

„Ich bin Mitglied im örtlichen Sportverein und möchte Andrea in die Gesellschaft wohlmeinender Menschen bringen. Menschen, die nicht ihre Behinderung sehen, sondern ihre Fähigkeiten.“

„Ah, du meinst also im Sportverein könnte sie ihren Rolli vergessen?“

„Wenn alle im Rolli Sport betreiben,“ kontere ich, „fällt das nicht mehr auf. Außerdem gewinnt Andrea an Selbstbewusstsein. Sie erkennt, was sie imstande ist zu schaffen!“

„Erkläre das genauer!“ fordert er mich nun auf.

„In einem halben Jahr findet ein Benefiz-Turnier im Ort statt. Behinderte Sportler spielen gegen Nichtbehinderte Handball. Andrea hat sich das Training der Behindertensport-Gruppe schon angeschaut und durfte ein paar Minuten mitmachen. Ich spürte, dass ihr das gut getan hat.“

Herr Weiler schaut mich etwas verständnislos an.

„Behinderte spielen gegen Nichtbehinderte Handball…“ sagt er.

„Ja, die Nichtbehinderten sitzen ebenfalls auf Rollstühlen. Chancengleichheit ist also gegeben. In der Damenmannschaft könnten sie noch jemanden gebrauchen…“ erkläre ich ihm.

„Bitte, Papaaa…“ fällt Andrea ein und schaut zu ihm auf.

„Vor so einem Turnier muss trainiert werden. Wann und wo…“ will er mehr wissen.

„Jeden Dienstagnachmittag in der Turnhalle!“ sagt Andrea schnell.

„Und wer…“ hakt Papa nach.

Er ist zu der Zeit noch mit dem Schiff unterwegs. Wieder antwortet sie ihm bevor ich etwas dazu sagen kann.

„Mach dir keine Sorgen, Paps! Maik spielt in der Herrenmannschaft. Er begleitet mich. Mir passiert schon nichts!“

„Also gut,“ gibt sich Herr Weiler geschlagen.

Andrea zieht den Mitgliedsantrag hervor und legt ihn ihrem Vater neben den Teller. Dabei schaue sie ihn an. Dann unterschreibt Herr Weiler den Antrag. Andrea greift mit beiden Armen nach ihrem Vater, zieht ihn zu sich und gibt ihm einen dicken Kuss. Er lächelt dazu und auch ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

Dann unterhält sich Herr Weiler eine Weile mit mir über die Schule, meine baldige Ausbildung und den Sport. Da es nun schon nach zehn Uhr ist, verabschiede ich mich schließlich höflich und frage auf dem Weg zur Wohnungstür, ob ich Andrea öfter besuchen kommen und ab und zu mit mir ausgehen darf.

„…wenn sie spätestens um Zehn abends wieder zuhause ist!“ ruft Herr Weiler hinter mir her.

Andrea hat mich zur Wohnungstür gebracht, um sich dort unbeobachtet von mir verabschieden zu können. Bevor sie die Wohnungstür schließt, antworte ich schnell noch laut:

„Darauf werde ich achten!“

Während ich nachhause gehe, fühle ich mich erleichtert und froh. Von zuhause aus sende ich Andrea noch eine Gute-Nacht-Nachricht. Dann gehe ich auch schlafen.

*


Zwei Tage später haben wir uns für 17Uhr bei ihr verabredet. Ich stehe pünktlich vor der Tür und klingele. Frau Weiler lässt mich herein.

„Ah, du bist es, Maik,“ begrüßt sie mich. „Komm nur herein. Andrea ist in ihrem Zimmer.“

Sie weist mir den Weg zu einer offenen Zimmertür. Ich strecke meinen Kopf ins Zimmer und klopfe an den Türrahmen. Andrea sitzt auf ihrem Rolli am Schreibtisch und scheint etwas zu zeichnen. Sie schaut auf und lächelt mich freudig an. Beim Eintreten blicke ich mich im Zimmer um. Die Wände wirken, als seien sie mit Zeichnungen tapeziert. Es sind alles Zwitterwesen, Menschen mit Tierohren, Pfoten und buschigen Schwänzen.

„Du kannst aber gut zeichnen,“ sage ich anerkennend.

Ich gebe ihr einen flüchtigen Kuss und setze mich auf das Zweisitzer-Sofa neben dem Schreibtisch.

„Was zeigen die Bilder eigentlich alle,“ frage ich Andrea, neugierig geworden.

„Kennst du KEMONOMIMI?“ fragt sie mich zurück. „Inumimi oder Nekomimi?“

Mir sagen die Begriffe nichts. Sie hören sich für meine Ohren reichlich komisch an.

„Frag mich nach irgendwelchen Sportgrößen!“ antworte ich daher lächelnd. „Nein, leider kenne ich das nicht. Aber es interessiert mich, weil du mich interessierst!“

„Und du wirst niemals lachen oder mich verspotten?“ fragt sie vorsichtig.

„Andrea!“ sage ich nun sehr ernst. „Ich weiß, was die Worte Achtung, Respekt und Toleranz bedeuten!“

„Entschuldige,“ lenkt sie ein. „Ich wollte dich nicht kränken!“

Ich erzähle ihr grob meine Vorgeschichte, worauf sie den Stift aus der Hand legt, ihren Rolli in meine Richtung dreht und sich aus dem Sitz erhebt. Ich mache große Augen und habe sicher auch einen offenen Mund, als sie nun in einem seltsamen Gang auf mich zukommt. Sie knickt immer wieder ein beim Gehen. Spontan strecke ich ihr meine Hände entgegen, um sie aufzufangen. Sie lässt sich aber mit einer halben Drehung neben mich auf das Sofa fallen.

„Das nennt man Hüftluxation zweiten Grades,“ erklärt sie mir und schaut ängstlich zu mir auf. „Ich bin als Baby operiert worden. Die Ärzte haben meinen Eltern erklärt, dass damit das Problem behoben sei. Wie man sieht war das eine Fehldiagnose!“

„Und jetzt?“ frage ich etwas kurzatmig und lege meinen Arm um ihre Schultern.

„Nichts weiter,“ wiegelt sie ab. „Ein paar Schritte kann ich ohne Schmerzen gehen, wenn es auch für Unbedarfte ungewöhnlich aussieht. Für längere Strecken habe ich den Rolli. – Oder ich krabbele auf allen Vieren. Das gefällt Beauty immer sehr.“

Sie lächelt mich verlegen an. Dann sagt sie:

„Du wolltest etwas über Kemonomimi, Inumimi und Nekomimi wissen. Die Bildchen entstammen japanischen Zeichengeschichten, sogenannten Anime. Kemonomimi machen Anime-Anhänger, wenn sie sich eine Haarspange überziehen mit künstlichen Tierohren dran. Inu bedeutet Hund auf Japanisch und Neko bedeutet Katze.
Man sagt ‚Hunde sind des Menschen beste Freunde‘. Das ist sehr wahr. Hunde werden in vielen Familien wie ein Teil der Familie betrachtet, oft sogar von den Menschen wie ihre Kinder behandelt. Ein Anime-Manga handelt davon, dass drei Hündinnen sich in Mädchen verwandeln. Der einzige Unterschied ist, dass sie Pfoten, Hundeohren und Schwänze behielten.“

Nun beugt sie sich vor und zieht eine Kiste unter dem Sofa hervor. Ich helfe ihr und stelle sie auf ihren Schoß. Sie öffnet sie und nimmt einige Assessoirs hervor. Dann zieht sie sich ein Hunde-Halsband an und schiebt sich Stoffohren ins Haar. Damit dreht sie sich zu mir und schaut mich offen an.

Ihr Border-Collie Beauty hat das schleifende Geräusch der Kiste gehört und streckt den Kopf zur Tür herein. Andrea zeigt ihr den kleinen Ball aus der Kiste. Sie gibt Laut und beugt die Vorderbeine. Nun rutscht Andrea vom Sofa herunter und geht auf alle Viere. Dann lässt sie den Ball in Richtung Beauty rollen. Beauty scheint zu grinsen. Sie stupst ihn in Andreas Richtung zurück. So geht es zwei-, dreimal hin und her bis der Ball unter das Sofa rollt. Andrea zieht sich wieder auf das Sofa hoch und legt die Haarspange mit den Ohren wieder in die Kiste zurück. Dann schaut sie mich abschätzend an.

„Was sagst du zu der Vorstellung?“ fragt sie.

Ich nehme sie lächelnd in den Arm und sage:

„Wenn es dir Spaß macht und es dich entspannt, dann darfst du gerne ab und zu meine Hündin sein! Der Charakter der Corgi-Hündin gefällt mir da noch am besten. Wie hieß sie noch mal?“

„Die Luna.“

Sie lächelt zurück und sagt:

„Ja, du kannst die Welt um dich herum, den blöden Alltag, total vergessen. Du bist ein Anderer. Die Menschen nimmst du aus einem anderen Blickwinkel wahr.“

„Aha,“ sage ich. „Der Hund ist ein Rudeltier. Er braucht Führung. Das heißt, du brauchst jemanden, der dir schonmal sagt, was du tun sollst?“

„Auf Papa konnte ich mich bisher immer verlassen. Er weiß, was mir gut tut. Aber er fragt auch oft genug. Er schützt und tröstet mich, und spielt mit mir, wenn seine Zeit es erlaubt.“

„Ich bin aber nicht dein Papa!“ antworte ich und schaue sie bestimmt mit einem seltsamen Blick an.

„Nein, du bist Maik,“ sagt sie mit fester Stimme und lehnt sich bei mir an, um dann mit weicher Stimme fortzufahren. „Mein großer Beschützer, der mich versteht, dem ich vertrauen kann.“

Ich lege daraufhin meine Wange auf ihren Kopf und sage eine Weile nichts. Ich möchte diesen intimen Moment einfach nur genießen. Nach einer Weile erst sage ich leise:

„Das stimmt! Ich werde immer verantwortungsvoll auf dich achten.“

Nun streckt sie sich, erreicht meinen Kopf leidlich mit ihrem Mund strecke und küsst mich daher auf das seitliche Kinn. Ich beuge deshalb den Kopf, schaue sie an und küsse sie sanft auf den Mund, während ich sie leicht in meinen Armen wiege. Dabei flüstere ich ihr „Ich liebe dich“ ins Ohr.

Sie lächelt glücklich, als sie ebenfalls flüsternd erwidert: „Ich dich auch.“

Wir hören den restlichen Nachmittag zusammen Musik und reden über dies und das. Kurz vor zehn Uhr gehe ich dann, weil sie zu Bett muss. Ich durfte bei der Familie zu Abend essen. Dafür bedanke ich mich höflich bei den Eltern. Dann gehe ich nachhause, denn meine Schlafenszeit ist auch nahe.

*


An einem der folgenden Wochenenden nehme ich Andrea mit zu einem Ausflug in die Felder außerhalb der Kleinstadt, in der wir wohnen. Ich hole sie gleich nach dem Mittagessen ab und habe vorausschauend ein Strandtuch unter dem Arm.

Andrea fragt ihre Mutter, ob Beauty mitkommen darf.

„Gerne,“ antwortet sie.

Also ruft Andrea Beauty heran und klickt die Laufleine in ihr Halsband ein. Dann gehen wir los. Ich führe die Beiden auf einem anderen Weg aus unserer Stadt heraus. Hier geht es in die Felder hinein in Richtung Wald. Dazwischen liegt ein Kanal über den das Wasser aus einem entfernten Braunkohle-Tagebau abgeleitet wird.

Um den Wald zu erreichen, müssten wir den Kanal über eine Brücke überqueren. An dieser Brücke liegt eine Slipanlage, an der mein Vater ab und zu im Sommer ein kleines Hausboot zu Wasser lässt. Der örtliche Sportverein betreibt dort auch ein Kanuhaus. Der Kanal führt nach einigen Kilometern in ein Naturschutzgebiet mit drei hintereinander liegenden kleinen Seen, Wander- und Radwegen und einem Restaurant „Haus am See“.

Aber so weit habe ich heute nicht vor zu gehen. Auf halber Strecke zum Kanal, der hier einfach ‚Randkanal‘ heißt, zweigt ein Feldweg von dem Hauptweg ab. Er führt auf ein etwa ein Meter niedrigeres Niveau und macht dann eine neunzig Grad Biegung in die Felder hinein. Dieses Stück Land ist unbewirtschaftet und mit einer Wildkräuterwiese bewachsen.

Nach einer halben Stunde Spaziergang erreichen wir die Biegung und ich weiche von dem geteerten Hauptweg ab. Besonders in der Biegung haben Trecker tiefe Spurrillen in den Boden gegraben. Ich helfe Andrea am Wegrand entlang zu der verfallenen Bank zu kommen, hinter der ein Baum steht, der sich nur wenig über dem Boden in zwei Stämme teilt und zwei Kronen trägt.

„Hier ist also dein Lieblingsplatz,“ konstatiert Andrea.

Ich habe ihr ja schon hiervon erzählt, als ich ihr meinen Lebenslauf in groben Zügen dargelegt habe.

„Ja,“ sage ich. „Der Baum ist wie ich es mir all die Jahre erträumt habe: Er steht einsam in der Landschaft und ist doch nicht allein. Es gibt ihn doppelt.“

„Aber dich gibt’s doch nicht zweimal, oder?“

Sie schaut befremdet zu mir auf.

Lächelnd antworte ich: „Nein, ich habe keinen Zwillingsbruder. Ich wünsche mir vielleicht einen Zwilling im Geiste, jemand der ähnlich denkt und fühlt, wie ich. – Warte mal…“

Ich nehme das Strandtuch aus der Schultertasche und breite es neben der Bank auf der Wiese aus.

„Hier habe ich oft gelegen und dem Zug der Wolken zugeschaut. Hier kommt in der Regel selten jemand vorbei. Anderenfalls hört man ihn schon von weitem und wenn ich mich hinsetze, kann ich den Hauptweg auch weit überblicken.“

Beauty schnuppert hier und da an den Wiesenkräutern. Ich setze mich auf das Strandtuch und schaue Andrea an.

„Ich habe die Decke extra für dich mitgenommen. Magst du dich zu mir setzen?“ frage ich sie.

„Gern,“ antwortet sie, löst den Klettverschluss ihres Gurtes und steht aus ihrem Rolli auf, dann geht sie auf alle Viere und krabbelt zu mir auf das Strandtuch.

Ich lege mich auf die Seite, stütze mich mit dem Ellbogen ab und schaue ihr entgegen. Sie kommt neben mich und legt sich ebenfalls auf die Seite. Dann rutscht sie mit dem Rücken an meine Brust heran und ruft:

„BEAUTY, ZU MIR!“

Beauty nähert sich uns und schnuppert an Andreas Hand. Andrea sagt nun:

„MÜDE!“

Dabei zieht sie die Hündin an sich heran. Beauty legt sich kuschelnd an Andrea heran und steckt ihre Läufe rechtwinklig von sich weg. Dann dreht sie den Kopf und beginnt Andrea abzulecken. Ich greife über Andrea hinweg und streiche sanft über Beautys Brust. Beauty hört auf zu lecken, legt den Kopf auf die Decke ab und schließt die Augen.

Ich zeige auf verschiedene Wolken am Himmel und sage dazu:

„Schau mal, die sieht aus wie ein Auto“ oder „…wie Schloss“.

Andrea schaut und beginnt nach einer Weile ebenfalls die Wolken phantasievoll mit Dingen auf der Erde zu vergleichen.

Irgendwann drehe ich mich auf den Rücken und schaue senkrecht nach oben durch das Blätterdach des Baumes in den Himmel. Andrea spürt die Bewegung und dreht sich wenige Sekunden später ebenfalls um. Beauty dreht sich auf den Bauch und hebt den Kopf. Sie schaut uns beide an. Andrea dreht sich weiter zu mir herum und gibt mir einen Kuss.

„Vielen Dank für den wunderschönen Nachmittag,“ flüstert sie.

Ich drehe mich halb zu ihr und lege meinen Arm um ihre Schultern.

Da kommt wohl der Schalk in ihr hoch. Sie steigt auf alle Viere und stellt sich so über mich. Dann berührt ihre Zunge meine Nase. Dabei macht sie ein Geräusch wie ein Welpe. Ich lache und hebe sie an den Schultern an, damit sie mich nicht mehr ablecken kann. Dann setze ich mich auf und nehme Andrea in meine Arme, so dass sie quer vor meiner Brust liegt. Ich beuge mich zu ihr und gebe ihr einen langen Kuss.

Beauty geht in die Spielverbeugung und lässt ein paar japsende Beller vernehmen. Ich lasse los und versuche Beauty mit der Hand zu erreichen, doch sie weicht gerade so weit zurück, dass sie eben außerhalb der Reichweite meiner Hand ist.

„Beauty will spielen,“ bemerke ich. „Sie möchte Aufmerksamkeit.“

„Ja,“ antwortet Andrea zwinkernd. „Es ist nicht leicht, sich um zwei Hündinnen gleichermaßen zu kümmern…“

Wir stehen auf, ich falte das Strandtuch zusammen und verstaue es wieder, während Andrea im Gras sitzend mir zuschaut. Dann helfe ich ihr auf und fasse sie unter den Achseln. So bringe ich sie die zwei Meter zu ihrem Rolli. Sie setzt sich hinein und schnallt sich fest.

„Schaust du mal hinten in die Tasche? Da ist ein Ei drin für Beauty.“

Ich öffne die Tasche und sehe ein Plastikspielzeug, das einem Rugby-Ei ähnelt, aber Öffnungen zum Festhalten hat. So kann das Spielzeug gut mit der Hand oder dem Fang gegriffen werden. Andrea nimmt mir das Teil ab und ich schiebe mit Mühe den Rolli über die Wiese auf den Hauptweg hoch. Beauty beobachtet genau, was wir machen.

Oben auf dem Weg meint Andrea:

„Geh ein paar Meter weg, so dass ich dir das Ei zuwerfen kann. Gib dir keine große Mühe beim Fangen oder Zurückwerfen. Wenn das Ei auf den Boden fällt, freut sich Beauty!“

Wir spielen also auf dem geteerten Weg Fangen. Beauty läuft bellend von Einem zum Anderen und apportiert das Spielzeug, sobald es im Feld oder auf der anderen Seite auf der Wiese landet. Nach einiger Zeit beginnt Beauty zu hecheln und wir sehen in der Ferne Radfahrer, die sich nähern.

Wir beenden das Spiel und Andrea schiebt das Ei wieder in die Tasche zurück. Dann machen wir uns langsam auf den Heimweg. Als die Radfahrer näher kommen, sagt Andrea:

„BEAUTY, BEI FUSS!“

Beauty nähert sich Andrea und sie nimmt sie wieder an die Leine. Dann bringe ich Andrea und Beauty nachhause zurück.

*


Ich gehe nun regelmäßig zum Training der Behindertensportgruppe. Die Frau, die beim ersten Treffen auf dem Sportplatz meine Fürsprecherin gegenüber dem Trainer gewesen ist, heißt Gabi und ist die Initiatorin des Behindertensports in meiner neuen Heimat. Sie hat dann auch den Kassenwart des örtlichen Sportvereins angerufen, der mir dann den Mitgliedsantrag gegeben hat, den ich Papa zur Unterschrift vorlegen sollte.
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Re: LUNA - 6

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:14

Ich fühle mich bei den Leuten wohl und gehe gerne trainieren. Dort bin ich nichts Außergewöhnliches. Das scheint sich auch auf mein Verhalten in der Schule auszuwirken. Ich bin viel selbstsicherer, vertrete meine Meinung und melde mich im Unterricht, wenn ich etwas weiß. Meine Noten werden ebenfalls besser.

Das alles habe ich Maik zu verdanken, der mich nimmt wie ich bin. Maik akzeptiert sogar mein Faible, in das ich mich im Laufe der Zeit geflüchtet habe. Ich habe auf diese Weise eine eigene Phantasiewelt um mich herum aufgebaut, in die ich mich flüchte, sobald ich abschalten will. Nicht nur das! Er übernimmt sogar eine Rolle in dieser Phantasiewelt, um sie für mich runder zu machen. Er ist ja so süß!

An einem der trainingsfreien Wochenenden schlägt er mir vor, einen Spaziergang in Richtung Wald zu unternehmen, den alle hier ‚Busch‘ nennen. Ich freue mich auf ein weiteres Zusammensein mit Maik und sage freudig zu. Mama hat auch nichts dagegen, dass ich Beauty mitnehme.

Gegen zwei Uhr mittags holt Maik mich ab und wir gehen nebeneinander her, überqueren die Hauptstraße und biegen in die Straße ab, die aus der Stadt heraus in Richtung Randkanal und ‚Busch‘ führt. Die Straße ist vom Ortsende an kaum breit genug, um zwei Autos aneinander vorbei zu lassen. Aber das Gelände ist so flach, dass wir ein Fahrzeug schon von weitem sehen und auf den Randstreifen ausweichen können.

Maik hat die Griffe einer Strandtasche über seine Schultern gehängt und hält sie zwischen Rumpf und linkem Arm.

Wir sind schon eine ganze Weile unterwegs. Als wir einem Geländewagen ausweichen, der uns aus dem ‚Busch‘ entgegen kommt, schaue ich zurück und sehe, dass die Häuser der Kleinstadt schon sehr klein geworden sind.

Nachdem das Auto vorbeigefahren ist, gehen wir weiter. Kurz vor einem alleinstehenden Baum mit Doppelkrone überquert Maik die Straße und geht in die Abzweigung hinein. Sie folgt ein kurzes Stück der Straße, führt uns aber auf das niedrigere Niveau der angrenzenden Felder, um an dem Baum in einer 90 Grad Kurve in die Felder zu führen. Anfangs ist der Feldweg durch Kiesaufschüttung etwas holprig, aber das schaffe ich. Am Beginn der Kurve machen mir tiefer werdende Spurrillen von Treckern das Weiterkommen schwer.

Maik hilft mir, indem er meinen Rolli neben dem Feldweg her schiebt. Ich weiß natürlich längst, was sein Ziel ist. Zwischen dem angrenzenden Feld, der höher liegenden Straße und dem Feldweg liegt eine bunte Kräuterwiese. In der Biegung des Feldweges steht der Zwillingsbaum, von dem er mir erzählt hat und darunter stehen zwei Betonplatten, die von mehreren morschen Bohlen verbunden sind. Auf dieser Bank hat sicher seit Jahrzehnten keiner mehr gesessen.

Es ist ein großer Vertrauensbeweis und Nachweis seiner Zuneigung für mich, dass er mit mir diesen für ihn magischen Ort besucht. Er nimmt seine Tasche von der Schulter und nimmt eine dünne Decke heraus, die er auf der Wiese ausbreitet.

Ich lasse Beauty von der Leine. Sie beginne auf der Wiese mit der Nase in Bodennähe zu schnuppern.

„Hier ist also dein Lieblingsplatz,“ bemerke ich lächelnd.

„Ja,“ antwortet er mir. „Hier habe ich oft gelegen und dem Zug der Wolken zugeschaut. Hier kommt in der Regel selten jemand vorbei.“

Maik setzt sich auf die Decke und schaut zu mir.

„Ich habe das Strandtuch extra für dich mitgenommen. Magst du dich zu mir setzen?“ fragt er mich jetzt.

„Gern,“ antworte ich ihm, löse den Klettverschluss meines Gurtes und stehe aus dem Rolli auf.

Ich beuge mich vor und gehe auf alle Viere. Dann krabbele ich lächelnd nach Art der LUNA zu ihm auf die Decke.

Er hat sich auf die Seite gelegt und die Füße ausgestreckt. Ich lege mich neben ihn ebenfalls auf die Seite, jedoch so, dass ich mit dem Rücken zu ihm liege. Dann rutsche ich mit dem Rücken an seine Brust heran.

„BEAUTY, ZU MIR!“ rufe ich nun.

Beauty nähert sich uns und schnuppert an meiner Hand. Ich sage zu ihr „MÜDE!“ und ziehe sie an mich heran. Beauty legt sich kuschelnd dicht an mich, wie sie es auch oft in meinem Zimmer macht. Dann dreht sie den Kopf und beginnt mich abzulecken. Da Hunde ja keine Hände haben, ist diese Geste vergleichbar mit unserem Streicheln. Maik greift über mich hinweg und streichelt Beauty sanft über über ihre Brust. Beauty hört auf zu lecken, legt den Kopf auf die Decke ab und schließt die Augen. Sie fühlt sich wohl.

Nach einer Weile zeigt Maik auf verschiedene Wolken am Himmel und sagt:

„Schau mal, die sieht aus wie ein Auto“ oder „…wie Schloss“.

Ich schaue in den blauen Himmel mit seinen weißen Wolken, deren Ränder mal eine scharfe Abgrenzung um Blau des Himmels bieten, mal faserig ausfransen und versuche nach einer Weile ebenfalls phantasievoll den Wolken Bezeichnungen zu geben.

Nach einer Weile dreht sich Maik auf den Rücken und schaut senkrecht nach oben in den Himmel. Ich spüre die Bewegung und drehe mich kurz darauf ebenfalls um. Neugierig dreht sich Beauty dreht zu uns und hebt den Kopf. Sie schaut uns beide an. Ich drehe mich auf die Seite, ihm zugewandt, und küsse Maik spontan.

„Vielen Dank für den wunderschönen Nachmittag,“ flüstere ich ihm ins Ohr.

Er wendet sich nun mir zu und legt mir seinen Arm um die Schulter.

Spontan drücke ich mich vom Boden hoch auf alle Viere und klettere auf ihn. Dann lecke ich ihm über die Nasenspitze. Ich bin jetzt ganz die LUNA. Er lacht und hebe seine Arme abwehrend. Damit greift er mich an den Schultern und hebt mich soweit an, dass ich ihn nicht mehr mit der Zunge erreiche. Dann setzt sich Maik hin und nimmt mich in seine Arme. Nun beugt er sich zu mir und gibt mir einen langen Kuss, der mich atemlos werden lässt. Ich liege entspannt in seinen Armen.

Beauty meldet sich nun mit japsendem leisem Gebell und geht in die Spielverbeugung. Maik lässt mich sanft auf seine Oberschenkel ab und versucht sie mit der Hand zu erreichen, doch sie weicht gerade so weit zurück, dass sie eben außerhalb der Reichweite seiner Hand ist.

„Beauty will spielen,“ meint er. „Sie möchte Aufmerksamkeit.“

„Ja,“ antworte ich zwinkernd. „Es ist nicht leicht, sich um zwei Hündinnen gleichermaßen zu kümmern…“

Er steht auf und ich krabbele von der Decke, um mich daneben im Gras niederzulassen. Während er die Decke zusammen faltet und in der Tasche verstaut, schaue ich ihm im Gras sitzend zu. Dann hilft er mir auf und fasst mich unter den Achseln, dass ich kaum auftreten muss. So bringt er mich die zwei Meter zu meinem Rolli, ohne dass ich Probleme mit dem unebenen Boden bekomme. Ich setze mich hinein und schnalle mich fest.

„Schaust du mal hinten in die Tasche? Da ist ein Ei drin für Beauty,“ bitte ich Maik.

Er öffnet die Tasche an meiner Rückenlehne und nimmt das Plastikspielzeug für Beauty heraus. Er gibt es mir und schiebt mit etwas Mühe den Rolli über die Wiese auf die Straße hoch. Beauty beobachtet genau, was wir machen.

Oben auf der Straße sage ich zu Maik:

„Geh ein paar Meter weg, so dass ich dir das Ei zuwerfen kann. Gib dir keine große Mühe beim Fangen oder Zurückwerfen. Wenn das Ei auf den Boden fällt, freut sich Beauty!“

Wir spielen auf der Straße Fangen. Beauty freut sich. Sie läuft bellend von Einem zum Anderen und apportiert das Spielzeug, sobald es im Feld oder auf der anderen Seite auf der Wiese landet. Schließlich ist Beauty ausgepowert. In der Ferne sehen wir Radfahrer, die auf uns zu kommen. Also beenden wir das Spiel. Ich schiebe das Ei wieder in die Tasche zurück. Dann machen wir uns langsam auf den Heimweg.

Als die Radfahrer beinahe heran sind, sage ich:

„BEAUTY, BEI FUSS!“

Beauty kommt zu mir, so dass ich sie wieder an die Leine nehmen kann. Dann warten wir bis die Radfahrer vorbei gefahren sind und spazieren langsam zurück.

*


Maik besucht mich oft. Neben dem Hören der Musik will er viel über mein Anime-Faible wissen. Ich habe ihm ja schon von dem Anime-Manga INUMIMI erzählt, in dem drei Familienhunde sich in Mädchen verwandeln und nun als Mädchen sich in der Menschenwelt zurechtfinden müssen.

„Du spielst eins der Mädchen, und zwar die LUNA, gerne nach,“ sagt er dazu. „Dabei stellst du dich aber auf die Stufe von Beauty. Du spielst also eigentlich keinen Hund, der sich in ein Mädchen verwandelt hat, sondern ein Mädchen, das sich in eine Hündin verwandelt hat. So kannst du dann mit Beauty spielen und ihre Spielzeuge mit verwenden.“

Ich nicke.

„Ja, so ist es wohl.“

„Du hast außerdem gesagt, dass dir die LUNA von den Dreien am besten gefällt, weil sie in der Lernphase ist. Sie ist sehr verspielt und mag es, die Welt zu entdecken. Dabei muss sie aber noch ihre Grenzen kennenlernen. So hast du sie mir beschrieben, und dass sie froh ist, ein Teil der Familie zu sein.“

„Genau deshalb mag ich die Luna,“ bestätige ich.

„Daraus lässt sich sehr gut ein Rollenspiel entwickeln, indem ich einen Platz einnehme, und das wir immer dann spielen können, wenn wir alleine sind und entspannen – den Alltag kurz hinter uns lassen – wollen.“

„Ja…?“ dehne ich.

Maik hat mich neugierig gemacht.

„Du spielst wie immer die junge Corgi-Hündin LUNA und ich spiele deinen Herrn. Beauty kann gern mitspielen – wie bisher!“

„Oh ja,“ rufe ich aus, um dann in normaler Lautstärke fortzufahren: „Wie stellst du dir denn deine Rolle als Herr vor? Was ist deine Aufgabe?“

„Nun, du sagtest selbst, Menschen behandeln Hunde oft wie ihre Kinder. Sie geben ihnen Zuneigung und Aufmerksamkeit, beschäftigen sich mit ihnen, kümmern sich um sie, sorgen für sie, pflegen sie. Das wären dann meine Aufgaben in dem Rollenspiel.“

„Aber LUNA muss noch viel lernen und sie testet gern ihre Grenzen aus. Einfach wird es mit ihr nicht,“ meine ich zu ihm, augenzwinkernd.

„LUNA kann sich die Gestik und Mimik der Hunde von Beauty abschauen,“ antwortet er mir lächelnd. „Die Hundekommandos bringe ich dir schon bei – und Beauty kann sie sich wieder bei dir abschauen.“

„Hm,“ mache ich. „Und wenn ich einmal keine Lust habe und ‚rumzicke‘?“

„Dann bekommst du eben kein Lob, keine Belohnung. Dann erkennst du sicher an meinem Verhalten, dass ich enttäuscht bin,“ sagt er.

Ich schaue ihn an, um irgendeine Regung in seinem Gesicht zu erkennen und deuten zu können. Aber es scheint ihm ernst zu sein.

„Wie trainierst du denn mit mir die Hundekommandos?“ frage ich und schaue zu Boden.

„Das kenne ich von meinem Onkel in Süddeutschland. Er hat auch Hunde auf seinem Hof. Die Kleinen lernen die Hundesprache von ihren Müttern. Beim Training der Hundekommandos hat Onkel Hans eine unendliche Geduld. Er sagt, er nutzt die Methode ‚Positive Verstärkung‘, das heißt, er motiviert die jungen Hunde durch Lob und Belohnung. Wenn sie dann nicht mehr zu motivieren sind und ‚rumzicken‘, wie du es nennst, bricht er das Training ab und spielt mit ihnen bis sie ausgepowert sind. Dann lässt er sie ausruhen und nach einem Schläfchen wiederholt er kurz das Gelernte, um darauf aufbauend weiter zu machen.“

„Ah, das ist interessant,“ sage ich. „Wie beginnt denn so ein Training?“

„Junge Hunde reagieren noch nicht auf einen Namen. Wir brauchen aber ein Codewort über das sie erkennen, dass sie gemeint sind. Wir wollen, dass sie aufmerksam werden. Also suchen wir uns einen Namen für sie aus und sagen ihn oft in ihrer Nähe. Heben sie daraufhin aufmerksam den Kopf und schauen den Trainer an, bekommen sie eine Belohnung und werden gelobt. Sie verstehen zwar nicht, was wir sagen, aber sie hören am Tonfall, dass wir froh über ihre Reaktion sind.
Über diese Phase seid ihr, Beauty und LUNA ja schon hinaus. Das nächste Kommando wäre dann ZU MIR. Wenn mehrere Hunde anwesend sind, also entweder BEAUTY, ZU MIR oder LUNA, ZU MIR.“

„Hmhm,“ brumme ich, „und wie bringst du uns dazu zu dir zu kommen?“

„Ich zeige euch ein Leckerlie, etwas das ihr sehr gern mögt. Wenn ihr zu mir kommt, um das Leckerlie abzuholen, sage ich jedesmal ZU MIR – bis das ohne Leckerlie funktioniert.“

„Aha,“ kommentiere ich seine Erklärung. „Das hört sich sehr interessant an und ich bin neugierig auf solch ein Rollenspiel mit dir.“

Für heute verabschiedet er sich von mir und in der darauffolgenden Nacht habe ich einen entsprechenden Traum, indem Maik mein Herrchen ist und er seine liebe Not mit mir beim Kommandotraining hat.

*


Dann ist der Tag des Turniers gekommen. Maik kommt zu uns. Wir fahren in Papas Auto zum Sportplatz. Die Straßen sind mit Plakaten regelrecht tapeziert. Bestimmt an jeder dritten Straßenlaterne hängt eins. Wir betreten das Gelände des Sportplatzes. Großes Gedränge lässt uns nur langsam voran kommen. Ich begleite Maik zu der Umkleide. Meine Eltern folgen uns mit Beauty. An der Tür wende ich kurz meinen Rollstuhl und winke Mam und Paps nochmal zu. Maik hält mir die Tür auf und drinnen trenne ich mich für kurze Zeit mit einer innigen Umarmung von ihm.

Der Vorsitzende des Sportvereins eröffnet das Turnier. Wir bestreiten das erste Spiel gegen die Damenmannschaft des Sportvereins, die auf geliehenen Rollstühlen gegen uns antritt. Während des Spiels vergesse ich alles Alltägliche. Ich bin voll auf das Spiel fokussiert. Man spürt, dass die gegnerische Mannschaft nicht gewohnt ist sich im Rollstuhl zu bewegen. Das kann ich mehrmals zu meinem Vorteil ausnutzen. Ich schenke mir und den anderen nichts und schließlich liegen wir uns jubelnd in den Armen.

Dann ziehen wir uns an den Spielfeldrand zurück, denn jetzt spielen die Männer gegeneinander. Schließlich endet deren Spiel in einem Unentschieden. Anschließend meldet sich der Vorsitzende des Sportvereins noch einmal über die Stadion-Lautsprecher.

„Liebe Sportfreunde und Mitbürger!“ verkündet er. „Ich darf ihnen einige Besonderheiten des Turniers bekanntgeben: Da es sich um ein Freundschaftsturnier handelt, spielen nun die Herren gegen die Damen in beiden Kategorien. Zum Abschluss des Turniers spielen dann die Siegermannschaften gegeneinander. Der Tag soll bei gemütlichem Zusammensein im Saal unserer Gaststätte ausklingen. Dazu sind alle herzlich eingeladen!“

Wie angekündigt sehen wir nun ein Spiel ohne Rollstühle, in dem die Damenmannschaft des örtlichen Sportvereins gegen die Herrenmannschaft antritt. Im nächsten Spiel müssen wir gegen die Herrenmannschaft der Behindertensportgruppe antreten und den Abschluss bildet ein Spiel, das die beiden höchstplatzierten Mannschaften gegeneinander bestreiten. Alle Spiele haben zweimal zwanzig Minuten gedauert, so dass das Turnier mit Pausen fünf Stunden gedauert hat.

Nachdem wir uns umgezogen und frisch gemacht haben, rolle ich vor die Tür der Umkleide. Maik erwartet mich dort.

„Deine Eltern sind wohl schon im Saal,“ sagt er, nachdem wir uns kurz in den Arm genommen haben.

Ich ziehe die Stirn kraus.

„Unser Auto steht nicht mehr draußen?“

„Doch,“ meint er. „Aber ich sehe sie nicht. Sie hätten doch sonst sicher hier auf dich gewartet…“

„Stimmt,“ sage ich. „Nicht schlimm. Du begleitest mich ja zum Saal!“

Ich nickt lächelnd und wir spazieren die Hauptstraße in Richtung Innenstadt zu der Gaststätte hinter der der angemietete Saal liegt.

Vor dem Eingang des Saales treffen wir auf ein Ehepaar etwa im Alter von Mam und Paps. Sie begrüßen Maik herzlich und wenden sich dann zu mir. Bevor sie etwas sagen können stellt Maik mich ihnen vor.

„Mama, Papa, das ist Andrea!“

„Ah, du bist Maiks Freundin,“ sagt Frau Haller zu mir.

Sie lächelt freundlich und reicht mir die Hand. Wir begrüßen uns. Dann sagt sie:

„Kommt, wir suchen uns schonmal einen Tisch drinnen!“

Damit dreht sie sich um und betritt den Saal. Ich rolle hinter ihr her. Maik und sein Vater flankieren mich. Frau Haller hat bald einen Tisch gefunden. Ich sage schnell:

„Wir brauchen noch zwei Stühle!“

Maik beruhigt mich:

„Wir rücken die Stühle zusammen. Ich hole noch einen und du bleibst ja auf deinem Rolli.“

Ich nicke und er spricht mit einer Kellnerin. Sie führt ihn in einen Nebenraum, aus dem er kurz darauf mit einem Stuhl in den Händen zurückkommt. Herr Haller hat die Stühle inzwischen im Kreis um den Tisch zusammen geschoben, so dass mein Rolli und der weitere Stuhl zusätzlich an den Tisch passt. Herr und Frau Haller bestellen etwas zu trinken und ich nicke Maik zu, als er mich anschaut und noch zwei Portionen Pommes frites dazu bestellt.

Kaum haben wir unsere Bestellung am Tisch, treten Mam und Paps an unseren Tisch. An Paps Seite geht Beauty und schaut neugierig in die Runde. Unsere beiden Elternpaare begrüßen sich freundlich und Herr Haller bietet meinen Eltern an, sich dazu zu setzen.

„Wir waren noch Gassi mit Beauty,“ sagt Papa zu mir, während er sich setzt.

Sofort ist eine Kellnerin zur Stelle und fragt Mam und Paps nach ihrer Bestellung. Als sie fort ist, sagt Herr Haller:

„Andrea ist sehr sportlich!“

Papa nickt lächelnd und antwortet:

„Wir sind auch sehr stolz auf sie.“

Es entwickelt sich ein freundliches, dennoch reserviertes Gespräch zwischen den Erwachsenen.

*


Während unseres letzten Treffens habe ich, Maik, mich mit Andrea über ihr Faible in Bezug auf das Anime-Manga INUMIMI unterhalten. Dort wird von drei Hündinnen erzählt, die im Haushalt eines japanischen Wissenschaftlers leben. Diese Drei werden allmählich zu Menschen, zu Mädchen. Sie entdecken die menschliche Welt, Kleidung, Verhaltensweisen.
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Re: LUNA - 7

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:18

Da Andrea diese Behinderung hat, die ihre Hüftgelenke stark beansprucht, krabbelt sie am liebsten auf allen Vieren. In ihrem Haushalt lebt außerdem noch eine Border-Collie-Hündin namens Beauty. Border-Collies sind jahrhundertelang Hütehunde gewesen. Sie haben einen sehr sozialen Charakter und sind sehr intelligent.

Andrea hat irgendwann in ihrer Kindheit begonnen mit Beauty zu spielen, als wäre sie ebenfalls eine Hündin, auf allen Vieren. Dann ist sie auf den Geschmack gekommen japanische Comics zu lesen, Mangas, und irgendwann ist sie dann auf INUMIMI gestoßen, was auf Deutsch ‚Hundeohren‘ heißt. Die Figur der Luna gefiel ihr so, dass sie sie verkörpern möchte.

Allerdings habe ich einen Unterschied zum Manga festgestellt: Während sich in der Geschichte echte Hunde in Menschen verwandeln, habe ich es hier mit einem Menschen – einem anschmiegsamen, liebevollen Menschen zu tun – der sich ab und zu in eine Traumwelt versetzt, um entspannen und den manchmal unschönen Alltag eine Zeitlang vergessen zu können.

Ich helfe ihr gerne dabei. Hinzu kommt, dass ich so Zugang zu ihrer Gedankenwelt bekomme und schnell ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entsteht. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich mir damit Verantwortung aufbürde, aber für Andrea mache ich das gerne.

Bei unserem nächsten Treffen erkläre ich ihr also:

„Bei Onkel Hans habe ich gelernt, dass ein Hund sein Herrchen oder Frauchen auf rein emotionaler Ebene sehr liebt. Oft folgt er in seinen Handlungen seinen gefühlsmäßigen Eingebungen. Dabei fällt auf, dass sie vollkommen in der Gegenwart leben. Die Vergangenheit ist passé, wenn er da keine grundlegend schlechten Erfahrungen machen musste. Die Zukunft liegt im Nebel. Das Einzige, was zählt, ist also das Hier und Jetzt. Wenn er eine Emotion in sich aufsteigen fühlt, lebt er sie sofort aus. Er versteckt sie nicht, wie wir rationalen Menschen das gelernt haben.
Wenn du nun die LUNA bist, die junge Corgi-Hündin, und du möchtest spielen, dann spielst du, komme was da wolle! Wenn du dich freust, oder wenn du traurig bist, oder was auch immer, dann zeigst du das sofort. – Das müsstest du sicher auch von Beauty so kennen…“

„Stimmt,“ antwortet mir Andrea. „Genauso reagiert Beauty, und Papa hat dann oft seine liebe Not mit ihr.“

Ich lächele.

„ Sie ist bestimmt immer neugierig, überall mit der Nase und den Augen dabei. Sie ist glücklich, wenn dein Vater ihr seine Zuwendung schenkt und will ihn nicht enttäuschen. Das erfordert ein hohes Maß an Vertrauen von Seiten des Herrchens.“

„Hm, aber sie hat ihren eigenen Kopf. Wenn etwas ihre Neugier geweckt hat, ist sie kaum zu bremsen. Dann ist Papa doch enttäuscht.“

„Man darf sie nicht mit menschlichen Maßstäben messen, Maus. Ihre Neugier zu befriedigen geht für sie zuerst vor. Trotzdem wird sie – als Hütehund – ein Ohr auf euch haben, für den Fall, dass euch was passiert. Aber das wäre höchst selten der Fall…“

„Ah, und wie siehst du das in Bezug auf die LUNA?“

„Na, du kennst den Charakter der Mangafigur, die du verkörpern möchtest. Gleichzeitig hast du das Beispiel von Beauty, sieht wie sie im täglichen Leben reagiert und kannst über die Jahre bestimmt auch ihre Gesten und die Mimik lesen. Du weißt also, was sie dir gerade sagen will. Das alles könnte in deine Rolle als LUNA einfließen.
Wenn ich nun als dein Herrchen hinzu komme, verhältst du dich mir gegenüber wie Beauty gegenüber deinem Vater, unter Berücksichtigung des Charakters von LUNA.“

„Okay, so könnte es gehen,“ überlegt sie.

„Der echte Hund hat keine Wünsche,“ rede ich weiter, „außer den elementaren, wie zufrieden zu leben, Zuwendung zu erhalten. Der echte Hund braucht sich um nichts kümmern. Er ist gehorsam und sehr gelehrig. Er will nicht bestimmen.
Manchmal mag er Fragen im Kopf haben, macht sich über etwas Sorgen, aber das Herrchen oder Frauchen kümmert sich darum und zerstreut die Sorgen.
Als LUNA darfst du also stets deine Meinung äußern, um ein Problem oder eine Sorge aus deinem Kopf oder Herz heraus zu bekommen.“

„Du wirst ein gutes Herrchen für die Luna!“ meint sie.

Ich lächele schief.

„Hier berühren sich zwei Welten: Ich will nicht nur der LUNA ein gutes Herrchen sein, sondern auch dir ein verantwortungsvoller Freund, den es sich zu lieben lohnt!“

Sie rückt ganz nah an mich heran und legt ihren Arm in meinem Rücken um meine Hüfte. Dabei schaut sie mich wieder so an, dass ich nicht anders kann, als meinen Arm um ihre Schultern zu legen und ihr einen Kuss auf den Mund zu drücken. Dabei öffnet sie die Lippen.

Wir verharren eine ganze Weile so. Ich habe das Gefühl, mich nicht bewegen zu dürfen, um die Magie des Augenblicks nicht zu zerstören. Dann entzieht sie sich mir wieder, bleibt aber so eng an mich gekuschelt sitzen.

Erst nach einer ganzen Weile beginne ich wieder zu sprechen:

„Als LUNA musst du sogenannte Hundetricks beherrschen. Das heißt, ich bringe dir bei auf Kommandos prompt zu reagieren. Das bedeutet, dass du mir voll vertraust und nicht vorher überlegst, ob die Ausführung des Kommandos einen Sinn macht. Zwei kennst du ja nun schon: LUNA bedeutet, ‚ich muss aufmerksam sein, ich bin gemeint.’ Und ZU MIR bedeutet ‚komm her’ und wird gebraucht, wenn ich irgendwo stehe, liege oder sitze, also in Ruhe bin.
Ein ähnlich gelagertes Kommando ist BEI FUSS. Das bedeutet ebenfalls ‚komm zu mir’, wenn ich in Bewegung bin. Es beinhaltet aber auch ‚Bleib an meiner Seite’.“

„Wie erreichst du aber dieses ‚Bleib an meiner Seite‘?“

„In einem Rudel läuft das Alphatier immer voraus. In Bezug auf Beauty ist dein Vater das Alphatier. Wenn sie ihn begleitet, sollte sie lernen nicht von seiner Seite zu weichen. Will sie voraus laufen, muss man sie anfangs stoppen und das ‚an der Seite bleiben‘ mit Leckerlies belohnen. Stoppen kann man sie mit einer Armverlängerung - zum Beispiel einen Walking-Stick, den man ihr schnell vor die Brust hält.“

„Ah, so macht dein Onkel das. Du weißt eine Menge! Wunderbar finde ich, dass du das alles ohne Strafen erreichst.“

„Das ist die moderne Methode der positiven Verstärkung…“ weise ich sie noch einmal auf den Fachbegriff hin, den ich bei Onkel Hans gehört habe.

„Aber da gibt es doch noch eine Menge mehr!“

„Natürlich. Da ist zum Beispiel das Kommando SITZ, um den Hund zu beruhigen. Er soll sich nicht mehr bewegen, an Ort und Stelle bleiben. Meist funktioniert das aber nur, wenn das Herrchen dabei bleibt. Der Hund ist schließlich ein Lebewesen und kein Roboter. Wenn Herrchen weggeht, wird der Hund nach einiger Zeit aufstehen und umher gehen – einfach weil ihm langweilig geworden ist.“

„Das kann ich gut verstehen!“ meinst sie lächelnd.

„Eine Steigerung von SITZ ist dann das PLATZ. Der Hund soll sich hinkauern.“

„Und wie bringst du zum Beispiel Beauty dazu sich zu setzen oder hin zu kauern? Mir brauchst du das ja einfach nur zu sagen…“

„Nun, ich zeige ihr ein Leckerlie. Sie kommt zu mir, um es sich abzuholen. Ich reiche es ihr, gehe aber mit der Hand an ihrem Maul vorbei weiter nach hinten. Sie folgt mir mit dem Kopf und setzt sich automatisch, um das Leckerlie zu bekommen. Während sie sich setzt, sage ich SITZ und tätschele ihren Kopf. Wenn ich das öfter wiederhole, dürfte sie sich bei dem Wort SITZ automatisch setzen. Dann muss ich sie natürlich loben. Will sie dann wieder aufstehen, weil das Leckerlie ausbleibt, muss ich das Kommando wiederholen, sie loben und ihr schließlich doch das Leckerlie geben. Das mache ich so oft, bis es ohne Leckerlie klappt. Dazu braucht man sicher viel Geduld!
Damit sie sich hinkauert, muss ich das Leckerlie vor ihrer Schnauze nach unten bewegen. Sie folgt meiner Hand und kauert sich hin. Dann sage ich PLATZ, sie bekommt ihr Leckerlie und ich lobe sie. Alles andere ist das Gleiche wie bei SITZ. – Und so geht es bei jedem anderen Kommando auch.“

„Also alles ohne Zwang?“

„Alles ohne Zwang,“ bestätige ich ihr, „dafür mit viel Geduld. Junge Hunde sind nun einmal verspielt. Ob das bei älteren Hunden noch klappt, weiß ich nicht. Mein Onkel trainiert nur junge Hunde…“

„So einen Trainer hätte ich gern!“ seufzt sie.

„Aber den hast du doch, Maus!“ antworte ich ihr lächelnd.

„Was für Kommandos gibt es eigentlich noch?“

„LUNA wäre dein Aufmerksamkeitskommando. ZU MIR und BEI FUSS kennst du nun, genauso wie SITZ und PLATZ. Dann gibt es noch das Kommando KÖRBCHEN oder KISSEN oder DECKE, je nachdem was da in ihrer Ecke ist, wohin sie sich zurückziehen soll. Und das Kommando MÜDE, bei dem sie sich entspannt hinlegen soll, ausruhen, die Beine von sich strecken.
Aus dem Kommando SITZ kann man noch das Kommando ROLL ableiten, bei dem sie auf meinen Zeigefinger achten soll: Beschreibt der einen Halbkreis oder Vollkreis? Je nachdem soll sie sich aus der Bauchlage in die Rückenlage drehen oder umgekehrt, oder eine volle Drehung auf dem Boden hinlegen. Die halben Drehungen sind beim Tierarzt interessant, wenn er sie untersuchen will.“

„Und welche gibt’s noch?“

„Wenn ich etwas wegwerfe, das sie apportieren soll, sage ich HOL. Und wenn sie zu mir auf die Couch oder so darf, lege ich die Hand darauf und sage HOPP. Genauso verfahre ich, wenn sie auf die Ladefläche eines Pickups soll.
Soll sie etwas loslassen, das sie mir im Maul bringt, halte ich die offene Hand drunter und sage AUS.
Dann MACH MÄNNCHEN: Das entsteht auch aus der SITZ-Position heraus. Sie braucht dann nur ihren Rücken senkrecht aufzurichten und die Vorderpfoten in Schulterhöhe heben. Das macht sie aber automatisch, wenn sie etwas haben will. Sie bettelt. Das soll sie nicht andauernd tun, aber es gibt Situationen, wo es gut aussieht, wenn der Hund auf die Hinterpfoten steigt.“

„Wann denn zum Beispiel?“ fragt Andrea jetzt und schaut mich spitzbübisch an.

„Nun, Betteln ist ein natürliches Verhalten von Welpen. Viele Hunde bleiben ihr Leben lang Kind. Es stört aber, wenn sie ständig um einen herumtänzeln. Also kanalisiert man das Verhalten. Genauso beim GIB PFÖTCHEN: Das ist ein Verhalten von Welpen, den man Milchtritt nennt. Damit regen sie den Michfluss beim Muttertier an. Der Mensch benutzt das Verhalten in einem Kommando kanalisiert, wenn der Hund Besucher begrüßen soll. Damit wird ihm gezeigt: Diese Leute genießen Herrchens Vertrauen. Der Hund benutzt diese Geste aber auch weiterhin, um seinen Menschen anzuzeigen, dass er etwas möchte. Zum Beispiel: Er stößt die erhobene Pfote gegen eine verschlossene Tür. Das bedeutet allgemein ‚ich will da durch‘, im Besonderen ‚ich muss mal vor die Tür‘.“

Sie spielt dann Situationen nach, in denen ich diese Kommandos verwenden soll. Darüber ist wieder der ganze Nachmittag vergangen und ich verabschiede mich von ihr mit einem zärtlichen Kuss.

*


Eines Tages fragt Maik beiläufig in einem Gespräch:

„Liebes, du kannst deine Beine doch bewegen, bist nicht gelähmt…“

Ich nicke und schaue ihn erwartungsvoll an. Was bewegt ihn jetzt wohl?

„Wenn du im Schwimmbad bist, ist die Schwerkraft weitgehend aufgehoben. Die Gelenke werden entlastet… Kannst du eigentlich schwimmen?“

„Nein, ich habe leider nie schwimmen gelernt. Als das in der Grundschule angeboten wurde, war ich als Rollstuhlfahrerin davon befreit. Niemand hat sich den Gedanken gemacht, wie du jetzt gerade. – Andererseits: Mein Papa arbeitet in der Binnenschifffahrt und kann auch nicht schwimmen…“

„Was??“ ruft Maik erstaunt aus und lacht über das ganze Gesicht.

„Ja,“ lächele ich zurück. „Er sagt, so tief ist der Fluss nicht. Sollte das Schiff wirklich mal untergehen, dann geht er einfach ein Deck höher und ist schon wieder auf dem Trockenen…“

„Aber – sieh es mal von der Therapieseite her. Schwimmen entlastet die Gelenke. Das kann dir jeder Arzt bestätigen! Der Rolli wird zwar immer dein wichtigstes Hilfsmittel bleiben, aber regelmäßiges Schwimmen tut dir bestimmt gut.“

„Du magst recht haben, aber ob Papa dem zustimmt? Er hat immer so viel Angst, dass mir etwas passieren könnte…“

„Er kann dich nicht dein Leben lang in Watte packen, Maus! Außerdem bin ich stets in deiner Nähe! Ich lasse dich keine Sekunde aus den Augen!“

Maik ist so süß! Ich lasse mich überreden und mache nun zweimal in der Woche Sport. An einem Nachmittag bin ich im Handballtraining der Behindertensportgruppe. An dem anderen Nachmittag gehe ich mit Maik in das Hallenbad neben dem Sportplatz. Zuhause erzähle ich nichts davon, um Mam und Paps nicht zu beunruhigen.

Maik nimmt mich im Hallenbad aus dem Rolli und trägt mich die Treppe hinunter ins Wasser. Dabei halte ich mich an Maiks Hals fest. Im Wasser lässt er mich los und hält mich mit den Händen unter dem Bauch an der Wasseroberfläche. Ich halte mich weiter an seinem Hals und er zieht mich dann durch das Wasser. Die Unsicherheit lässt mich anfangs kichern. Dadurch bekomme ich Wasser in den Mund und ich muss spucken. Er hält inne und geht mit mir an den Rand.

„Halte dich am Rand fest,“ meint er.

Zögernd lasse ich ihn los und kralle mich an den Rand.

„Versuche dich jetzt einmal hinzustellen!“

Ich berühre mit den Füßen den Boden und richte mich auf. Das Wasser ist hier nur ein Meter zwanzig tief. Es reicht mir bis zu Brust.

„Spürst du, dass du im Wasser leichter bist? Deine Hüftgelenke sind nicht so beansprucht wie an Land?“

„Ja,“ bestätige ich seine Annahme.

„Warte hier,“ meint er nun, „ ich hole beim Bademeister ein Schwimmbrett.“

Dann stößt er sich vom Beckenboden ab und schwingt sich aus dem Becken. Bald darauf kommt er mit einem ovalen Brett zurück. Er kommt wieder zu mir ins Becken, legt das Brett auf das Wasser und schiebt sich mit dem Oberkörper darauf. Mit ein paar Schwimmzügen ist er neben mir.

„Siehst du, das Brett trägt dich. Leg dich mal drauf!“

Ich lasse den Beckenrand los und er drückt das Brett unter Wasser. Ich fasse es oben und er hilft mir mich darauf zu legen. Dann zieht er mich wieder eine Runde durch das Wasser. Dann sagt er:

„Mach jetzt mal Schwimmbewegungen mit den Beinen wie ein Frosch.“

Ich versuche es. Maik korrigiert mich geduldig. Danach soll ich mich höher auf das Brett ziehen und die Armbewegungen machen. Auch jetzt ist er sehr geduldig mit mir. Bis zum Turnier habe ich es geschafft, auch leidlich schwimmen zu können.

*


Bei unseren Treffen in meinem Zimmer haben wir begonnen über das Anime-Manga INUMIMI zu sprechen. Maik sagte mir, dass das nicht so ganz zu dem passt, was ich real spiele. In dem Manga geht es um drei Hunde, die zu Menschen werden und sich nun in der Menschenwelt zurecht finden müssen. Wenn ich aber auf allen Vieren mit Beauty spiele vergesse ich die Menschenwelt um mich herum und ich werde zu dem Tier, das ich in meiner Phantasie bin – die Corgie-Hündin LUNA aus dem Manga. Ich gehe also den umgekehrten Weg.

Aber er meint es nicht böse. Er will mir nur einen ‚Spiegel vorhalten‘ sagt er und würde gerne eine Rolle in meinem Spiel übernehmen, und zwar den des Herrchens.

Dann erklärt er mir, wie er sich die Ausgestaltung seiner Rolle vorstellt. Je mehr ich ihm zuhöre, desto neugieriger bin ich darauf, das mit ihm einmal durchzuspielen. Er sagt, dass sein Onkel in Süddeutschland Hunde züchtet und er in den Ferien schon oft beim Hundetraining dabei war. Sie würden keinen Zwang anwenden, keine Hilfsmittel verwenden, die Schmerzen verursachen, sondern mit viel Geduld, Lob und Belohnung die jungen Hunde motivieren.

Ich habe mir einige Hundekommandos erklären lassen und sie dann mit ihm durchgespielt. Das ist lustig gewesen! Beim nächsten Treffen hat er mir weitere Hundekommandos erklärt:

„Das nächste Kommando nun,“ sagt er, „heißt BLEIB. Wenn du also mit SITZ oder PLATZ einen Platz eingenommen hast, sage ich BLEIB. Dann gehe ich weg und tue etwas. Bleibst du wirklich an deinem Platz ohne aufzustehen und herumzulaufen, dann erhältst du, wenn ich zu dir zurückkomme, wieder eine Belohnung. Stehst du aber zwischendurch auf, wirst du dafür nicht bestraft. Du bist für mich ein fühlendes Wesen und dir sind vielleicht die Glieder eingeschlafen… Wenn ich also zu dir zurückkomme und du begrüßt mich stehend, dann hörst du einfach wieder das Kommando zum Hinsetzen oder Hinlegen und ich übe das Ganze noch einmal. Du wirst mich dabei schon informieren - verbal oder nonverbal - dass dir die Glieder eingeschlafen sind oder dir langweilig wurde oder was auch immer los ist.“

„Hm, und wenn ich den Schalk im Nacken habe und bloß herumzicke?“ frage ich ihn lächelnd.

„Wenn ich mir fortgesetzt Mühe gebe und du ständig etwas anderes machst? In gewissem Rahmen lasse ich das durchgehen, aber irgendwann muss ich mir dann schon sagen, dir fehlt es an Engagement, deine Rolle auszufüllen. – Und mich fragen, ob ich wohl der Richtige für dich bin…“

Ich mache ein enttäuschtes Gesicht.

„Du magst dann nichts mehr von mir wissen?“ frage ich.

„Hey Liebes,“ antwortet Maik und legt seinen Arm um mich. „Es heißt ‚Spaß ist Spaß und Ernst ist Ernst‘. Ein Spiel muss Beiden Spaß machen! Einen ständigen Machtkampf führen, wer von uns beiden nun das „Alphatier“ ist, dich ständig bezwingen zu müssen, das liegt mir nicht! Wenn so etwas vorkommt, zeige ich dir mein Missfallen schon! Nur eben nicht durch anbrüllen und schlagen, sondern eher nonverbal durch einen traurigen Gesichtsausdruck und indem ich dich kurze Zeit ignoriere, dir meine Zuwendung entziehe!“

„Das empfinde ich als die schlimmere Variante!“ stelle ich traurig fest und kuschele mich an ihn.

„Denk an den Charakter der LUNA!“ antwortet er. „Sie ist verspielt, mag es aber in der Familie zu leben. Sie wird also aufhören zu zicken, wenn sie spürt, dass ihr Herrchen über ihr Verhalten traurig ist.“

„Ich denke daran!“ verspreche ich Maik, zu ihm aufschauend.

„Junge Hunde versuchen – wie junge Menschen auch – ihre Grenzen auszutesten,“ sagt Maik. „Das fordert das Alphatier des Rudels heraus. Es zeigt gebremste Aggression – eine deutliche Warnung! Dann folgt das Beschwichtigungssignal des Jüngeren oder ein gebremster Angriff des Alphatiers: Ein Zwicken, kein Beißen, kein Verletzen. Das reicht eigentlich aus, die Ordnung im Rudel wieder herzustellen.
Übertragen auf unser Rollenspiel heißt das: Wirst du übermütig oder widerspenstig, erfolgt meinerseits eine verbale Warnung und Leckerlis werden gestrichen. Ich korrigiere geduldig. Du hast die Chance, dich wieder angepasst zu verhalten, Wohlverhalten zu zeigen. Im gegenteiligen Fall entziehe ich dir eben kurze Zeit meine Zuwendung.“

Wir sitzen einige Minuten still nebeneinander. Irgendwo muss ich ihm Recht geben. Ein Spiel soll beiden Mitspielern Spaß machen. Ich darf den Bogen nicht überspannen – und ich will Maik auch nicht enttäuschen. Ich habe ihn lieb gewonnen!
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Re: LUNA - 8

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:21

Schließlich macht er weiter.

„Will ich, dass du nur mit den Vorderpfoten irgendwo drauf steigst, sage ich AUF und lege dabei die Hand irgendwo drauf, genau wie bei dem Kommando HOPP. So kann ich dir zum Beispiel in aller Ruhe die Zähne putzen…“

„Die Zähne putzen?“ frage ich ihn belustigt.

„Das war nur ein Beispiel. Der Herr pflegt ja schließlich seinen Hund. Ich kann dich dann zum Beisiel auch kämmen, eincremen, oder was auch immer.“

„Ahso,“ kommentiere ich seine Aussage, immer noch belustigt.

„Das gegenteilige Kommando heißt dann natürlich AB,“ sagt er nun. „Dann gehst du wieder auf alle Viere.“

Ich gehe auf alle Viere vor meiner Zweisitzer-Couch und spiele noch einmal alles mit ihm durch, denn es ist wieder Zeit für ihn nachhause zu gehen.

*


Wochen später hat Maik sein Abschlusszeugnis bekommen und eine Sause mit seinen Kumpels gemacht. Am nächsten Tag verbringt er die meiste Zeit im Bett. Am Abend kommt er doch noch zu mir. Aber man merkt ihm die Nachwirkungen der Sause noch an. Ich bemuttere ihn und er lässt es zu. Ich freue mich, ihm auf diese Weise ein wenig seiner Fürsorge für mich zurückgeben zu können.

Jetzt haben wir sechs Wochen Ferien. Danach wird er auf einem Berufskolleg sein Abitur machen. Vielleicht mache ich das Gleiche, wenn ich in zwei Jahren ebenfalls mein Abschlusszeugnis bekomme – bis auf die Sause. Darauf verzichte ich gerne!

Nach einer Woche fragt er Mam und Paps, ob sie es erlauben, dass ich für ein paar Tage mit ihm weg fahre. Papa macht ein besorgtes Gesicht.

„Papaa, bitteee…“ ziehe ich die Worte in die Länge und schaue ihn in bekannter Manier von unten herauf an.

„Ihr ward noch nie über Nacht alleine,“ gibt er zu bedenken.

„Papa! Ich nehme die Pille!“ gebe ich entrüstet zurück.

Maik schaltet sich ein. Er verspricht:

„Ich achte auf Andrea, Herr Weiler! Ich passe auch auf, dass sie die Pille nicht vergisst!“

„Manfred…“ sagt Mama da gedehnt.

„Also gut,“ lenkt Papa ein. „Denkt daran: Schule und Ausbildung sollen in eurem Alter an erster Stelle stehen!“

„Es wird schon nichts passieren, Papa!“ versichere ich noch einmal.

Maik will mir nicht sagen, was er vorhat. Ich bin auf den Ausflug gespannt wie ein Flitzebogen. Denn er hätte meine Eltern nicht gefragt, wenn wir in der Nähe bleiben und ich bei ihm im Zimmer übernachten soll. Seine Eltern müssen ihm zum Abschluss der Realschule etwas geschenkt haben, an dem ich teilhaben darf.

In der vierten Woche der Sommerferien holt er mich schon am Vormittag zuhause ab. Ich habe eine Reisetasche mit allem gepackt, was man so für eine Woche Urlaub brauchen könnte. Die nehme ich nun auf den Schoß und folge Maik durch den Ort. Er schlägt den Weg Richtung ‚Busch‘ ein.

Unterwegs reden wir über alles Mögliche, nur wenn ich das Gespräch auf das Ziel unseres Spaziergangs lenken will, blockt er lächelnd ab. Was für Möglichkeiten bietet denn der Weg, den wir gehen? Eine große Reise zusammen mit mir kann es nicht werden. Dann wären wir zu ihm nachhause gegangen und sein Vater hätte uns zum Hauptbahnhof in der Großstadt gefahren, wo ich vorher gewohnt habe. Im ‚Busch‘ ist nichts, wo man eine Woche mit Übernachtung bleiben könnte…

Wir gehen an Maiks magischem Ort, dem Zwillingsbaum, vorbei weiter auf den ‚Busch‘ zu. Dazu müssen wir eine Brücke überqueren, die den Randkanal überspannt. Links davon liegt die schräge Fläche, die sogenannte Slipanlage, neben der der Schuppen des örtlichen Sportvereins steht. Dort sind die Kanus der Kanuten-Abteilung untergebracht. Rechts der Brücke befindet sich eine senkrechte Betonmauer mit einer stählernen Leiter in einer Nische und mehreren Pollern auf der Mauerkrone. Ich erkenne das Auto von Maiks Eltern am Straßenrand.

Als wir das Auto erreichen steigt Maiks Vater aus. Jetzt sehe ich, dass hinter dem Auto ein leerer Bootsanhänger festgemacht ist. Drüben an den Pollern erkenne ich die Aufbauten irgendeines Bootes.

„Maik…“ sage ich und mache große Augen.

Da unterbricht mich schon Maiks Vater. Er lächelt mich an.

„Hallo, Andrea. Ich wünsche euch ein paar wunderschöne Tage mit unserer Penichette!“

Er gibt mir die Hand und umarmt Maik.

„Pass‘ gut auf sie auf!“ ermahnt er ihm. Dann folgt er uns langsam.

Ich folge Maik, der längere Schritte macht, auf das Boot zu. Als ich es in der Nähe der Kaimauer allmählich überblicken kann, frage ich Maik:

„Wo ist denn vorne?“

Er dreht sich um und lächelt.

„Du meinst, hinten ist ein Boot flach – der sogenannte Heckspiegel – und vorne läuft das Boot spitz zu? Eine Penichette nicht. Hinten ist da, wo die zwei Sitze sind. Bei Regen lässt sich darüber ein Faltdach spannen. Die Kabine befindet sich im Mittelteil, wie du siehst und das Sonnendeck befindet sich vorne.“

„Ah,“ kommentiere ich seine Erklärung.

Ich steuere meinen Rolli also nach hinten, dorthin, wo ich zwei Sitze erkenne. Maik stellt sich mit einem Fuß auf das Boot und mit dem anderen auf die Kaimauer.

„Du kannst ruhig aufstehen,“ sagt er. „Ich helfe dir an Bord.“

Ich stehe also auf und mache einen Schritt auf ihn zu. Er hält mich fest. Dann fast er mit einer Hand unter meine Oberschenkel und trägt mich an Bord. Dort setzt er mich in einen der Schalensitze und geht noch einmal zurück. Sein Vater gibt ihm meine Reisetasche, die er in die Kabine trägt. Während sich sein Vater von uns verabschiedet, schiebt er meinen Rolli zusammen und schnallt in so zusammengeschoben vor den Sitzen auf dem Kabinendach fest.

Er stellt sich nun vor den anderen Sitz und öffnet ein Kästchen vor sich mit einem Schlüssel. Dann zieht er einen Hebel ganz zurück und wieder eine Winzigkeit nach vorn. Ich höre es einmal klicken. Jetzt drückt er einen Knopf unter dem Deckel des Kästchens und es ertönt ein leises Summen, verbunden mit leichtem Plätschern draußen im Wasser. Er dreht das Steuerrad vor sich von der Kaimauer weg. Das Tau mit dem das Boot hinten festgemacht ist wird locker.

Maik springt auf die Kaimauer, geht schnell zum Poller und löst dort das Tau. Er bringt es an Bord. Dann dreht er das Steuerrad wieder in Richtung Kaimauer und balanciert neben den Kabinenaufbauten nach vorne. Dort angekommen löst er das Tau von dem kleinen Poller an Bord und schwingt es aus dem Poller an Land. Er ‚schießt es auf‘ wie er mir später sagt, das heißt, er legt es in runden Schlingen sorgfältig auf das Deck vorne.

Jetzt treibt das Boot langsam von der Kaimauer weg. Er balanciert auf dem gleichen Weg zurück, sich an einer Stange, dem sogenannten ‚Handlauf‘, an der Kante der Kabinenaufbauten festhaltend. Jetzt gibt er dem Boot eine Richtung, die es wohl eine Weile in der Mitte des Kanals hält, und ‚schießt das Tau zwischen den Sitzen auf‘, mit dem das Boot hinten festgemacht war.

Dann erst setzt er sich in seinen Sitz links neben mir und schiebt den Fahrthebel einen Klick weiter vor. Das Boot wird davon nicht merklich schneller. Er öffnet eine Klappe neben sich und zieht zwei Dinger in signalrot daraus hervor.

„Das sind Schwimmkragen,“ erklärt er mir und hängt sich einen um den Hals.

Dann legt er sich einen Gurt um die Taille und klickt ihn vorne fest.

„Leg ihn dir genauso an!“ meint er. „Das ist nur zur Sicherheit.“

Ich hänge mir den Schwimmkragen auch um den Hals und befestige den Gurt.

„Der sitzt ziemlich locker,“ mache ich ihn aufmerksam.

Er zeigt mir so etwas wie eine Ratsche.

„Zieh ihn dir daran enger,“ schlägt Maik mir vor. „Aber nicht zu eng,“ setzt er lächelnd nach.

„Wie funktioniert das?“ will ich wissen.

„Wenn der Kragen mit Wasser in Berührung kommt, löst sich eine Kalktablette auf. Dadurch wird ein Schlagbolzen frei, der eine Gaspatrone öffnet. Das Gas strömt in den Kragen. Der bläht sich auf und hält deinen Kopf über Wasser. Dadurch ist der Kragen auch ohnmachtssicher,“ erklärt mir Maik.

„Was sind das hier für Pedale?“ will ich weiter wissen.

Vor den Schalensitzen befinden sich nämlich Pedale. Das Ganze sieht aus wie zwei bequeme Heimtrainer. Er lächelt und meint:

„Wenn das Lithium-Batteriepack vorne unter Deck leer sein sollte, können wir auf Pedalantrieb umschalten. Oder wir schalten die beiden E-Motoren aus und strampeln, wenn du magst?“

Ich schaue ihn mit großen Augen an.

„Hm,“ ist das Einzige, was mir dazu einfällt.

„Ich mag auch nicht gerne gegen die Strömung strampeln,“ antwortet er mir lächelnd. „ Dann zieht die Landschaft zu langsam an uns vorbei – obwohl Papa da eine schöne Übersetzung eingebaut hat. Auf der Rückfahrt können wir das gerne machen – auch wenn ich alleine in die Pedale trete!“

„Okay,“ meine ich dazu. „Und wie sieht es in der Kabine aus?“

„Gleich hier befindet sich der Aufenthaltsraum,“ sagt er und zeigt auf die niedrige Tür vor meinem Sitz. „Weiter vorne liegt der Schlafraum, und von da kommst du durch genauso eine Tür nach vorne auf das Sonnendeck.“

„Wie weit fahren wir heute?“

„Alle vier Kilometer gibt es Poller zum Festmachen. Das heißt, ungefähr jede Stunde können wir uns entscheiden zu Pausieren oder zu Übernachten. Später im Naturschutzgebiet haben wir die Möglichkeit zu ankern, wo es uns gefällt, oder einen der zehn Liegeplätze am ‚Haus am See‘ zu belegen. – Das kostet aber eine Gebühr, weil sonst für die Gäste zu wenig Festmacher da sind.“

„Oh, ich hätte gerade Lust mir das Boot von innen anzusehen…“ meine ich.

„Ich verstehe deine Neugier,“ sagt er. „Ich möchte aber gerne beim ersten Benutzen des Niedergangs dabei sein, um dich eventuell auffangen zu können, falls du strauchelst. Auch, wenn ein Motorboot vorbeifährt könnte es passieren, dass du den Halt verlierst. Ich möchte nicht, dass du dir eine Beule holst. – Lass uns in einer knappen Stunde festmachen. Dann gehen wir zusammen durch das Boot.“

„In Ordnung,“ sage ich.

Ich füge mich, obwohl ich seine Fürsorge für übertrieben halte.

Nach etwas mehr als einer Dreiviertel-Stunde sehe ich tatsächlich eine kleine Reihe von Pollern auf der Kaimauer. Maik schaltet die Motoren zurück und steuert das Boot an die Kaimauer heran. Dann rubbelt die umlaufende Gummileiste unserer Penichette an der stählernen Kante der Kaimauer entlang. Zwischen zwei Pollern schaltet Maik noch etwas zurück und springt aus dem Boot. Er hat sich das Tau zwischen unseren Sitzen genommen und läuft die wenigen Meter nach vorn, um es auf den Poller zu hängen und dann an Bord festzumachen.

Das Boot fährt in das Tau und bewegt sich hinten, wo ich sitze von der Kaimauer weg. Er hat sich aber schon das Tau von vorne über die Schulter geworfen und balanciert an der Seite der Kabine zu mir zurück. Jetzt stellt er die Motoren auf langsame Rückwärtsfahrt und steuert wieder an die Kaimauer heran. Dann springt er wieder auf die Kaimauer und geht ein paar Meter zurück zum nächsten Poller, um das Tau dort einzuhängen, das er über die Schulter hängen hat. Mit dem anderen Tauende kommt er zurück, zieht das Tau stramm und macht es ebenfalls an Bord fest.

Dann schaltet er die Elektromotoren aus, schiebt einen Deckel über der Tür nach vorne und öffnet die Tür zur Kabine. Er hält sich rechts und links fest und dreht sich drei Stufen tiefer zu mir um.

„So, jetzt du,“ sagt er. „Aber dreh dich um und komm rückwärts runter. Halte dich rechts und links fest und schau auf die Stufen!“

Die Stufen sind senkrecht untereinander angeordnet wie Regalbretter. Ich stelle meine Füße vorsichtig hinein und bin nun doch froh, dass Maik dabei ist und auf mich achtet. Unten drehe ich mich um und sehe rechts neben dem ‚Niedergang‘ eine Miniküchenzeile und links zwei Bänke mit einem Tisch dazwischen. Hier können vier Personen eng sitzen.

Dann kommt eine Zwischenwand mit Durchgang. Maik setzt sich einen Moment auf den Tisch, so dass ich vorbei komme. Hinter dem Durchgang sind zwei Couchen an den Wänden eingebaut. Dann kommt wieder so ein Niedergang, über den man wohl nach vorne auf das Sonnendeck kommt.

„Und wo ist die Toilette?“ frage ich Maik.

Er ist mir gefolgt. Jetzt weicht er wieder bis zum Aufenthaltsraum zurück und öffnet links eine Tür.

„Hier hast du die ‚Nasszelle‘,“ sagt er. „Eine Campingtoilette und eine Dusche, nicht sehr geräumig, gebe ich zu…“

„Ah, okay,“ antworte ich und schaue hinein. „Wo ist denn das Waschbecken?“

„Hinten,“ erklärt er mir. „Das ist Wasch- und Spülbecken in einem.“

„Oh,“ meine ich und lächele ihn an. „Sehr spartanisch…“

„Du wirst sehen, das reicht völlig für einen Trip von ein paar Tagen. Du wirst dich schnell daran gewöhnt haben. Platz ist eben Geld und eine Luxusyacht ist die Escargot nicht!“

„Die was?“ frage ich.

„Escargot ist französisch und bedeutet ‚Schnecke‘. Schnell kommen wir nun wirklich nicht voran. Aber für uns gilt sowieso ‚der Weg ist das Ziel‘! Wir können unterwegs so viel erleben, wenn wir nicht schnell an allem vorbei rauschen, nur das Fahrtziel im Kopf…“

„Da hast du recht!“ bestätige ich ihn und gebe ihm einen Kuss.

Dabei lasse ich mich ihm in die Arme fallen. Er fängt mich souverän auf.

„Wie lässt es sich denn schlafen auf den schmalen Sitzflächen vorne?“ frage ich ihn und schaue zu ihm auf.

„Der Mittelgang wird zugemacht, indem die Sitzfläche einer Couch vorgezogen wird. Dabei klappt die Rückenlehne runter und gibt Fächer mit dem Bettzeug frei,“ erklärt er mir.

Ich bin auf heute Abend gespannt.

„Und was bietet die Küche zu Mittag?“ frage ich ihn.

„Magst du Crêpes oder auch Wraps?“

„Dünne Pfannkuchen?“

„Ja, die kann man mit allem möglichen füllen. Ich verteile Gehacktes auf einer Schale und erhitze es unter rühren, Zwiebeln kommen hinzu. Dann nehme ich es aus dem Ofen und rühre Ketchup unter. Mais und Kidney-Bohnen kommen hinzu. Zum Schluss schneide ich eine Tomate in Würfel und vermenge sie damit. Dann bestreiche ich zwei Wraps mit Schmand, lege je zwei Salatblätter drauf. Darüber kommt das Fleisch-Gemüse-Gemisch und darüber je zwei Schmelzkäse-Scheiben. Dann rolle ich die Wraps auf und serviere sie auf zwei Teller.“

„Au ja, das mach mal,“ sage ich, zwinkere ihm zu und setze mich auf eine der Bänke im Aufenthaltsraum.

Inzwischen ist es kurz nach dreizehn Uhr. Da bin ich mal gespannt, ob das schmeckt, was er mir da erzählt hat. Er beginnt mit seiner Arbeit und dreht mir dabei den Rücken zu.

Plötzlich dreht er sich um und stellt mir eine Schüssel mit dem Rest Hackfleisch, einem offenen Karton Paniermehl und einem Karton Eier vor die Nase.

„Würdest du bitte Frikadellenmasse herstellen?“ fragt er mich.

„Gerne,“ lächele ich zurück. „Machst du die Frikadellen dazu?“

Er stellt noch ein Schälchen gehackte Zwiebeln dazu.

„Die brate ich jetzt auch. Dann haben wir das Wichtigste schonmal fertig, um Hamburger herzustellen, wenn du zwischendurch welche magst, oder zum Abendessen später.“

„Wunderbar,“ sage ich. Papa ist oft mit uns zu Hamburger-Restaurants gefahren, wenn wir zu Ausflügen in Freizeitparks unterwegs waren. Also bemühe ich mich, so etwas hin zu bekommen.

„Das wären meine ersten eigenen Frikadellen,“ warne ich Maik lächelnd vor.

Und wenige Minuten später brauche ich schon seine Hilfe:

„Maik…“

Ich hebe meine Hände aus einer ziemlich flüssigen Masse und schaue ihn hilfesuchend an. Er lächelt und meint:

„Nicht schlimm, Liebes. Nimm mehr Paniermehl, dann wird die Masse wieder knetbar.“

„Wenn ich den Karton jetzt anfasse…“

Er beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen Kuss. Danach schüttet er etwas Paniermehl dazu und lässt mich weiter kneten. Das wiederholt er mehrfach, bis mir die Masse nicht mehr so an den Fingern klebt.

„Das werden jetzt Fleischbrötchen…“ meint er lächelnd dazu.

„Bist du mir böse?“ frage ich unsicher.

Er schüttelt den Kopf und leert den Tisch vor mir.

„Kannst du aufstehen, um deine Hände am Becken zu waschen?“ fragt er dann.

„Ich weiß nicht,“ sage ich. „Ich habe mich bisher immer im Sitzen gewaschen, vom Rolli aus. Ich müsste mich mit einer Hand festhalten.“

„Okay,“ sagt er und sucht unter der Spüle nach einer Plastikschüssel, die er mit Wasser füllt und vor mir auf den Tisch stellt. Seife und Handtuch legt er daneben. „Dann wird es so gehen.“
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Re: LUNA - 9

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:24

Ich nicke und mache einen langen Hals und spitzen Mund. Wieder beugt er sich zu mir herunter und lässt sich nun von mir küssen.

Bald danach essen wir und zwei meiner Frikadellen verschwinden vorerst im Kühlschrank. Die anderen legt er ins Gefrierfach.

Ich lobe ihn für das Essen. Natürlich schmeckt es bei Mama besser. Aber Maik ist ja auch erst 18. Nachdem er alles aufgeräumt und gespült hat, wobei ich abtrocknen darf, sagt er lächelnd:

„Wir sollten weiterfahren, sonst kommen wir nie auf den Seen an.“

Ich nicke und er hilft mir wieder den ‚Niedergang‘ hoch. Auf dem ‚Achterdeck‘ setze ich mich wieder in den Sitz, während Maik die Taue löst und losfährt. Wieder geht es in Fußgängergeschwindigkeit gegen die Strömung im Randkanal dem Naturschutzgebiet entgegen.

Fünf Stunden später und etwa zwanzig Kilometer weiter melde ich mich wieder:

„Maik…, ich habe Hunger.“

Dabei schaue ich ihn mit gesenktem Kopf unter den Augenlidern hervor an. Er schaut zu mir und lacht.

„Ich wollte noch ein oder zwei Stunden weiterfahren bis es zu dämmern beginnt und dann die Escargot für die Nacht fertigmachen. – Aber natürlich, du hast Recht: Wenn ich in mich hinein höre, regt sich da auch der Hunger.
Denkst du, du kannst die Escargot ein paar Minuten in der Kanalmitte halten, so wie jetzt? Dann gehe ich nach unten und mache schnell zwei Hamburger fertig. Rufe mich sofort, wenn uns ein anderes Boot entgegen kommt!“

Maik steht auf und hilft mir, mich auf seinen Sitz zu setzen, damit ich an das Steuerrad komme. Dann geht er nach unten und ich höre es ab und zu klappern. Nach fünf Minuten etwa rufe ich nach ihm:

„Maik, vorne kommt ein Ruderboot…“

Schnell ist er bei mir und steuert unser Kabinenboot an die Kaimauer heran. Im Abstand von einem halben Meter vielleicht, steuert er wieder gerade aus und gibt mir das Steuerrad wieder in die Hand.

„Versuche, das Boot ruhig zu halten,“ sagt er zu mir. „Bleib in dem Abstand zum Ufer, den wir jetzt haben. Ich bin sofort unten fertig.“

Dann ist er wieder in der Kabine. Als das Ruderboot an uns vorbeitreibt – die Männer haben ihre Ruder aus dem Wasser gehoben -, kommt Maik gerade hoch und hat zwei in Küchenpapier eingeschlagene Brötchen mit den Frikadellen, Gurken, Tomate und Ketchup in den Händen. Er übergibt mir eins und winkt den Männern mit der jetzt freien Hand. Die Männer tauchen ihre Ruder wieder ins Wasser und sind bald kleiner geworden.

„Du kannst sehr gut steuern,“ lobt Maik mich. „Ich glaube, ich kann dich öfter alleine lassen.“

Ich schaue ihn mit großen Augen an und meine schüchtern:

„Solange es nur geradeaus geht…“

Er lächelt zurück.

„Das lernst du alles mit der Zeit! Für jetzt hast du Recht: Solange es geradeaus geht, kann ich dich allein lassen, um etwas in der Küche zu tun, zum Beispiel.“

Als es zu dämmern beginnt halten wir nach Pollern auf der Kaimauer Ausschau. Gut zwanzig Minuten später macht Maik das Boot am Ufer fest.

„Hier übernachten wir und fahren morgen weiter,“ sagt er.

Er hilft mir wieder den Niedergang hinunter und fragt mich:

„Magst du noch ein Video schauen, oder bist du schon zu müde?“

„Ich habe doch heute weiter nichts getan, als herum zu sitzen,“ schmolle ich. „Dann schon lieber ein Video. – Oder, wo sind wir hier eigentlich?“

Maik holt eine Karte aus einem Regalfach und breitet sie auf dem Tisch aus. Ich setze mich.

„Wir sind um elf Uhr etwa gestartet,“ sagt er. „Jetzt haben wir halb zehn und eine Stunde haben wir Pause gemacht. Neunundeinhalb Stunden bei durchschnittlich vier Stundenkilometer sind 38 Kilometer.“

Er nimmt einen Zirkel mit zwei Metallspitzen aus einer flachen Schublade und misst damit einen Kilometer am Rand der Karte ab. Dann sticht er an der Brücke, wo wir gestartet sind, in die Karte und bewegt den Zirkel am Kanal entlang über die Karte, indem er ihn dreht und immer wieder neu einsticht. Dabei zählt er, wie oft er das macht. Schließlich zeigt er auf die Karte und sagt:

„Hier sind wir jetzt.“

„Weit und breit ist kein Ort oder ein Bauernhof,“ stelle ich fest. „Aber das Naturschutzgebiet ist ganz in der Nähe und hier liegt das ‚Haus am See‘.

Ich zeige auf die Karte.

„Ja, stimmt,“ bestätigt er meine Feststellung.

„Keine Menschen in der Nähe und kein anderes Boot – da könnte ich doch einmal die LUNA sein…“ sage ich verschmitzt lächelnd und schaue zu ihm auf.

Er faltet die Karte wieder zusammen und legt den Zirkel weg, dann antwortet er lächelnd:

„Okayyy, aber zuerst bauen wir die Betten und machen alles für die Nacht fertig. Dann machen wir einen kleinen Ausflug in die Umgebung.“

Maik geht nach vorne und zieht die Sitzfläche einer Bank vor. Er holt das Bettzeug darunter hervor. Dann hängt er das Rückenpolster aus und legt es auf die Lücke. Dahinter kommt ein Regal zum Vorschein. Nun legt er das Bettzeug auf und zieht es glatt. Dann zieht er sich seine Schuhe aus und verfährt genauso mit dem Bett daneben. Um das Bettzeug festzustecken muss er auf das Bett klettern. Schließlich zieht er sich die Schuhe wieder an und nimmt eine dünne Taschenlampe aus der Schublade, in der auch der Zirkel liegt, den er vorhin gebraucht hat.

Er sichert mich wieder beim Erklimmen des Niedergangs und fragt:

„Hast du eigentlich Knieschoner und Lederhandschuhe, damit du dich nicht verletzt an spitzen Steinen, mit denen man draußen immer rechnen muss?“

Ich schüttele den Kopf.

„Leider nein, mein fürsorgliches Herrchen.“

Ich kann im Dunkeln schemenhaft sehen, dass er grinst. Er geht noch einmal zurück in die Kabine.

„Knieschoner hab ich da, aber keine Lederhandschuhe…“

Er hilft mir die Knieschoner anzuziehen. Dann klettere ich im Vierfüßler-Gang auf die Kaimauer und von dort auf den Kiesweg, der beidseitig des Kanals seinem Lauf folgt. Maik verschließt die Kabine und folgt mir auf den Weg.

Wir gehen ein paar Meter den Weg entlang, dann biegt er auf die Grasfläche ab, die landseitig neben dem Weg liegt. Ich folge ihm.

Maik lässt den Lichtkegel der Taschenlampe wandern. Im Licht der Taschenlampe kann man vereinzelt wachsende Büsche und Bäume erkennen. Wir gehen darauf zu.

Nachdem wir uns ein gutes Stück vom Kanal entfernt haben, erfasst der Lichtkegel ein Tier, das zwischen zwei Büschen steht und aufmerksam zu uns herüber schaut. Maik richtet die Taschenlampe voll auf das Tier. Es sieht aus, wie ein Hund. Aber hier, wo weit und breit kein Mensch ist? Ein Streuner vielleicht?

„Wir gehen langsam an dem Tier vorbei,“ entscheidet Maik. „Wir halten aber Abstand!“

Also biegen wir etwas von der Geraden ab und gehen weiter. Das Tier hat ein rotbraunes Fell und plötzlich kann ich ein Junges unter dem Busch erkennen. Nun hilft auch das Mondlicht dabei, mehr zu erkennen.

Maik schüttelt den Kopf.

„Komm, wir gehen zurück! Ich weiß jetzt, was es ist: Eine Fähe mit ihrem Welpen. Sollte sie uns angreifen, um ihr Junges zu schützen, müssten wir die Bootstour abbrechen und einen Arzt aufsuchen.“

„Warum?“ frage ich und mache ein verständnisloses Gesicht.

„Tollwutgefahr!“ sagt er knapp und dreht um.

Ich bleibe kurz verdattert sitzen. Dann laufe ich hinter Maik her und frage ihn:

„Was ist eine Fähe?“

„So nennt man einen weiblichen Fuchs,“ sagt er.

„Eine Füchsin mit ihrem Welpen in freier Natur!“ rufe ich gedämpft aus.

So ein Erlebnis habe ich noch nie gehabt.

„Wäre dir ein Wolf lieber gewesen?“ versetzt Maik.

„Es gibt doch keine Wölfe mehr!“ antworte ich protestierend.

„Sei dir da nicht so sicher,“ meint er. „Es werden immer mal welche entdeckt, seit vor zwanzig Jahren der eiserne Vorhang in Europa niedergerissen wurde. Seit dem Atomunfall in Tschernobyl können es auch verstrahlte Rudel sein. Sie können ebenso die Tollwut übertragen.“

„Ganze Rudel!?“

Ich bin erstaunt und leicht verängstigt.

„Ja, Wölfe sind nun mal Rudeltiere. Aber Rudel haben selten mehr als ein halbes Dutzend Tiere. Wölfe sind scheu. Du könntest allenfalls einzelne Tiere sehen – Kundschafter!“

„Ich wäre jetzt schon lieber an Bord,“ meine ich und drücke mich an Maiks Bein.

Er lacht und meint:

„Keine Angst, wenn da eine Fähe einen Ausflug mit ihrem Welpen macht, wird kein Wolf in der Nähe sein. Sie hätte die Anwesenheit von Wölfen gespürt. Wölfe spüren ebenso die Anwesenheit von Menschen und halten sich versteckt. Wer sich darauf versteht, kann tagsüber allenfalls deren Spuren sehen.“

„Trotzdem…“ antworte ich.

Er streicht mir sanft über das Haar.

„Wir sind ja gleich wieder zurück!“ versucht er mich zu beruhigen.

Und wirklich, kurz darauf habe ich wieder Kies unter den Knien.

„Wir müssen ein Stück zurückgehen,“ meint Maik.

Wenig später taucht unser Boot im Lichtkegel der Taschenlampe auf. Bald darauf klettere ich an Bord und Maik öffnet den Niedergang.

Ich habe mich auf einen der Sitze gesetzt und löse die Knieschoner vom Bein. Sie stören mich beim Aufrechtgehen. Ich gebe sie Maik. Er geht zu erst nach unten. Dann nutze ich den Niedergang. Maik steht wie immer da und passt auf, dass ich keinen Fehltritt mache. Er schließt den Niedergang wieder und macht Licht. Ich wasche mir nun die Hände am Becken, während Maik schon nach vorne geht.

„Ich muss mal,“ sage ich und betrete die Nasszelle zwischen den beiden Räumen der Kabine.

Als ich heraus komme, hat Maik alle Deckenlampen gelöscht und eine kleine ‚Funzel‘ an seinem Bett eingeschaltet. Er liegt schon unter der Decke, also krabbele ich auf die Liegefläche und schlage die Steppdecke über mich. Ich drehe mich zu Maik und schaue ihn an.

„Der Ausflug hat ja nur eine halbe Stunde gedauert…“

„Ooooch,“ macht er und legt mir seinen Arm um die Schultern. „Welches ist Beautys Lieblingsplatz über Nacht? Schläft sie an ihrem Platz in deinem Zimmer oder im Flur?“

Ich lächele.

„Wenn ich morgens aufwache, liegt sie auf dem Rücken neben mir im Bett. Ich streich ihr dann oft über Brust und Bauch und sie blinzelt mich an und scheint zu grinsen,“ erzähle ich ihm.

„Okay,“ sagt er lächelnd. „Dann schläft die Luna des Nachts auch an meine Seite gekuschelt.“

Er beugt sich zu mir herüber und gibt mir einen langen Kuss, der mich atemlos werden lässt.

*


Am Morgen des nächsten Tages werde ich vom ungewohnten Tageslicht wach. Zuhause weckt mich der Wecker, der auf Musik eingestellt ist. Würde ich vom Weckton geweckt, würde der Wecker nicht lange leben. Da die Rollläden herab gelassen sind, ist es da noch stockfinster.

Hier gibt es keinen Wecker, dafür scheint die aufgehende Sonne durch die Gardinen und taucht die Kabine in ein ungewohntes Dämmerlicht.

Maik regt sich noch nicht. Also kuschele ich mich an ihn und schließe noch einmal die Augen. Bald rührt er sich, hebt den Kopf und gähnt. Dann beginnt er zart über meine Brust und Bauch zu streicheln. Ich drehe mich auf den Rücken und schaue in sein lächelndes Gesicht.

„Guten Morgen, Luna,“ begrüßt er mich. „Hast du gut geschlafen?“

„An deiner Seite – immer!“ bestätige ich ihm und gebe ihm einen Kuss.

„Wenn du willst, kannst du weiterhin in deiner Rolle bleiben. Dann bist du halt der Bordhund LUNA,“ antwortet er lächelnd.

Das macht mich neugierig. Nicht bloß ein paar Minuten in eine andere Welt eintauchen, sondern eine ganze Zeitlang…

„Geh ruhig schonmal ins Bad und mach dich frisch!“ meint er.

Ich rutsche also von der Liegefläche und gehe in die Nasszelle, mich überall festhaltend. Als ich wenige Minuten später heraus komme, hat er das Bettzeug zusammen gelegt.

„Lass die Liegefläche so,“ bitte ich ihn. „Dann komme ich einfacher auf das Sonnendeck.“

„Gern,“ antwortet Maik. „Aber das Bettzeug verstaue ich.“

Er hebt eine der Rückenlehnen an und versenkt das Bettzeug in den Bettkasten darunter.

„Da fällt mir ein: Den Inhalt unserer Reisetaschen könnte ich in den Regalen hier stapeln,“ meint er dann, hebt die Rückenlehne auf der anderen Seite an, holt unsere beiden Reisetaschen hoch und legt den Inhalt sauber nebeneinander in die Regale, die sonst von den Rückenlehnen verdeckt worden wären. Die leeren Taschen legt er wieder zurück und schließt den Bettkasten.

„Dann solltest du aber auch auf allen Vieren bleiben,“ sagt er nun.

Ich nicke und beuge mich hinunter. Maik drückt sich an mir vorbei und geht nach hinten in den Aufenthaltsraum. Er nennt sie ‚Kombüse‘, während er zum Schlafraum ‚Salon‘ sagt. Jetzt beginnt er das Frühstück zu bereiten. Ich nähere mich ihm langsam auf allen Vieren, bleibe aber aus Mangel an Fußraum im Durchgang neben der Nasszelle.

Als der Kaffee fertig ist setzt er sich an den Tisch, auf dem inzwischen alles steht. Er schmiert sich ein Brot mit Quark und Marmelade und beginnt, es in kleine Stücke zu schneiden. Neugierig nähere ich mich ihm und schaue aus dem Gang zwischen der Küchenzeile und der Sitzgruppe zu ihm auf.

„Du möchtest natürlich auch frühstücken,“ sagt er lächelnd.

Er greift sich eins der kleingeschnittenen Stücke Brot und hält es mir hin. Ich schürze die Lippen und nehme es ihm damit aus den Fingern. Während ich kaue, nimmt er eine kleine Thermosflasche vom Tisch, zieht den Verschluss zurück und hält sie mir hin. Ich nehme einen Schluck und schmecke, dass es Kakao ist, mein Lieblingsgetränk. Er hat also speziell für mich etwas zubereitet. Ich reibe meine Wange an seinem Oberschenkel und schaue noch einmal zu ihm hoch. Er greift auf sein Brettchen und hält mir ein weiteres Stück Brot hin. Auf diese Weise sind wir bestimmt eine halbe Stunde beschäftigt. Dann räumt er alles auf und spült kurz das gebrauchte Geschirr.

„Wir sollten uns langsam auf den Weg machen,“ meint er und geht auf das Achterdeck.

„Als LUNA kann ich aber kaum auf den Sitz neben dir,“ spreche ich ihn an, als er gerade zum Losmachen an Land gehen will.

Ich habe mich an den Niedergang gekniet und stütze mich an der Unterkante der Luke mit den Händen ab.

„Das kommt auf dich drauf an, wie tief du in deine Rolle hinein willst,“ meint er. „Die Mädels in dem Manga laufen ja auch zweibeinig herum und tragen Kleidung, sind also für Beobachter von außen kaum als Hündinnen zu identifizieren.“

„Bis auf die Ohren und Schwänze,“ gebe ich zu bedenken.

„Das könntest du tragen. Menschen, die uns begegnen würden das für irgendeine Mode halten oder ein Kostüm. Das Boot ist schnell vorbei und wir damit aus ihrem Gedächtnis verschwunden.“

„Wenn ich auf allen Vieren bleiben will?“ frage ich erwartungsvoll.

„Den Sitz ausbauen kann ich leider nicht,“ antwortet Maik. „Da sind ja auch die Pedale, das Zahnrad und die Kette. Du könntest dich verletzen, wenn das Boot eine unverhoffte Bewegung macht, durch die Wellen, die ein vergleichbares Boot verursacht.
Du kannst aber über die Liegefläche nach vorne auf das Sonnendeck und dich dort faul von der Sonne bescheinen lassen…“

Ich lächele erwartungsvoll und frage: „Machst du den öfter Pause als gestern und kümmerst dich mehr um deine LUNA?“

Er lächelt zurück, hockt sich hin und gibt mir einen Kuss.

„Versprochen!“ sagt er.

Er löst das Tau hinten und schwingt es aus dem Poller heraus. Dann startet er den Elektromotor und stellt den Fahrthebel auf langsam voraus, so dass das Tau vorne nicht mehr so straff gespannt ist. Danach dreht er das Steuerrad in Richtung Kaimauer. Jetzt gleicht der Elektromotor gerade die Strömung im Kanal aus und das umlaufende Gummi, der ‚Abweiser‘, wird gegen den Beton der Kaimauer gedrückt.

Maik springt von Bord und läuft die wenigen Meter nach vorne, um das Tau auszuhängen. Mit dem ‚Auge‘ des Taus in der Hand kommt er zurückgelaufen und springt an Bord. Dadurch kommt das Boot wohl wenige Millimeter von der Kaimauer frei. Es ruckt. Aber das Steuer drückt das Boot wieder an die Kaimauer zurück. Maik hängt das Tau ein und dreht das Steuerrad in Richtung Kanal. Wir kommen von der Mauer frei und Kai drückt den Fahrthebel weiter nach vorn. Nach wenigen Minuten sind wir in der Kanalmitte und folgen seinem Verlauf in der Landschaft.
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Re: LUNA - 10

Beitragvon SirHermann » 4. Okt 2016 11:37

Bis jetzt war ja noch Action. Nun sitzt Maik auf seinem Platz und bewegt nur ab und zu das Steuerrad ein wenig. Gelangweilt verlasse ich meinen Platz am Niedergang der Kombüse und ziehe mich weiter in die Kabine zurück.

Langsam steige ich auf die gepolsterte Liegefläche im Salon und beobachte die vorbeiziehende Landschaft durch die Fenster. Währenddessen habe ich mich hingelegt und bin wohl eingenickt. Als ich wieder wach werde zeigt die Uhr, dass eine Stunde vergangen ist.

Ich krabbele nach vorne und öffne die Luke zum Sonnendeck. Dann krabbele ich hinaus und knie mich kurz hin, um Maik zuzuwinken.

„Klettere nicht auf das Kabinendach,“ ermahnt er mich. „Und balanciere auch nicht über das ‚Gangbord‘ nach hinten. Gehe lieber immer durch die Kabine von vorn nach hinten und umgekehrt.“

Ich nicke ihm zu und lege mich in die Sonne. Das Tau vorne liegt ja nun nicht ‚aufgeschossen‘ hier auf dem Sonnendeck, sondern hängt an der Seite des Bootes. Ich relaxe auf dem Rücken liegend und beobachte die Wolken über mir.

Plötzlich klatscht irgendetwas in das Wasser neben mir außerhalb der Bordwand. Verwirrt hebe ich den Kopf. Ich kann aber nur kreisförmige Wellen erkennen, wo etwas ins Wasser gefallen sein muss. Da kommt ein Etwas hoch, das sich als Vogel entpuppt mit blauem Gefieder. Mühsam kommt er vom Wasser frei und steigt hoch in die Luft. Er strebt auf einen Baum zu, wo er sich im Geäst niederlässt. Nun kann ich ihn leider nicht mehr sehen.

Meine Aufmerksamkeit gilt nun mehr der Umgebung, als den Wolken. Wir haben den Randkanal verlassen und sind wohl schon in einem der Seen des Naturschutzgebietes angekommen. Von Zeit zu Zeit fahren wir an roten und grünen Bojen vorbei. Das eigentliche Ufer des Sees ist nur selten zu sehen. Zumeist wird es von dichtem Schilf verdeckt. Oder eine Weide lässt ihre langen biegsamen Zweige ins Wasser hängen.

Bisher sind wir zwischen den roten und grünen Bojen hindurch gefahren. Auf einmal sehe ich beide an einer Seite der Escargot und dann erschreckt mich ein Rasseln vorne am Boot. Ich schaue vorsichtig über die Bordwand und sehe, wie eine Kette aus einem ‚Bullauge‘ heraus kommt. Dann ändert sich das Summen des Motors und die Kette spannt sich. Gleich darauf höre ich hinten bei Maik das gleiche Rasseln.

Ich schaue über das Kabinendach zurück und frage Maik:

„Was machst du?“

„Ich habe hier außerhalb der Fahrrinne geankert. Ich wollte dich etwas beschäftigen und dann etwas zu Mittag machen,“ antwortet er mir.

„Oh, ist schon so viel Zeit vergangen?“ frage ich und krabbele zu der Luke, um in den Salon zu kommen.

Maik steigt auch schon den Niedergang zur Kombüse herunter und kommt mir entgegen.

„Als Hündin, die im Haushalt ihres Besitzers lebt, solltest du ein paar Kommandos kennen,“ meint er augenzwinkernd. „Wir haben sie ja schon geübt, aber Wiederholungen schaden nie!“

In der nächsten halben Stunde führt er mich durch das ganze Repertoire von Hunde-Kommandos. Schließlich meint er:

„So, jetzt mache ich uns etwas zu essen.“

Er geht zurück in die Kombüse und schüttelt Backofen-Frites aus der Tüte auf ein Backblech. Dann mischt er aus Tomatenketchup mit kleingeschnittenem Paprika und Zwiebeln eine Soße und wärmt die letzten zwei Frikadellen auf, die ich gestern geknetet habe. Dazu schneidet er grünen Salat in Streifen, fügt die restliche Paprika hinzu und gibt Joghurt-Salatsoße darüber. Das Ganze vermengt er mit dem Salatbesteck in der Schüssel.

Als alles fertig ist, füllt er zwei Teller. Das Essen auf einem Teller schneidet er klein und stellt den Teller vor mich auf den Boden der Kabine, dann beginnt er zu essen. Nur ab und zu erhasche ich einen Blick von ihm, wenn ich einmal zu ihm hoch schaue.

Da es für mich ungewohnt ist, mein Essen wie Beauty mit dem Mund aufzunehmen, ist Maik schon vor mir mit seiner Portion fertig. Er wartet geduldig bis auch ich gegessen habe. Nun beugt er sich zu mir herunter und reinigt mir mit einem Küchentuch den Mund. Trotzdem bleibt bei mir das Gefühl, einen schmutzigen Mund zu haben. Entsprechend enttäuscht schaue ich ihn an.

Er räumt Geschirr und Besteck in die Spüle und feuchtet den Zipfel des Spül-Handtuches an, das da hängt. Damit reinigt er mir den Mund noch einmal und trocknet mich mit einem trockenen Zipfel des Tuches ab. Jetzt ziehe ich mich zufrieden auf die Liegefläche im Salon zurück und beobachte sein weiteres Tun in der Kombüse. Er spült und stellt Geschirr und Besteck in die Schränke zurück, wo sie gegen Herausfallen gesichert sind.

Dann nimmt er eine Karte aus dem Regal, breitet sie auf dem Tisch aus und sagt:

„LUNA, ZU MIR!“

Ich steige, neugierig geworden, von der Liegefläche und nähere mich ihm.

„AUF!“ sagt er jetzt und zeigt auf die ihm gegenüberliegende Bank.

Also steige ich mit den Händen und gestreckten Armen auf die Sitzbank und schaue ihn an. Hab ich das Kommando jetzt richtig interpretiert?

Maik lächelt und deutet auf die Karte.

„Das Naturschutzgebiet hat einen hohen Freizeitwert für die Bevölkerung. Natürlich müssen viele Bestimmungen eingehalten werden, aber ein unberührtes Naturschutzgebiet sähe anders aus. Vielleicht hast du ja schon davon gehört…
Neben dem ‚Haus am See‘ gibt es noch zwei Camping- und Caravanplätze. An einem davon fahren wir gleich vorbei. Dann biegen wir in einen Nebenarm ein, wo ich deine Hilfe brauche. Dort bleiben wir über Nacht. Morgen fahren wir bis zum ‚Haus am See‘, essen da und machen uns dann langsam auf den Rückweg.“

Während er das sagt, zeigt er mir auf der Karte, was er anspricht, und schaut mich dann offen an.

„Okay,“ antworte ich und frage: „Wie kann ich dir helfen?“

„Wenn wir gleich losfahren bist du wieder Andrea und sitzt neben mir. Wir radeln ohne Motor am Campingplatz vorbei. Damit erregen wir bestimmt Aufmerksamkeit - und niemand kann sagen, er hätte eine Motoryacht gesehen. So fahren wir dann auch in den Seitenarm hinein. Dort gehe ich aber mit einer Stange nach vorne und lote die Wassertiefe aus. Du radelst dann alleine und steuerst, wie ich es dir sage.“

„Okay,“ wiederhole ich mich und nicke ihm zu.

Dann hilft er mir den Niedergang zum Achterdeck hoch und kommt nach. Oben drück er einen Knopf und es beginnt wieder zu vibrieren und zu rasseln. Maik schaut hinten über die Bordwand, also schaue auch ich neugierig nach draußen.

Die Kette kommt langsam wieder hoch und bald erkenne ich den Anker im Wasser. Maik dreht sich schnell um und stoppt die Winde, dann dreht er mit einen langen Haken die ‚Ankerflunken‘ herum und sagt zu mir:

„Schaltest du bitte wieder ein?“

Ich drehe mich um und drücke auf den Knopf. Wenige Sekunden später erstirbt das Geräusch der Winde mit einem letzten „KLACK“. Maik schaltet die Winde aus. Jetzt hangelt er sich auf dem Gangbord nach vorne und gibt mir von dort Anweisungen:

„Stell den Fahrthebel auf ‚Neutral‘ und schalte die Elektromotoren ein.“

Dann:

„Jetzt den Fahrthebel ein Tick nach vorn. Halte das Steuer fest und drück den Knopf für die Ankerwinde vorn.“

Ich bin etwas nervös, denn von dem Moment an, an dem der Anker hochkommt, halte ich das Boot mit Motorkraft in der schwachen Strömung. Aber vorn scheint alles glatt zu gehen. Nach wenigen Minuten sagt Maik:

„Jetzt kannst du die Winde ausschalten.“

Er kommt auf dem gleichen Weg zu mir zurück, setzt sich auf seinen Platz und drückt den Fahrthebel ein wenig mehr nach vorn. Dann steuert er in die Fahrrinne zurück und schaltet die Motoren aus. Nun beginnt er in die Pedale zu treten. Ich mache es ihm nach und merke, dass es mir Spaß macht. Es ist dasselbe, als säße ich auf unserem Hometrainer zuhause und trainiere meine Beinmuskeln. Das ist wichtig, da sich durch das Rollifahren die Muskulatur der Beine zurückbilden würde – während gleichzeitig meine Armmuskulatur anwächst.

Bald treten die Bäume vom Ufer zurück und machen einem kurzen Sandstand Platz, in dessen Mitte ein zwei Meter breites Betonband in den See führt. Rechts und links davon liegen Paddelboote im Sand. Weiter oben bedeckt Gras den Boden, auf dem Zelte stehen. Im Hintergrund sehe ich zwei Wohnmobile stehen.

Kinder stehen am Ufer und winken uns zu. Andere machen durch Rufe auf uns aufmerksam. Dann sind wir auch schon vorbei. Die Fahrrinne, durch die Bojen begrenzt, führt vom Ufer weg auf einen weitläufigen See mit Schilfinseln hier und da.

Bald steuert Maik zwischen den Bojen hindurch auf eine Bucht zu. Er verlässt damit die Fahrrinne.

„So,“ sagt er. „Hier muss ich vorne staken, damit wir nicht auf eine seichte Stelle geraten und festsitzen. Du musst also vor- oder rückwärts radeln und in die Richtung steuern, die ich dir angebe.“

„Okay,“ bestätige ich.

Er steht auf, beugt sich noch einmal zu mir herunter, um mir einen Kuss zu geben, den ich gern erwidere. Dann geht er wieder über das Gangbord nach vorne. Dort dreht er sich zu mir um und nimmt eine lange Stange vom Kabinendach. Sie war in der Nähe des ‚Handlaufs‘ festgemacht. Er sticht sie neben dem Bug ins Wasser und fühlt so, wann sie den Boden erreicht.

Danach hebt er sie wieder an und schaut, bis zu welcher Markierung sie nass ist. Das macht er immer wieder so und gibt mir Richtungsanweisungen, während die Ufer beiderseits immer näher zu kommen scheinen. Schließlich wird aus der anfänglichen Bucht ein Nebenarm, in den wir uns nun schon seit über zwei Stunden in wirklichem Schneckentempo hinein tasten.

Dann sagt er zu mir:

„Buganker ab!“

Es dauert etwas bis ich realisiert habe, was er meint. Ich habe aufgehört zu radeln und habe endlich den richtigen Knopf gefunden. Der Anker vorne rasselt dem Boden entgegen. Maik befestigt die Stange wieder auf dem Kabinendach und kommt zu mir nach hinten zurück. Er startet die Elektromotoren für einen Moment und fährt rückwärts.

„Der Anker sitzt,“ meint er.

Dann schaltet er die Motoren wieder ab und lässt den Anker hinten herunter. Danach wendet er sich mir zu.

„Es ist ja noch etwas früh, um schon schlafen zu gehen,“ meint Maik. „Was hältst du von einem Filmabend heute?“

„Oh ja, gern,“ sage ich sofort begeistert.

„Aber zuerst gibt es etwas zu essen!“ sagt er und steht auf.

Er geht zum Niedergang und steigt in die Kombüse hinunter. Unten dreht er sich um und schaut mich an.

„Komm ruhig auch her,“ fordert er mich auf.

Ich stehe also aus meinem Sitz auf und trete an den Niedergang heran. Dort drehe ich mich um, wie er mir beigebracht hat und taste mit dem Fuß nach der ersten Stufe. Bald bin ich unten und lasse mich auf der Sitzbank nieder.

Maik gibt einige Früchte in den Zerhacker, und schaltet das Gerät mehrmals kurz ein. Dann lässt er das Früchtemus in eine Schüssel ablaufen und gibt eine kleine Schale Quark hinzu. Nun verrührt er beides. Er füllt die Masse in zwei Schälchen und stellt Brot und Obstsaft dazu auf den Tisch.

Ich möchte ihm beim Zubereiten der Speisen gerne helfen und frage ihn:

„Was gibt es morgen zu essen?“

Er zuckt die Schultern und antwortet:

„Morgen kannst du dir gerne im ‚Haus am See‘ etwas aus der Karte aussuchen. Wir essen dort oder nehmen es mit und essen danach hier an Bord. Morgen früh essen wir was vom Früchtequark übrig bleibt. Übermorgen Mittag – wieder auf freier Strecke – vielleicht wieder Wraps mit Füllung?“

„Das hört sich gut an,“ sage ich und lächele ihn an. „Ich brauche bei dir ja kaum etwas tun…“

Maik lächelt breiter.

„Eure Beauty braucht ja auch im Haushalt nichts tun. Sie lässt es sich gut gehen und folgt nur euren Anweisungen oder ihren Gefühlen. – Und du willst ja gerne meine LUNA sein.“

„Ja, schoooon…“ dehne ich die Antwort.

„Hab kein schlechtes Gewissen dabei,“ sagt Maik eindringlich. „Wenn ich deine Hilfe als menschliches Wesen brauche, sage ich es dir schon! Sieh mal, alleine hätte ich es nicht hier hinein geschafft.“

Das stimmt wohl. Ich nicke ihm stumm zu und schaue ihn verliebt an. Dann schiebt er mir ein Schälchen zu, füllt zwei Gläser mit Fruchtsaft und greift selbst nach dem Brot, um sich eine Scheibe mit dem Früchtequark zu schmieren. Bald bin ich satt und auch Maik hört auf zu essen. Er schabt die Schälchen aus und füllt die Reste wieder in die Schüssel für Morgen. Dann räumt er auf und spült ab.

„Wenn ich mit dem Rollstuhl hier herumfahren könnte, würde ich dir beim Spülen helfen,“ sage ich, während ich ihm beim Arbeiten zuschaue.

„Dafür ist es hier leider zu eng,“ gibt er zurück, „ bleib du also ruhig in deiner Rolle als Luna, mein Bordhund.“

Dabei grinst er mich breit an. Ich senke den Blick.

Als er mit allem fertig ist, geht er nach vorne in den Salon und krabbelt nun seinerseits auf die Liegefläche. Im Knien holt er eine DVD aus dem Regal und steckt sie in den seitlichen Schlitz am TV-Gerät. Inzwischen hat er sich seitlich hingesetzt und an die Wand der Kabine gelehnt. Ich komme zu ihm und kuschele mich bei ihm an.

Der Film startet und ich kann den Titel lesen. Er heißt „The Pet“. Ich bin gespannt.

In dem Film geht es um einen reichen Mann, dessen Hündin gestorben ist. Es war ein Irish Setter namens LARA. Er lebt anscheinend nur für sein Hobby. Seine Frau ist als Unternehmensmanagerin weltweit unterwegs und er hatte seine Hündin selbst trainiert und mir ihr eine Menge Preise gewonnen. Zu dem Haushalt gehören noch ein Fahrer und eine Haushälterin.

Als nun seine Frau beruflich für ein halbes Jahr von Kalifornien in die Schweiz fliegt. Sucht er eine junge Frau, um sie als seine Hündin zu trainieren. Auf diese Idee brachte ihn ein Geschäftsfreund, der gleichzeitig einer Organhändler-Organisation angehört. Der Mann hat ebenfalls eine junge Frau in seinem Haushalt, die er als Hündin trainiert.

Dann schwenkt der Film um und stellt uns eine junge Frau in einer schlimmen seelischen Lage vor. Ihr gehört eine Katze, die sie in eine Tierklinik gebracht hat. Der Arzt dort sagt ihr, dass die Katze auf dem OP-Tisch verstorben sei. Sie hätte ein Schädel-Hirn-Trauma durch stumpfe Gewalt erlitten.

Dann kommt ein junger Mann ins Bild, der sich als der Freund der Frau herausstellt. Ein Trinker, den die Katze wohl genervt hat. Die Frau fragt ihn, ob er ihrer Katze was angetan hat. Das beantwortet er mit Schulterzucken und einer abwertenden Handbewegung, „was ist denn schon eine Katze…“.

Dann wird uns die junge Frau als Blumenverkäuferin auf dem Wochenmarkt vorgestellt. Der reiche Mann kommt hinzu, um Blumen für das Grab seiner LARA zu kaufen. Dabei kommen sie ins Gespräch und er lädt sie nach Feierabend in ein Schnellrestaurant ein.

Dort wird er konkreter. Er bietet ihr 10.000 Dollar, wenn sie sich von ihm zu einem Experiment überreden lässt, nämlich ein Wochenende lang bei ihm als seine Hündin zu leben. Sie findet es komisch und testet ihn, indem sie sich neben ihn auf den Boden setzt und sich von ihm mit dem Nachtisch füttern lässt.

Da sie finanzielle Sorgen hat, geht sie darauf ein. Sie hebt misstrauisch erst einmal einen größeren Betrag von der überwiesenen Summe ab und bezahlt ihre Miete und die Rechnung der Tierklinik. Dann holt sie der Fahrer ab und bringt sie zu dem Anwesen des Mannes. Dort besprechen sie den Ablauf des Wochenendes bei einem guten Essen und er zeigt ihr den Halsreif, der früher seiner LARA gehört hat. Sie soll ihn anlegen und er zeigt ihn ihr in einem Handspiegel.

Dann soll sie sich ausziehen, weil Hunde schließlich auch keine Textilien tragen. Sie zögert erst, ist aber dann doch dazu bereit. Dann machen sie einen Ausflug in den Park, der zum Haus gehört und hier lässt er sie ein Stöckchen apportieren. Dazu läuft sie auf zwei Beinen, bückt sich am Ziel und übergibt dem Mann das Stöckchen, als sie wieder bei ihm ist. Ihm gefällt das Spiel, so dass sie es mehrfach wiederholen muss. Die Nächte verbringt sie in einem geräumigen Käfig.

Dann ist das Wochenende um. Sie darf sich ankleiden und wird vom Fahrer zu ihrer Wohnung zurück gebracht. Vorher bietet ihr der Mann weitere 10.000 Dollar, wenn sie sich entschließt, weitere sechs Monate sein Doggie sein zu wollen. Für den Fall gibt er ihr einen Vertrag mit, den sie unterschreiben soll.

Zuhause findet sie ihren Freund in der Wohnung. Er ist betrunken und eröffnet ihr, dass er mehrere hundert Dollar gefunden hat. Er fragt sie, wo sie das Wochenende über gesteckt hat. Sie antwortet jedoch nicht, sondern geht ins Bad und ins Schlafzimmer, packt ihre Sachen in eine Tasche und verlässt die Wohnung. Sie sucht sich ein Gästezimmer und ruft am nächsten Tag den Mann an, bei dem sie das Wochenende verbracht hat. Sie soll auf den Fahrer warten, der sie zu ihm bringt.

Es entwickelt sich ein enges Verhältnis ohne Sex zwischen ihr und dem Mann. Sie schläft in einem geräumigen Käfig im Entrée des Hauses. Der Mann geht mit ihr hinunter zum Strand, wo sie sich frei austoben kann. Dabei hört man ihre Gedanken:

„Das ist wirkliche Freiheit! Ich bin hier sicher, geliebt, beschützt, sicher, real. Ich kann vertrauen.“

Sein Geschäftsfreund kommt eines Tages zu Besuch und er lässt sich zu einer Wette hinreißen, dass sie in einem Wettlauf schneller ist, als dessen menschliche Hündin. Er trainiert sie daraufhin.

Es wird Winter und er fährt mit ihr zu einem Treffen der Organhandelsgruppe, um sie dort als seine Hündin vorzuführen. Auch die andere menschliche Hündin ist dort. Er gewinnt seine Wette, verliert bei der Veranstaltung jedoch seine Eigentumsmarke. Dies nimmt die Organisation zum Anlass bei ihm aufzutauchen und ihr ein Anästhetikum zu spritzen, um sie mitzunehmen.

Dafür hätte die Organisation ihm 200.000 Dollar gezahlt. Ein Bekannter hilft ihm allerdings, die Leute zu zwingen unverrichteter Dinge wegzufahren. Dennoch stirbt sie wenig später an dem gespritzten Mittel, und er trauert über den Verlust.

Als der Film geendet hat, bleibe ich eine Zeitlang still sitzen. Maik spürt meinen seelischen Zustand, denn er sagt:
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